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Merkels sagenumwobene Deutschlandkette

Länder: Deutschland

Tags: Angela Merkel

Lebe lieber unauffällig. Das sind die Deutschen. Den Ball flach halten, man kleidet sich nicht extravagant, Schmuck hat dezent zu sein, Karl Lagerfeld bleibt ein Paradiesvogel. Auch deshalb erregte eine Kette plötzlich Aufsehen.

Als Angela Merkel 2013 gegen ihren sozialdemokratischen Herausforderer Peer Steinbrück im TV Duell antrat, trug sie die Deutschlandkette, die es seither sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht hat. Erstaunlich! Die eher unauffällig gefällige Kette besteht aus Bergkristall, Onyx und Schaumkoralle und erinnert an die Deutschlandflagge, bei genauerem Hinsehen jedoch sind es eher Belgiens Nationalfarben.

2009

trug Merkel die Kette bei ihrer Vereidigung zur Bundeskanzlerin, aber erst 2013 wurden die Medien auf das Schmuckstück aufmerksam.

Merkel hatte die Kette schon oft getragen, auch 2009 bei ihrer Vereidigung zur Bundeskanzlerin, aber erst 2013 warfen die Medien ihre gierigen Augen auf sie, denn im TV-Duell wurde alles zum Zeichen, die Interpretationsmaschine angeworfen: Die Kette stehe für Patriotismus, Siegeszuversicht, sie belege aber auch, so Kritiker, die Inhaltslosigkeit der Politik, lieber würde man windelweiche Symbole in die Welt setzen, als den Bürger intellektuell herauszufordern. Die Kette ist übrigens gar nicht teuer, sie kostet weit unter 1000 Euro und stammt aus Idar-Oberstein.

 

Merkel, die Unaufgeregte - keine Homestorys, kein privates Liebesglück

Ja, so sind die Deutschen. Sie sehnen sich heimlich nach Aufregung, regen sich aber auf, wenn ihnen jemand Anlass gibt, sich aufzuregen. Vielleicht passen Angela Merkel und ihre Politik deshalb so gut zur Bundesrepublik: Merkel verströmt nie Charisma, sie verspricht keine neuen Welten, ihre Worte sind selten pathetisch oder visionär. Sie bleibt, obwohl die Welt so instabil wird, stets die Unaufgeregte, sie scheint die Deutschen vor all den globalen Aufregungen zu bewahren. Mit ihr gibt es keine Homestorys, kein privates Liebesglück oder Unglück, sie arbeitet, arbeitet, arbeitet und arbeitet.

Als Mensch bringt sie sich selbst beinahe zum Verschwinden hinter ihrem Terminkalender und dem Bild der Frau, die sich ganz in den Dienst ihres Land stellt. Dieser preußische Protestantismus, der ganz ohne Säbelrasseln auskommt, unterscheidet sich auch deutlich vom administrativen und individuellen Stil anderer europäischer Leader: Merkel war nie so dynamisch und risikofreudig wie David Cameron, nie so medienlüstern und hyperagil wie Nicolas Sarkozy, nie so sprunghaft und unberechenbar wie Silvio Berlusconi.

 

Merkel, die Zauder-Künstlerin

Merkel bleibt sich treu, wartet, wartet, zögert und entschleunigt und erst dann, wenn alle Optionen sortiert und gewogen waren, entscheidet sie sich. Deshalb hat der Journalist Nikolaus Blome sie die „Zauder-Künstlerin“ genannt. Möglicherweise passt auch das zum Deutschsein, wir neigen selten zu spontaner und improvisierter Lebensführung. Vielleicht findet die Kette eines Tages Eingang ins Museum, denn nur eine Kette ist die Kette schon lange nicht mehr: Sie ist zum Zeichen geworden, sie steht für Pragmatismus, Bescheidenheit, Zuversicht, Zurückhaltung und Konservatismus. Aber auch für den Triumph, denn mit der Kette um den Hals herzte die Kanzlerin die deutschen Fußballer nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2013. Wer weiß, womit wir die Kette noch aufladen?

Zuletzt geändert am 13. Juni 2017