Maria Fantappie, Expertin in der Kurdenfrage

Länder: Irak

Tags: Kurdistan

Maria Fantappie ist italienischer Abstammung, spricht Arabisch und forscht am Institut français du Proche Orient. Im Sommer 2013 musste sie Bagdad wegen Morddrohungen verlassen und wohnt seither in Arbil. Sie liefert eine kompromisslose Analyse der geopolitischen Situation im Mittleren Osten, die in einem Bermudadreieck von florierender Ölindustrie, demographischem Ungleichgewicht und politischen Spannungen treibt.

Hoffnung für die Kurden

"Die Kurden nahmen den syrischen Bürgerkrieg zum Anlass, erneut ihre Rechte einzufordern, die ihnen die Regierung jahrzehntelang verwährt hatte. Doch es kam schnell zu Spannungen zwischen der demokratischen Partei Kurdistans unter Präsident Barzani, der auch das irakische Kurdistan regiert, und der kurdischen Arbeiterpartei der Türkei unter Führung des zu lebenslanger Haft verurteilten Abdullah Öcalan. Die entscheidende Wendung kam am 12. November 2013, als die PYD eine unabhängige Verwaltung für die kurdischen Regionen in Syrien einsetzte. Ein radikaler Umbruch, der die Partei des irakischen Kurdenpräsidenten Barzani ins Abseits katapultierte."

 

Das Verhältnis zwischen irakischen und syrischen Kurden 

"Die syrischen Kurden fühlen sich von den irakischen Kurden als Volksgenossen zweiter Klasse behandelt. In den letzten Monaten fiel es den außerhalb der Lager lebenden syrischen Kurden immer schwerer, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. So bleiben sie letztlich illegal hier und sind gezwungen, zu ungünstigen Bedingungen zu arbeiten. Manche verdienen bei doppelter Arbeitszeit nur die Hälfte des regulären Gehalts, weil der Arbeitgeber sie als illegale Einwanderer im kurdischen Irak betrachtet.  

Sie betrachten die irakischen Kurden sehr distanziert und halten sie für verwöhnte Abkömmlinge einer auf Ölindustrie und Kapitalisms beruhenden Gesellschaft, für die das soziale, urbane und kulturelle Leben zweitrangig ist. Sie sind völlig orientierungslos."

 

Wird es ein Großkurdistan geben? 

"Großkurdistan ist ein Mosaik, das man sich nur schwer als Region im heutigen Sinne vorstellen kann. Während das irakische Kurdistan eine homogene Gegend mit einer Grenze zwischen dem kurdischen Gebiet und dem Rest des Landes darstellt, sind die Kurden in Syrien geografisch zerstreuter. Außerdem streben die syrischen Kurden nicht unbedingt nach einem unabhängigen Kurdistan. Vor allem die jüngeren Generationen wollen einfach als Kurden anerkannt werden und die Rechte erhalten, die ihnen die Regierung jahrzehntelang vorenthalten hat. Sie wollen sich zum Kurdentum bekennen, ihre Feste feiern und ihre Sprache schreiben und unterrichten dürfen.

Die Frage lautet: ist der kurdische Nationalismus stärker als die politischen Differenzen und die regionalen Bündnisse? Wenn nicht, wäre das zukünftige Kurdistan kein Staat mit festen Grenzen, sondern eher eine Ansammlung von Regionen mit eigenen Regierungen; vielleicht eine Art Föderation. Aber ein Kurdistan als Staat scheint mir unwahrscheinlich, und sogar unmöglich. Der irakische Präsident Jalal Talabani hat diesen Staat selbst als Traum bezeichnet. Vielleicht hat er ja recht."

 

Discussion with Maria Fantappie, Iraq Analyst,International Crisis Group (Inside the Middle East - Youtube)

International Crisis Group