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Ministerinnen im Interview

Länder: Deutschland

Tags: Monika Grütters, Fleur Pellerin

Die Berlinale ist nicht nur Bühne für große Filme, sondern auch Treffpunkt der Kulturschaffenden und ein Forum für Diskussion. Unsere Reporterin Petra Wiegers hat die beiden Frauen am Rande des Filmfestivals getroffen, die in Deutschland und Frankreich für die Kulturpolitik verantwortlich sind : Die Deutsche Staatsministerin Monika Grütters und die französische Kulturministerin Fleur Pellerin. Sie hat sie gefragt, was die klammen Kassen für die Kultur bedeuten und welche Folgen die Attentate auf Charlie Hebdo haben. 

Interview de Fleur Pellerin et Monika Grütters

 

Fleur Pellerin, eine Technokratin in der Kultur

Fleur Pellerin ist wohl das perfekte Abbild der französischen Leistungsgesellschaft: die derzeitige Ministerin für Kultur und Kommunikation, eine Frau asiatischer Herkunft mit beeindruckendem Lebenslauf, hat eine einwandfreie Karriere hingelegt. Zumindest bis zu ihrem Amtsantritt im Kultusministerium in der Rue de Valois. 

Die junge Frau ist Technokratin durch und durch: sie studierte am „Institut d’études politiques de Paris“ (IEP) sowie an der „École supérieure des sciences économiques et commerciales“ (ESSEC) und schloss beide mit einem Diplom ab. Später absolvierte sie eine Ausbildung an der renommierten „École nationale d’administration“ (ENA). Nachdem sie kurz nach ihrer Geburt in Südkorea im Jahr 1973 von einem französischen Paar adoptiert wurde, engagierte sie sich im „Club XXI siècle“, einem Netzwerk für Franzosen mit Migrationshintergund, die dort Kontakt zu unterschiedlichen, französischen Unternehmern und hohen Beamten aufnehmen können.  2010 wurde sie dessen Präsidentin. Auch in Berlin existiert ein solches Netwerk: das "Diversity 21".

Zur Politik wurde sie hingegen erst kürzlich berufen. Sie wuchs in einer linksorientierten bürgerlichen Familie auf und engagierte sich dementsprechend auch in der Sozialistischen Partei. Als „Handlanger“ begleitete sie den Wahlkampf von Lionel Jospin und Ségolène Royal für die Präsidentschaftswahlen. Erst durch die Wahl von François Hollande 2012 wuchs ihr Einflussbereich.

Im Laufe des Wahlkampfs war sie für Angelegenheiten im Bereich der digitalen Wirtschaft zuständig. Es lag also nahe, dass sie anschließend Beigeordnete Ministerin für kleine und mittelständische Unternehmen, Innovation und digitale Wirtschaft im Ministerium für Wirtschaft, Finanzen und Arbeit in Bercy wurde – ein Ressort, in dem sie sich bestens auskennt und in dem sie sich fortan profilieren kann. Sie ruft das Label „French Tech“ ins Leben, das die technologischen Innovationen in Frankreich fördern soll und entwickelt eine Starthilfe für Jungunternehmen. Ihr Auftreten kommt bei den Fachleuten des Milieus gut an, sodass diese vor der Kabinettsumbildung sogar über Twitter mit dem Hashtag „KeepFleur“ zu ihrer Wiederwahl aufrufen. Doch vergeblich: Fleur Pellerin wechselt zunächst in den Außenhandel und vier Monate später, im August 2014, in das Kultusministerium zu Aurélie Filippetti. Dann wird der aufstrebende Stern durch einen Patzer in einer Fernsehsendung auf den Boden zurückgeholt. Pellerin gesteht darin, den Titel des Buches von Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano nicht zu wissen.

Die Frau, die sich bis dato nichts zu Schulden kommen lassen wollte, muss sich fortan in einem Ministerium zurechtfinden, das stärkerer Kritik ausgesetzt ist. Umso mehr, nachdem der Premierminister Manuel Valls die umstrittene Reform zum neuen Status der freiberuflichen Kulturschaffenden, wieder aufgenommen hat. Fleur Pellerin sollte die Reformen zu den audiovisuellen Medien und zur Presseförderung 2015 nutzen, um ihr politisches Profil wieder etwas aufzupolieren.

 

Monika Grütters und die Versöhnung von Politik und Ästhetik

Die 53-jährige Monika Grütters hat schon lange mit der Welt der Kunst zu tun. Neben Germanistik und Politikwissenschaft studierte sie Kunstgeschichte an den Universitäten Münster und Bonn. Später war sie in der Öffentlichkeitsarbeit des Berliner Museums für Verkehr und Technik sowie in der Unternehmenskommunikation der Kunstsammlung bei der Bankgesellschaft Berlin AG tätig. Ihre Nähe zu Kunst und Kultur kommen ihr heute, als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, mehr denn je zu Gute.


Ihre politische Laufbahn begann die gebürtige Münsteranerin bereits mit 21 in der CDU, machte zwischenzeitlich aber vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit wichtiger Berliner Institutionen Karriere. Daneben führte sie ein Lehrauftrag als Honorarprofessorin an die Berliner Hochschule für Musik „Hanns-Eisler“ und an die Freie Universität Berlin, wo sie Öffentlichkeitsarbeit im Studiengang Kulturmanagement und im Masterstudiengang Arts and Media Administration lehrte.


2005 wird sie schließlich Mitglied des Deutschen Bundestags und kann dank ihrer Fachkenntnisse bereits 2009 den Vorsitz des Ausschusses für Kultur und Medien übernehmen. Ihre Ernennung für den Posten der Kulturministerin Ende 2013 nach der Wiederwahl von Angela Merkel wird einstimmig begrüßt. Mit großem Engagement strebt Monika Grütters „die Versöhnung des Politischen mit dem Ästhetischen“.  Sie verhandelt mit Brüssel über den Mehrwertsteuersatz auf digitale Bücher und teilt dabei die Position Frankreichs: Ziel ist ein geringerer Steuersatz, der bis dato nur für Printmedien galt. Darüber hinaus engagiert sie sich für das Großprojekt eines neuen Museums für moderne Kunst in Berlin, das bis 2021 umgesetzt werden soll und für das sie 200 Millionen Euro von der Regierung zur Verfügung gestellt bekommt. Grütters erhöht die Fördergelder für mehrere öffentliche kulturelle Einrichtungen und verwaltet vor allem die immense Akte Gurlitt, eines Kunsthändlers, der in den 1930er Jahren in den Besitz von fast 1200 Gemälden kam, die das Nazi-Regime zum Teil jüdischen Sammlern entwendet hatte. Monika Grütters, die in diesem Bereich hochengagiert ist,  setzt sich für die Einrichtung eines Zentrums für die Erfassung und die Verwaltung von verschwundenem Kulturgut ein.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016