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Marketing für den guten Zweck

Länder: Deutschland

Tags: Spenden, Geinwohl, NGO

Um neue Spender zu werben, nehmen immer mehr Wohltätigkeitsorganisationen die Dienste professioneller Marketingfirmen in Anspruch. Deren Methoden haben so klingende Namen wie „Street Fundraising“ oder „Face-to-Face“.

 

Haben Sie eine Minute für einen guten Zweck?" Man kann ihnen kaum ausweichen, den netten jungen Männern mit dem aufgesetzten Lächeln und dem Schriftzug „Ärzte ohne Grenzen“ oder „Amnesty International“ auf der Kleidung. Sie sprechen die Passanten an, spulen ihre Rede ab und prägen so das öffentliche Bild der wohltätigen Organisationen. Doch ihr Auftreten ist alles andere als improvisiert: Um an die Großzügigkeit der Bürger zu appellieren, arbeiten immer mehr NGOs mit professionellen Marketingstrategien.

Die Kunst, in der Fußgängerzone auf Spenderjagd zu gehen, heißt Face-to-Face oder Street Fundraising, wörtlich übersetzt: „Spendenwerbung auf der Straße“. Die Methode wurde in den 1990er Jahren von Greenpeace erfunden und 1998 in Frankreich eingeführt. Als die Umweltschutzorganisation merkte, dass traditionelle Sammelmethoden mit Telefonanrufen oder vorweihnachtlichen Briefen sich kaum noch lohnten, änderte sie ihre Strategie und setzte verstärkt auf persönlichen Kontakt. So wollte sie auch eine besonders schwer erreichbare Zielgruppe ansprechen: die Jugend. Weil hinter dem „Street Fundraising“ wohlstudierte Methoden stecken, werden die Spendensammler eigens ausgebildet. Sie sollen die Passanten dazu bringen, regelmäßig per Bankeinzug zu spenden – so erhöhen die Organisationen nicht nur schnell ihre Spenderzahl, sondern sichern sich auch konstante Einnahmen. Die Fundraiser selbst verdienen für ihre Mühen zwischen 10, 50 und 13 Euro brutto die Stunde.

 

Professionelle Beratung

Die Firma ONG Conseil hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinnützige Organisationen in Marketingfragen und Street Fundraising zu beraten. Anders als ihr Name vermuten lässt, ist ONG Conseil jedoch keine NGO, sondern ein Unternehmen auf dem Spezialgebiet des Charity Business. Hier werden junge Leute dazu ausgebildet, für Aides, das französische Rote Kreuz, Handicap International oder UNICEF auf Spendenjagd zu gehen. Sechsundzwanzig humanitäre Organisationen nehmen bereits die Dienste von ONG Conseil in Anspruch. 

Ob diese professionellen Dienstleistungen mehr kosten, als sie einbringen, ist schwer zu sagen. Der Journalist Marc Reidiboym (Autor von Donateurs, si vous saviez…, Bertrand Gobin, 2009) schätzt den Preis für eine fünf- bis sechswöchige Mission auf  40 000 bis 60 000 Euro. Lässt sich ein Passant dazu bringen, rund zehn Euro pro Monat per Bankeinzug zu spenden, so dauere es zwischen acht und zwölf Monaten, bis die Kosten für seine „Anwerbung“ abgezahlt seien und sein Geld schließlich der wohltätigen Organisation zugute komme. 

Franck Berteau

Zuletzt geändert am 16. Januar 2017