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Mein Tag mit Siri, RESI und den anderen

Länder: Deutschland

Tags: Künstliche Intelligenz, Web, Apps, Smartphones

Laut einer aktuellen Studie nutzt die Hälfte der Deutschen künstlichen Intelligenz (KI) – teilweise ohne davon zu wissen. Daher stelle ich mir die Frage, wie viel KI ich eigentlich selbst nutze. Und: Wird mein Tag besser, wenn ich mehr davon verwende? Ich lebe eigentlich in München, bin aber gerade in der Webredaktion ARTE Info in Straßburg. Also habe ich ein komplett anderes Nutzungsverhalten als zu Hause. Der absolut richtige Zeitpunkt, um einen KI-Tag einzulegen.

Alexa, Cortana, Siri und die anderen Sprachassistenten sind als KIs bekannt, auch wenn ihr Vermögen noch begrenzt ist. Es gibt aber noch viele andere, die wir teilweise gar nicht auf dem Schirm haben. Ein Drittel der Befragten, die in einer neuen Studie des Digitalverbandes Bitkom angegeben hatten, schon einmal KI benutzt zu haben, war sich gar nicht sicher, ob es überhaupt wirklich KI benutzt hat.
 

Siri und Alexa – nein danke!

Zuerst einmal muss ich mich aber als Siri-Hasserin outen. Einmal ausprobiert, kurz gelacht und dann wurde der iPhone-Sprachassistent sofort als unheimlich deklariert und deaktiviert. Es kommt noch schlimmer: In meiner WG in Deutschland liegt seit Monaten eine Alexa von Amazon auf dem Kühlschrank. Mit unserer smarten Alexa ist aber bis jetzt absolut nichts passiert, außer vielleicht, dass sich immer mehr Staub auf ihr sammelt.


Meine Abneigung gegen immer mehr Technologie im Leben kommt zum Beispiel daher, dass ich Dave Eggers‘ "The Circle" nach dem Lesen mit weit aufgerissenen Augen und vielen Horrorgedanken im Kopf weggelegt habe. Auch nach jeder Netflix-Folge von "Black Mirror" und "Dark Net" haben mich die teilweise absolut kranken Szenarien länger nicht in Ruhe gelassen. Wenn ich aber heute ausnahmsweise mit Siri spreche, heißt das ja noch nicht, dass ich morgen einen virtuellen Freund heirate. Hoffentlich. Außerdem wissen Facebook und Google schon jetzt alles über mich.


08:30 Uhr

Ich: "Hey Siri, wie wird das Wetter heute hier?"
Siri: "Im Moment regnet es in Straßburg und es sind 6°C." 
 

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Wäre mit einem einzigen Tippen auf die Wetter-App schneller gegangen. Die angenehme Stimme, die mag ich aber.
Jetzt schiebt sich von oben eine Push-Meldung auf den Bildschirm: Es ist RESI.

RESI ist ein Nachrichten-Chatbot, der in einer pinken App sitzt. Eine künstliche Intelligenz, die mir im Messenger-Format erzählt, was so passiert ist. Gerade schreibt sie mir zum Beispiel, dass Angela Merkel erneut als Kanzlerin kandidieren will, falls die Neuwahlen kommen.
 

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RESI gibt mir seit etwa einem Jahr einen guten Kurzüberblick, wenn ich keine Zeit habe, mich richtig zu informieren. Ähnlich ist Novi, ein Chatbot, der aber über den Facebook Messenger schreibt. RESI bietet mir an, mehr über ein Thema zu erfahren oder zum nächsten Punkt zu gehen. Sie wird immer klüger, weil ich unten einen Haken setzen kann, wenn ich in einem Bereich immer wieder Neuigkeiten haben will. Unvermeidbar, dass dadurch eine personalisierte Nachrichtenblase entsteht. Deshalb klicke ich immer fast alle Themen an.

Nach dem ersten Schluck Kaffee mache ich mir Gedanken darüber, was ich heute Abend mache. "Hey Siri. Ist in der Nähe von ARTE ein Schwimmbad?" Siri schmeißt die Suche an. Liefert mir aber nur unnützes Zeug. Erst ziemlich weit unten finde ich das Schwimmbad Wacken, das sie mir eigentlich ganz oben anzeigen sollte, weil das Bad nur etwas über einen Kilometer entfernt ist.
 

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Eine einfache Suche beim Super-KI-Brain Google bringt da mehr. Bei Maps sehe ich auf einen Blick, welches Bad in der Nähe von ARTE ist. Ich will noch mehr von Siri wissen. Zum Beispiel, wo ich in Straßburg Socken kaufen kann, weil ich gerade welche brauche. Wieder ernüchternd: Siri schlägt mir willkürlich Kleidungsläden vor. Ich weiß aber deshalb nicht, ob es dort Socken gibt. Auch die Suche nach anderem, wie zum Beispiel einer neuen Schwimmbrille, macht mich nicht glücklich. In einem Fahrradladen finde ich die wirklich nicht. Die ganze Fragerei also umsonst und der Blick auf meine Armbanduhr sagt mir, dass ich jetzt zu spät in die Arbeit kommen werde. Danke Siri.


9:20 Uhr

Ich steige ins Auto. "Siri, wie komme ich zu ARTE?" Siri öffnet die Karten-App, die ich nicht mag. Ich wechsle wegen der Zeit schnell zu Google Maps und eine andere Dame mit sanfter Stimme sagt mir den Weg durch die Lautsprecher meines Ford Fiesta. Während sich das grüne Tor der Hinterhofeinfahrt langsam öffnet, rufe ich meine Mutter an. Das lässt sich dank der sogenannten SYNC-Technologie (ein mit dem System verknüpfter Sprachassistent), mit der mein Auto ausgestattet ist, auch einfach erledigen: Knopf am Lenkrad drücken. Es piepst. Danach darf ich sprechen: "Mami in der Arbeit anrufen." Auto antwortet (und es ist schon wieder eine weibliche Stimme): "Mami im Büro wird angerufen." Das Auto kann auch die 112 anrufen, wenn ein Unfall passiert. Es erkennt anhand der GPS-Daten, in welchem Land es ist und setzt den Notruf dann sogar in der passenden Sprache ab. Aber noch zu dumm für KI, der Fiesta kann nicht schlauer werden. Kommende Modelle werden aber wahrscheinlich mit Alexa laufen. Die neuste Version kann zumindest schon Aussagen wie "Ich habe Hunger" verarbeiten. Im Navi werden dann Restaurants angezeigt.


09:40 Uhr

Als ich die Holztür des Redaktionbüros öffne, sehe ich, dass wir heute zu neunt hier drin arbeiten. Ich werde hier also nichts zu Siri sagen und ich gebe zu: Ich hab ohnehin genug davon. Zuerst soll einen längeren Text auf Deutsch übersetzen. Normalerweise mache ich das mit Leo.org und schaue nur die Wörter nach, die ich nicht kenne. Heute soll es aber KI sein: Das Übersetzungsprogramm Google Translate und das neuere DeepL eines Kölner Start-ups. Copy-and-paste und beide Programme erkennen sofort, welche Sprache ich eingebe. Die zwei Programme arbeiten mit einem neuronalen Netzwerk, das in riesigen Datenmengen Muster erkennen kann. Im Vergleich überzeugt DeepL mich aber mehr. Es ist bei der Genauigkeit der Formulierungen einfach treffsicherer. Alles erledigt nach einer halben Stunde. Die Übersetzung also mindestens doppelt so schnell fertig wie sonst. Gelernt habe ich dabei aber nicht viel.

Bei meiner Recherche nach anderen KIs finde ich Poncho. Ein Chatbot, der über den Facebook Messenger kommuniziert. Er ist eine Katze, die eine gelbe Regenkapuze aufhat.
 

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Poncho will unbedingt wissen, wo ich wohne. Jetzt behauptet er, seine Exfreundin wäre auch aus Straßburg. Er sagt mir aber auch das Wetter. Obwohl ich schon weiß, dass er eigentlich aufs Wetter beschränkt ist, will ich auch von ihm wissen, wo das nächste Schwimmbad ist. Er antwortet: "Nope. You won’t want to go swimming. It’s partly cloudly and 5°C in Strasbourg, France." Er ist zumindest lustig. Auf meine Sockenfrage stellt er eine Gegenfrage: Welches Halloweenkostüm ich ihm empfehle. Irre. Aber er wird mir ab jetzt Wetterupdates schicken, inklusive Jogging-Wetter. Das reicht mir.


13:00 Uhr

In der Kantine brauche ich keine KI, das Handy bleibt in der Tasche. Danach gehe ich aber noch schnell in den Parc de l’Orangerie und höre über meine Kopfhörer Spotify. Ja, auch in dieser App ist künstliche Intelligenz drin – KI muss nicht immer einen Namen haben und antworten, wie Siri oder Poncho. Der schwedische Streaming-Dienst Spotify setzt wie zum Beispiel auch Amazon auf Algorithmen. Beim Mix der Woche und den anderen fünf personalisierten Mixtapes zum Beispiel, die auf unsere Präferenzen abgestimmt sind. Mittlerweile ist die Auswahl bei mir skurril genau.

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Mit guter Musik auf den Ohren setze ich mich auf eine der freien Holzbänke im Park und schreibe eine Nachricht bei Whatsapp. Wieder KI – die Autokorrektur. Meine beherrscht mittlerweile sogar Bayerisch. Noch eine andere KI, die uns dauernd unterkommt: Die Gesichtserkennung von Facebook. Obwohl anfangs noch unheimlich, ist sie jetzt normal. Die neuere Gesichtserkennung FaceID vom iPhone 8 oder iPhone X wird das auch irgendwann sein.


Am Nachmittag schreibe ich an einem Artikel und nutze außer Google, Google und nochmal Google keine KI. Nur einmal chatte ich auf Facebook mit Emma. Der Chatbot von Zalando. Wo ich Socken kaufen kann, weiß ich nämlich immer noch nicht. Emma soll mir sagen, welche die besten Bewertungen haben und dann bestelle ich die einfach. Aber Emma schlägt mir Sportsocken vor, dann sexy Overknee-Strümpfe und dann habe ich keine Lust mehr. Ich arbeite weiter. Ohne Socken.

 

18:30 Uhr

Feierabend. Ich steige über das Matschloch neben meinem Auto – hier kann mir keine KI helfen – und verbiege mich, um auf den Fahrersitz zu kommen. Letzte Chance für Siri heute: "Hey Siri, wie komme ich zum nächsten Schwimmbad?" Und siehe da: "Das nächste ist Piscine du Wacken in Strasbourg in der Rue Pierre de Coubertin." Toll, Siri! Und weil ich mich so freue, dass sie das jetzt weiß, fahre ich sogar mit der Karten-App. Maps ist mir trotzdem lieber.
 

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21:30 Uhr

Zwei Stunden später komme ich wieder in mein Airbnb-Zimmer. In der einen Hand habe ich einen Teller Gemüsesuppe, während ich mit der zweiten nach dem Laptop greife. Netflix-Zeit. Auch hier wieder KI-basierte Algorithmen, die mir Filme und Serien vorzuschlagen. Abhängig von Tageszeit, Genres und ob ich die Filme abbreche. Bei mir jetzt ganz oben auf der Empfehlungsliste: "Californication". Die Serie habe ich schon gesehen, das kann Netflix aber nicht wissen, weil ich da noch kein Netflix hatte. Richtig gelacht habe ich, als mir "Marseille" vorgeschlagen wurde, weil ich kurz vorher "House of Cards" angesehen habe. Da wäre ich ja selber nie drauf gekommen.
Netflix ist nahezu pufferfrei. Wo andere Player versagen, weil das WLAN so schlecht ist, gibt’s hier keine Probleme – das ist auch KI. Dabei wird die Bandbreite reduziert, die die Streams brauchen. Das heißt, dass die Inhalte so komprimiert werden, damit die Pufferung weniger wird und das Bild besser. Für mich gerade ein riesen Vorteil, da ich hier extrem schlechtes WLAN habe. Ich entscheide mich für die zweite Staffel von "Stranger Things" und nach zwei Folgen ist bei mir Schicht im Schacht.
 

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23:30 Uhr

Ich klappe den Laptop zu und lege ihn und das Handy möglichst weit weg von mir auf das Schränkchen am anderen Ende des Zimmers. Zu viel KI für mich heute und das war ja nur ein marginaler Teil von dem, was möglich ist (und was so möglich ist, kann man in der Web-Serie "Homo digitalis" nachsehen). Mein letzter Gedanke, bevor ich einschlafe: Ich gehe morgen ganz oldschool in die Innenstadt und suche mir selber einen Laden, in dem es Socken gibt. Vielleicht ziehe ich sogar ohne Handy los.

Definition künstliche Intelligenz:
"Künstliche Intelligenz ist die Eigenschaft eines IT-Systems, menschenähnliche, intelligente Verhaltensweisen zu zeigen. Dazu sind in unterschiedlichen Anteilen bestimmte Kernfähigkeiten notwendig: wahrnehmen, verstehen, handeln und lernen. Diese erweitern das Grundprinzip aller EDV-Systeme: Eingabe – Verarbeitung – Ausgabe. Das wirklich Neue ist vor allem das Lernen. Heutigen "echten" KI-Systemen ist gemein, dass sie in der Verarbeitungskomponente auch trainiert werden und damit lernen können." (Quelle: Bitkom.org)

Zuletzt geändert am 22. November 2017