|

Mit der Chemiewaffe leben

Länder: Welt

Tags: Chemiewaffen, Opfer

Was erleiden die Opfer während eines Gasangriffs? Wie kann man weitere Angriffe abwehren? Millionen von Menschen mussten einen chemischen Angriff durchmachen, haben Opfer behandelt oder leben auf von toxischen Blindgängern verseuchtem Land. Hier die Berichte von einigen unter ihnen, von Belgien bis nach Syrien.

Die Kapitel: 

- Die Opfer

- Die Ärzte

- Die Bevölkerung

 

 
Die Opfer

 

Dieser Bericht wurde von dem französischen Leutnant Jules-Henri Guntzberger, dem Kommandanten der 2. Kompanie des 73. Infanterieregiments, nach der Schlacht von Ypern am 22. April 1915 geschrieben, bei der die alliierten Truppen eine schwere Chlorvergiftung erlitten: 

Eine grüne Wolke kam auf uns zu, vom Wind getrieben. Fast gleichzeitig wurden wir buchstäblich erstickt (...)

Jules-Henri Guntzberger, 
Kommandant der 2. Kompanie
des 73. Infanterieregiments,
Ypern 1915

"Ich sah eine undurchsichtige Wolke von grüner Farbe, etwa 10 Meter hoch und besonders dicht an der Basis, die den Boden berührte. Diese Wolke kam auf uns zu, vom Wind getrieben. Fast gleichzeitig wurden wir buchstäblich erstickt (...) und haben die folgenden Beschwerden verspürt: sehr heftigen Brennreiz im Hals und an den Augen, einen starken Klopfschmerz an der Schläfe, Atemprobleme und einen unwiderstehlichen Husten. Wir mussten uns deswegen zurückziehen und wurden von der Wolke verfolgt. Ich sah zu diesem Zeitpunkt viele unserer Männer hinfallen, einige sich wieder erheben, wieder die Flucht ergreifen, wieder hinfallen und von Sturz zu Sturz endlich an der zweiten Stellung ankommen, hinter dem Kanal, wo wir angehalten haben. Dort sind die Soldaten zusammengebrochen und haben nicht aufgehört zu husten und sich zu erbrechen.“

 

Quelle: Ein Bericht von der französischen Internetseite "La guerre des gaz", basierend auf umfassenden Forschungsergebnissen über die Verwendung von chemischen Waffen im Zweiten Weltkrieg.

 

Obwohl die Chemikalien als Kriegswaffen entwickelt worden sind, bleiben die ersten Opfer der Gaseinsätze Zivilisten, denn sie haben keine effizienten Mittel, um sich zu schützen. Darüber hinaus sterben mehr Frauen und Kinder während der Angriffe, denn ihre Körper und ihr Gewebe sind weniger widerstandsfähig als bei Männern.

Die Welt hat die Grausamkeit der Chemiewaffen für den Menschen mitten im syrischen Bürgerkrieg am 21. August 2013 wiederentdeckt. Um zwei Uhr morgens liegt eine junge syrische Frau noch wach. Sie schaut sich mit Bestürzung Youtube-Videos aus dem Osten von Ghuta an, wo die Angriffsserie begann, die in dieser Nacht die Vororte von Damaskus traf. Diese waren bereits vor dem Angriff völlig isoliert und von einer Hungersnot betroffen. 

Quelle: "Retour sur l'attaque chimique du 21 août à Damas", Le Monde  

 

Ameenah Sawwan, die aus Muadamijat al-Scham, einem Vorort von Damaskus kommt, lebt heute als Flüchtling in Gaziantep in der Türkei. Sie erzählt von dem Chemiewaffenangriff, den sie gemeinsam mit ihrer Familie erlebt hat, als seinerseits der westliche Teil von Ghuta angegriffen wurde.

 
Ameenah Sawwan raconte une attaque chimique en Syrie

 

Die Ärzte

Dr. Paul Voivenel ("La Guerre des gaz; journal d'une ambulance Z", Paris, La Renaissance du Livre, 1919, Paul Voivenel und Paul Martin) berichtete von einer Chlorvergiftung, der sogenannten "Poilus" bei den französischen Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg, die er behandelt hat:

Anstelle der leisen Töne einer normalen Atmung, hörte man eine Mischung von röchelnden und klappernden Geräuschen, fein und schnarchend, es erinnerte an knisterndes Salz, an Haare, die man zerknautscht, vermischt mit den glucksenden Geräuschen einer Flüssigkeit.

Dr. Paul Voivenel,
Arzt während des 1. Weltkrieges

"Was für ein Kampf! Schleimiger Mageninhalt und schaumartige Lungenflüssigkeit tropfte am Fuße jedes Bettes, das elende Purpurrot des Bluts befleckte die Laken. Erschütterte Augen, ein Brustkorb, der sich wie wild hebt und senkt, ein völlig verschleimter Mund, die Sterbenden atmeten den Sauerstoff, der nicht in ihren Lungen ankommen konnte, denn diese waren mit Wasser gefüllt. Die meisten waren lila angelaufen und ihre Halsgefäße schienen kurz vor dem Aufplatzen. Mit klarem Bewusstsein wohnten sie dem Tod ihres eigenen Körpers bei. Nur zwei hatten das Glück im Unglück, ins Delirium zu verfallen und wollten sich auf den Gegner stürzen, der sie angriff. Ein Dritter, regungslos, auf dem Rücken liegend, bleich wie Marmor, mit flacher Atmung, aber ohne Schaum vor dem Mund,  murmelte unverständliche Worte und folgte manchmal mit erhobener Hand seinen Halluzinationen, die ruhig erschienen. Bei dem Abhören konnte man in der Lunge die aufsteigende Flut hören, die die Lungenbläschen überschwemmte. Anstelle der leisen Töne einer normalen Atmung, hörte man eine Mischung von röchelnden und klappernden Geräuschen, fein und schnarchend, es erinnerte an knisterndes Salz, an Haare, die man zerknautscht, vermischt mit den glucksenden Geräuschen einer Flüssigkeit, die von Luft stark aufgewühlt wird. Dies ergab bei einigen Patienten ein eindrückliches inneres Getöse, das wir als den "Lärm des Sturmes" bezeichnet haben. Und die zerreißenden Hustenanfälle folgten dicht aufeinander, unstillbar (...).

 

Quelle: Ein Bericht von der französischen Internetseite "La guerre des gaz“, basierend auf umfassenden Forschungsergebnissen über die Verwendung von chemischen Waffen im Zweiten Weltkrieg.

 

In Syrien wurde vor allem das Nervengift Sarin gegen die Bevölkerung eingesetzt. Während der Dreharbeiten für den Dokumentarfilm erklärte uns ein syrischer Arzt, wie die Menschen starben: "Es gibt drei verschiedene Arten, durch Sarin zu sterben. Den sofortigen Tod durch die Zerstörung des Hirnstamms, die Atembewegung hört sofort auf. Dann die Lähmung der Atemmuskulatur, durch die der Patient nach ungefähr einer Stunde verstirbt. Und schließlich die Ansammlung einer großen Menge an Sekret in den Atemwegen, durch die der Patient innerhalb von 12 bis 24 Stunden sterben wird, wenn er keine geeignete Behandlung erhält. Die allgemeinen Symptome sind Schüttelkrämpfe, verengte Pupillen, starke Sekretbildung, starke Schweißabsonderung, Speichelfluss, Tränenfluss, und dann fällt der Patient ins Koma, ist komplett gelähmt und stirbt." Viele Menschen sind auch im Schlaf gestorben, nach einem quälenden Todeskampf.

Ein Jahr später versuchen syrische Ärzte im Exil in der Türkei, ihren in Syrien verbliebenen Kollegen konkrete Empfehlungen zukommen zu lassen, falls diese neue Angriffe erleben müssen: die Krankenhäuser abschirmen, um Infektionen des medizinischen Personals zu vermeiden, Dekontaminierungszentren einrichten, für Kommunikationswege mit der Außenwelt sorgen, Medikamente wie Atropin (ein Gegenmittel für Sarin), vorrätig haben und medizinische Geräte anschaffen, die reinen Sauerstoff liefern oder Sekrete absaugen können.

Diese Maßnahmen könnten wirkungsvoll Leben retten, aber in Syrien hatten die Ärzte oft nur ein wenig Essig und Zitrone zur Verfügung, mit denen sie die Gesichter der Opfer abtupften. In dieser extremen Krisensituation konzentrierten sie sich deshalb darauf, der abgeschotteten Bevölkerung einige grundlegende Ratschläge zu geben.

 

 

 

Comment soigner les victimes ?

Die Bevölkerung  

Die Region, in der Stijn Butaye, der Sohn von belgischen Bauern aus Poelkapelle, lebt, wurde vom Ersten Weltkrieg entstellt. Seine Kindheit verbrachte er damit, chemische Munitionen auf den Familienfeldern zu sammeln. Nach und nach hat er gelernt, sie zu unterscheiden und nach ihrer Herkunft und ihren Auswirkungen einzuordnen. 

  

Stijn Butaye récolte des munitions chimiques

@nderswo im Netz:

1. "Irak: Die geopferten Kinder von Falludscha" (Feurat Alani - Baozi Prod). Ein Dokumentarfilm, der den beträchtlichen angeborenen Fehlbildungen nachgeht, die die Babys der Stadt seit der Schlacht von Falludscha 2005 zwischen dem US-Militär und irakischen Aufständischen erleiden. Der Einsatz von weißem Phosphor, einer Brandwaffe, die nicht offiziell als chemische Waffe gilt, ist vermutlich Schuld an diesem gesundheitspolitischen und menschlichen Drama. Laut der UN-Waffenkonvention von 1980 „ist es unter allen Umständen verboten, die Zivilbevölkerung zum Ziel eines Angriffs mit Brandwaffen zu machen", aber deren Einsatz für strategische Militärmanöver ist erlaubt.

2. "The Fires Project" ist eine Initiative der Organisation für das Verbot chemischer Waffen. Sie hat das Ziel, durch eine Serie von Filmen denjenigen eine Stimme zu geben, die von fern oder nah mit dem Einsatz chemischer Massenvernichtungswaffen zu tun haben. Der erste Film erzählt die Geschichte von Kayvan Mohammad, einem Überlebenden des Giftgasangriffs von Halabdscha gegen die irakischen Kurden 1988. Der zweite Film ist ein Porträt von Chrétien Schouteten, einem emeritierten niederländischen Professor für Chemie, der versucht, die Gesellschaft für den potentiellen Missbrauch der Wissenschaft zu sensibilisieren. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016