Maidan-Platz: 19. Februar, 14 Uhr

Länder: Ukraine

Tags: Ukraine, Maidan-Platz

"Im Moment ist es auf beiden Seiten relativ ruhig. Angehörige der Spezialeinheit Berkut werfen hier und da Steine oder andere Sachen auf die Demonstranten und nehmen sie mit Wasserkanonen unter Beschuss. Einige Etagen des Gewerkschaftshauses stehen in Flammen, und Teile des Innengebäudes stürzen ein", berichtet Maxim, ukrainischer Demonstrant auf dem Maidan-Platz.

 

Von der Oppositionsführung hat hier im Augenblick niemand das Wort ergriffen, es gibt nur ein paar Vertreter verschiedenen Oppositionsgruppen, die sich hier sehen lassen und ein paar Worte sagen. Daneben gibt es noch Aktivisten, die an die Spezialeinheit appellieren, die Seiten zu wechseln und sich an ihr Versprechen zu halten, das Volk und nicht die Regierung zu schützen.

 

ARTE Journal: Wie sieht es mit der Mobilisierung auf dem Maidan-Platz aus? In der Nacht hieß es, es seien Unmengen von Demonstranten dort gewesen, was sich dann gegen morgen allerdings wieder weitgehend auflöste. Kommen die jetzt am Nachmittag wieder zurück?

Maxim: Es sind zurzeit weniger da als vorher. Die Leute kommen, wie sie gerade können, mit dem Zug oder im Auto. Insgesamt ist die Mobilisierung im Moment schwächer. Es sind nur etwa fünf- bis zehntausend Menschen hier.

 

Hat die Opposition neue Barrikaden errichtet, nachdem die alten in der vergangenen Nacht zerstört wurden ?
Maxim:
 Nein, das Gelände, das von der Opposition gehalten wird, ist kleiner geworden. Die Spezialkräfte des Berkut haben Position neben dem Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Platz bezogen. Sie okkupieren jetzt auch die alten Barrikaden und besetzen damit die Hälfte des Platzes. Die Demonstranten schützen sich inzwischen mit Metallschilden.

 

Wie steht es um die Verletzten ? Geht es ihnen besser, und kann man sie versorgen ?
Maxim: 
Den Krankenhäusern gehen inzwischen die Medikamente aus, und sie haben oft auch nicht gar den Platz, um so viele Verletzte aufzunehmen.

 

Wie steht es um die Moral der Menschen ? Sind sie weiterhin motiviert oder hat die gewalttätige Unterdrückung ihre Lage jetzt schwieriger gemacht?
Maxim:
 Die Leute sind nach wie vor motiviert. Obwohl es für Politiker aus dem Westen schwer geworden ist, zu uns nach Kiew zu kommen, weil die Polizei alle Straßen gesperrt hat. Als ich kürzlich ein paar Leute vom Flughafen abgeholt habe, hatte ich Probleme wieder in die Stadt zurückzukommen. Es gibt überall Wachposten, wo die Polizei die Leute kontrolliert.  

 

Und die Metro, fährt die wieder ?

Maxim: Die U-Bahn ist immer noch geschlossen. Dabei hat die nationale Kommission für den Öffentlichen Nahverkehr gerade offiziell erklärt, dass die Anordnung des Kiewer Bürgermeisters, die U-Bahn zu schliessen, illegal ist. Damit wird es natürlich für die Leute schwer, hierher zum Maidan zu kommen, Kiew ist immerhin eine große Stadt, viel großflächiger als Paris, mit fünf Millionen Einwohnern. Hinzu kommt, dass der andere Nahverkehr und auch die Taxis die Preise massiv und illegal erhöht haben, man zahlt jetzt mindestens das fünffache. Ein Busticket kostete früher 2,50 Griwna (etwa 20 Euro-Cent), jetzt kostet es zehn (80 Cent). Für eine durchschnittliche Taxifahrt zahlte man vorher umgerechnet vier Euro, jetzt verlangen die Fahrer oft 25.


Das Interview führte Manuel Dantas

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016