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Mathias Haentjes über "Frühjahr 45"

Länder: Deutschland

Tags: Haentjes, Frühjahr 45

Mathias Haentjes hat in drei Dokumentarfilmen die Ereignisse des zweiten Weltkrieges aufgearbeitet. Der letzte Film dieser Reihe, „Frühjahr 45“ wird an diesem Themenabend zur Befreiung der Konzentrationslager ausgestrahlt. Er berichtet aus Sicht von Zeitzeugen aus ganz Europa von den Ereignissen in diesem bedeutungsvollen Frühjahr. Was ihn an der Thematik gereizt hat und wie in seiner Kindheit die Geschichte des 3. Reichs aufgearbeitet wurde, erklärt Mathias Haentjes in diesem Statement: 


Was ich vom Krieg wusste


Als ich in den den 60er und 70er Jahren aufwuchs, war der Krieg noch präsent, aber sein Schrecken war nicht zu spüren.Trümmergrundstücke mit den Resten zerstörter Häuser gab es überall in der Stadt und luden zu Abenteuerspielen ein. Mein Vater hatte ein Fotoalbum von seiner Zeit als jugendlicher Luftwaffenhelfer und erzählte von der merkwürdigen Schullandheim-Atmosphäre in der Flak-Batterie vor der Stadt.  Und er erzählte wie die Familie während der Luftangriffe auf Köln regelmässig nachts in den Keller ging. Daß er als 15-jähriger zusammen mit seinen Freunden die Leichen von Luftkriegsopfern bergen mussste, hat er mir erst viel später erzählt.
"Wir waren gegen die Nazis und gegen den Krieg", das war in meiner katholisch geprägten Heimat ein fester Bestandteil der Überlieferung.  Dem Kriegsende , der "Stunde Null"  folgte die "schlechte Zeit" mit Hunger und Kälte. Und danach das Wirtschaftswunder…

Die Verfolgung und Vernichtung der Juden schien das  alleinige Werk der Nazis, die Bevölkerung hatte damit eigentlich nichts zu tun, so schien es.

 

Es war ein oberflächliches Erinnern. Man wollte von den Zeiten zwischen 1933-1945 nicht soviel wissen. Das Wort "Holocaust" gab es damals noch nicht. Die Verfolgung und Vernichtung der Juden schien das  alleinige Werk der Nazis, die Bevölkerung hatte damit eigentlich nichts zu tun, so schien es. Es gab ein institutionalisiertes Gedenken wie die "Woche der Brüderlichkeit" zur deutsch-jüdischen Versöhnung. Die Eröffnung wurde im Fernsehen übertragen. Als Jugendlicher wusste ich damit nichts anzufangen. 
Es gab auch schon Geschichtsfernsehen, das in großen Zügen vom Nationalsozialismus und vom Krieg erzählte, Schlachten und Feldzüge nacherzählte, das Führungspersonal des Regimes vorstellte. Ich fand das spannend. Ganz besonders auch wegen der Action.
Ich kann mich nur an wenige Momente erinnern, in einem Fernsehspiel oder in einem Spielfilm, die mich den Schrecken dieser Zeit wirklich spüren liessen. Vielleicht war ich auch zu jung. Dennoch blieb bei mir ein starkes aber undefiniertes Interesse an diesen dunklen Jahren.

 
Drei Filme

 

Wir wollten den Krieg als europäische Katastrophe erzählen und wir wollten weg von einer scheinbar "objektiven" Sichtweise, hin zum Nachfühlen individueller Schicksale.

 

Drei große Filme über Wendemonate des Zweiten Weltkrieges – „Sommer 39“, „Winter 42/43“ , „Frühjahr 45“ -  liegen nun hinter mir. In den zwei Jahrzehnten zuvor hatte ich schon zahlreiche Dokumentationen zum Thema NS-Zeit, Krieg und Nachkrieg realisiert. Für diese Trilogie baten meine Auftraggeber bei arte und dem WDR mich aber um einen besonderen Ansatz. Wir wollten den Krieg als europäische Katastrophe erzählen und wir wollten weg von einer scheinbar "objektiven" Sichtweise, hin zum Nachfühlen individueller Schicksale.  Ein Patchwork, ein Puzzle sollte entstehen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, dafür mit vielen Perspektiven. 
Außerdem war ich fasziniert von authentischen Texten, Tagebüchern und Briefen, die, ohne das Ende zu kennen, aus dem Augenblickserleben versuchen, die Ereignisse zu verstehen und eine Perspektive zu entwickeln. Und die nicht zuletzt einen direkten Einblick in die Gefühlswelt der Schreibenden liefern. 
Bei der Realisation der Filme hat sich bei mir ein erstaunlicher Effekt eingestellt. Ich habe gelernt, wie radikal dieser Krieg das Leben eines jeden in Europa beeinträchtigt hat. Und ich habe verstanden, daß jeder Mensch auch angesichts der dramatischsten Zeitläufte immer noch auf der Suche nach seinem Eigenen, Privaten ist. Ein ganz normales Leben führen – das war der Wunschtraum, und viele, insbesondere in Deutschland, gaben sich noch lange der Illusion hin, dies wäre möglich unter einem mörderischen Regime und im Angesicht des Krieges. Erst im dritten Teil, im Frühjahr 1945 ist auch dem Letzten klar, daß man sich dem Schrecken nicht entziehen kann. 

 

Unsere Zeitzeugen waren vor 7 Jahrzehnten alle jung, heute sind sie hochbetagt und berichten dennoch mit einer Klarheit, Intensität und tiefen Reflexion von ihren Erlebnissen.

 

Begegnungen

 

Wir hatten das große Glück, für diese Filme sehr viele großartige Persönlichkeiten als Zeitzeugen gewinnen zu können, unter ihnen viele Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler. Sie alle waren vor 7 Jahrzehnten jung, heute sind sie hochbetagt und berichten dennoch mit einer Klarheit, Intensität und tiefen Reflexion von ihren Erlebnissen. Im Laufe der fünf Jahre , in denen diese Filme entstanden sind, sind einige von ihnen verstorben: Hans Keilson, Marcel Reich-Ranicki, Mario Monicelli, Pierre Daix, Margarete Mitscherlich. Besonders nahe geht mir das bei Margarete Mitscherlich. Die Begegnung mit dieser großartigen Frau vor und hinter der Kamera war ein tiefes Erlebnis. Ich bin Margarete Mitscherlich sehr dankbar, daß sie in klaren, nachvollziehbaren Worten von der besonderen Atmosphäre der Verdrängung erzählt hat, die sie damals erlebt hat und die diese Weltkatastrophe erst möglich machte. In den Augen der alten Frau sah man immer noch das junge Mädchen.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016