"The Monuments Men" und "Diplomatie"

Länder: Deutschland

Tags: Berlinale, Schlöndorff, Kino, Die Dossiers

"Du Werner, wo ist eigentlich unser Monet?!" Kinobegeisterte wissen es: Wie klaut man eine Million? Vorgeturnt von Thomas Crown und dem Mädchen aus der Cherry-Bar. Kunst im Kino – als Drama, Komödie oder Thriller und meistens mit Fälschern, Meisterdieben und vor Ölfarbe triefenden Künstlerseelen - Aua, Autsch! Mein Ohr. Doch statt überdreht wie damals noch als Langfinger in Ocean’s Twelve, gibt George Clooney in seinem eigenen Film "The Monuments Men" nun den amerikanischen Guido Knopp. Eine Geschichtsstunde, fünfzig Millionen Dollar teuer, samt Starbesetzung und – deutet man das Filmplakat - Mashup aus Inglourious Basterds und Kill Bill. Und wer sind die Bösen? 

 

Deutschland 1944, ein bunt zusammengewürfelter Haufen kunstbeflissener Alliierter (militärisch ausgedrückt: Sondereinheit Monuments, Fine Arts and Archives program), im Kampf gegen die Zerstörung europäischer Kulturgüter. Ihr hehres Ziel: Kunst retten, bevor die Nazis oder Kampfhandlungen sie zerstören. Inhaltlich erzählt Clooney dabei eine Begebenheit mit wahrem Kern und orientiert sich hierbei an Robert M. Edsels Sachbuch The Monuments Men: Allied Heroes, Nazi Thieves and the Greatest Treasure Hunt in History. Cineastisch erweitern seine ungewöhnlichen Helden das Genre Kunstraub um seine widerlichste Spielart: NS-Raubkunst. Die Folge: Clooneys Geschichte ist eigentlich ein Kriegsfilm, der ein historisch schlecht erschlossenes Thema bearbeitet.

 

Die Bescheidwisser aus der ersten Reihe nörgeln deshalb schon im Vorfeld. Auch deutsche Kunsthistoriker, Denkmalpfleger und Bürger haben einen beachtlichen Teil zu diesem Heldentum beigetragen und: wahre Helden, wie der „Monuments Man“ Ronald Balfour bleiben völlig unberücksichtigt. Ein britischer Kunsthistoriker, der im letzten Kriegsjahr mit seinen Kameraden ganze Städte vor der mutwilligen Zerstörung der Nationalsozialisten rettete. Da fragt sich was Geschichte im Kino überhaupt leisten kann, doch denkt man an den Fall Gurlitt, hat Clooney im Hinblick auf Aktualität voll ins Schwarze getroffen. 590 verschollene Werke in einer Wohnung in München-Schwabing. Zeichnungen von Emil Nolde, Henri Matisse und Pablo Picasso – Kunstwerke, die als zerstört galten. Mehr Relevanzpunkte kann man sich als Regisseur kaum erträumen.

 

ARTE JOURNAL WEEK-END

 

Den Kreis zu diesem Thema schließt Volker Schlöndorff mit seinem Film Diplomatie (Berlinale Special). Hier wird gleich ein ganzes Gesamtkunstwerk gerettet. Paris, am 25. August 1944. Der deutsche Stadtkommandant von Dietrich von Choltitz widersetzt sich Hitlers „Trümmerfeldbefehl“, also die französische Hauptstadt bis zum Schluss zu verteidigen und sie – bei Verlust - in Schutt und Asche zu legen. Warum? Hier kann der Kinobegeisterte auf historisches Vorwissen zurückgreifen: Brennt Paris? (1966) Doch Schlöndorffs Film ist aktueller und basiert auf dem französischen Bühnenerfolg „Diplomatie“ (2011) von Cyril Gely. Ein Wortgefecht über Gehorsam, Vernunft und Menschlichkeit, ausgetragen zwischen dem schwedischen Diplomaten Raoul Nordling (André Dussolier) und dem erwähnten deutschen General (Niels Arestrup/bei René Clément war es noch Gerd Fröbe). 

 

Die Berlinale gibt uns also einen guten Anlass, um tiefer zu bohren.

 

Sven Waskönig

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016