Lugansk, Donezk: Das "Neue Russland" in 15 Fotos

Länder: Russland

Tags: Ukraine, Lugansk, Donezk

Sie heißen Visyagin, Pavel oder Irina. Seit einem Jahr leben sie - die Bewohner Neurusslands - nun schon in den separatistischen Regionen von Lugansk und Donezk. Ganz gleich ob Ärzte, Beamte, freiwillige oder Berufssoldaten, Künstler oder Rentner, sie leben alle zur Zeit der Geburtsstunde des „Neuen Russlands“. Inmitten von Bombardierungen, politischen Krisen und einer ungewissen wirtschaftlichen Zukunft versuchen sie ihrem Alltag nachzugehen - in einer Union aus den Volksrepubliken Lugansk und Donezk, die weder Europa noch Russland offiziell anerkannt haben. Der Fotograf Olivier Sarrazin hat die Menschen in den Regionen besucht.

Einige von ihnen kämpfen für ein Ideal, das gemeinsam mit der UdSSR 1991 untergegangen ist, andere wiederum verteidigen ihren eigenen Grund und Boden gegen diejenigen, die die russischen Medien als ukrainische Banden oder Faschisten bezeichnen. Die Nostalgie des sowjetischen Reiches ist noch immer in den Köpfen einer Mehrheit der Männer und Frauen, die ich treffen und fotografieren konnte. Doch hinter diesem Ideal steht der Alltag, ein permanenter Besatzungszustand, wo jeder sich selbst überlassen ist. Die Zivilbevölkerung wurde im Stich gelassen und harrt aus, ohne zu wissen, auf was sie sich vorzubereiten hat. Die Bombenanschläge strukturieren den Tag, dumpfe Geräusche, die einer Ruhe vor dem Sturm geichkommen und wo jedes Lager versucht, das Andere zum Rückzug zu bewegen. Auf Kosten des Lebens von Bürgern.

 

Yanisovata, das Viertel an der Frontlinie

Yanisovata ist ein Viertel in einem Donezker Vorort von Donezk, das auch aktuell noch bombardiert wird. Das Viertel ist etwa 20 Kilometer von der Front entfernt und wird von der separatistischen Vostok-Bataillon gehalten, die niemanden ohne Akkreditierung in das Viertel lässt. Die Einwohner sind beinahe von der Außenwelt abgeschnitten, doch ein wenig Hilfe von Außen dringt zu ihnen durch. Erstmals hat die Armee nun auch Mehl und Zucker zur Verfügung gestellt. Die Wohnungen, die von den Bombardierungen in Mitleidenschaft gezogen wurden, sind heute unbewohnt, die Fenster wurden mit Plastikplanen verschlossen. 

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Julia und Alexandre

Alexandre war gezwungen, seine Werbefirma zu schließen und seine Angestellten zu entlassen, nachdem die Separatisten öffentliche Gebäude besetzt hatten und staatliche Aufträge ausblieben. In der Zwischenzeit hat er zum Zimmermann und zum Bergführer auf der Krim umgeschult. Nebenbei ist er Mitglied der Rockband IOSband und versucht gelegentlich aufzutreten, auch wenn die Feierlaune in der Region nicht besonders groß ist. Im Dezember gibt er sein erstes Konzert – seit sechs Monaten. Im April hat seine Frau Julia Droh-SMSen bekommen, in denen sie als Faschistin und Separatistin bezeichnet wurde.

 

2
Die Untergrund-Flüchtlinge

Die 50-Jährige BabaLouba hat den 4-jährigen Anton adoptiert. Seit die Gefechte um den Flughafen in diesem Sommer begonnen haben, lebt sie im Keller des Kulturzentrums ihres Viertels. 300 weitere Menschen haben dort Zuflucht gefunden, als die Bombardierungen besonders heftig waren. Heute droht die Verwaltung der selbst ernannten Republik Donezk BabaLouba damit, ihr das Sorgerecht für das Kind zu entziehen, wenn sie nicht in ihre Wohnung zurückkehrt, die in einem Viertel liegt, das regelmäßig bombardiert wird. Früher hat sie die Separatisten noch leidenschaftlich unterstützt und daran geglaubt, dass Russland ihnen zu Hilfe kommt, aber heute fühlt sie sich einsam und von Putin und der Republik Donbass im Stich gelassen.

 

3
Der Unterschlupf von Petrovna

300 Menschen leben noch bis heute im Kulturzentrum des Bezirks Petrovski in Donezk. In der Nähe des Zentrums sind regelmäßig Bomben eingeschlagen. Diese Flüchtlinge überleben dank humanitärer Hilfsleistungen durch verschiedene internationale NGOs. In dem Zentrum vermischen sich mehrere Generationen und jeder einzelne hat sich seinen eigenen kleinen Bereich mit Hilfe von Decken und Laken geschaffen, um ein wenig Privatsphäre zu haben und sich vor der Kälte zu schützen. Aleksandr Zakhartchenko, Präsident der Republik von Donezk, hat den Menschen im Zentrum einen Besuch abgestattet. Am 2. November kam er mit Presse, Champagner, Brot und Äpfeln, die er an die Kinder verteilt hat. Für die Flüchtlinge war klar, dass er sie nur trinken lassen wollte.

 

4
Dinara, eine einzigartige Frau

Die 30-jährige Dinara ist Laborantin an der Universität von Donezk und ist überzeugte Pro-Ukrainerin. Die meisten ihrer Freunde sind bereits nach Kiew gezogen, aber sie hat entschieden bei ihren Eltern und ihrer Familie zu bleiben, die wiederum den Separatisten zugetan sind. Seit September hat sie kein Gehalt mehr, doch mit ihrer Wochenendtätigkeit als Kosmetikerin verdient sie sich etwas dazu. 

 

5
Der Checkpoint von Stachhanow

In den Regionen von Lugansk und Donezk gibt es zahlreiche sogenannte „Block-Posts“ Stapel aus Erde, Beton und alten Karosserien versperren die Straßen, wodurch die Soldaten, bei jeder Ein-und Ausreise in die Stadt, Personen-und Warenkontrollen durchführen können. Es handelt sich um strategische Barrieren, die im Falle eines Angriffs von ukrainischen Truppen auch zur Verteidigung der Stadt benutzt werden können. 

6
Die Kosaken der Stadt Stachhanow

Im Vordergrund ist Slawa zu sehen, dessen Spitzname „Franzous“ oder „Der Franzose“ ist. Mit 31 Jahren hat der ehemalige Zimmermann angefangen, sich im Kosaken Bataillon zu engagieren, das dafür bekannt ist, ehrenhaft und streng organisiert zu sein. Sie helfen unter Anderem den Einwohnern, ihre Wohnungen und Häuser nach den Bombenanschlägen wiederaufzubauen. Slawa hat niemals daran gedacht, die Stadt zu verlassen. Er zieht es vor zu bleiben und in der Stadt zu kämpfen, in der seine Frau vor Beginn des Konflikts beerdigt wurde. Hinter ihm ist Irinia zu sehen, Kommandantin des Checkpoints, die gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn zu dem Bataillon gestoßen ist. Die ganze Familie ist heute an drei Frontlinien verteilt und sie sehen sich gelegentlich zwischen zwei Wachdiensten. 

7
Barackenlager für den Winter

Das Leben an den Checkpoints ist sehr spartanisch. Die Baracken sind der einzige Ort, um sich unterzustellen und aufzuwärmen. Die orthodoxen Ikonen sind allgegenwärtig und heben sich von der Baufälligkeit und der fehlenden Sauberkeit des Unterstandes ab. Der Ort ist trocken und erlaubt somit die Lagerung von Waffen und Munition. Die Freiwilligen und die Soldaten sagen, sie seien bereit für einen langen Winter und warten auf die Annäherung mit Russland.

8
Batman in Lugansk

Der Kommandant des Bataillons Batman, Alexandre Bednov, macht weder genaue Angaben über die Anzahl der Kämpfer, die er anführt noch über die Verluste, die er seit Beginn des Konflikts eingefahren hat. Alexandre Bednov ist ein Ehemaliger der sowjetischen und nachher ukrainischen Spezialeinheit und sieht sich selbst als patriotischen Sozialisten. Er ist aus Moskau zurückgekehrt, wo er politische Verantwotliche getroffen und vor laufender Kamera Journalisten Frage und Antwort gestanden hatte, bevor ihn eine kosakische Organisation mit zwei Orden auszeichnete. In Lugansk, im Hauptquartier des Bataillons Batman, ist die Stimmung entspannt, jeder spricht frei über sein Engagement im Bataillon, sei es rein aus Patriotismus oder aus Sehnsucht nach der kommunistischen Zeit. 

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Die sowjetische Odyssee

Auf dem Foto ist der Empfangssaal der Kohlemine des Staates Abakoumova. Überall in der ganzen Region im erinnern in Verwaltungsgebäuden, in staatlichen Unternehmen und in den Straßen, Fresken und Statuen an die sowjetische Zeit Osten der Ukraine.
 

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Minen im Stillstand

Pavel Zolotopoupov, Direktor der Mine von Abakoumova, schickt von jetzt an nur noch Arbeiter in die Tiefen der Miene, um 15 000 Kubikmeter Wasser rauszupumpen, due seit Beginn des Krieges seine Brunnen überschwemmen. Auf Grund gelegentlicher Stromausfälle in Folge der Bombardierungen zwischen ukrainischen und separatistischen Kräften, musste die Direktion den Abbau in der Ukraine einstellen, obwohl sie in Bezug auf die Erträge, eine der besten der gesamten Sowjetunion war.

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Tores, die Stadt im Kampf

Irina Vasilievna Ouboguik ist die stellvertrende Direktorin des Jugendzentrums der Stadt Tores. Während der Bombardierungen im Sommer hat sie nie in den Kellern Unterschlupf gesucht, sondern hat lieber ihre Bibel gelesen. Sie versucht heute gemeinsam mit Jeanne, der Chefsekretärin der Stadt, die Einheit den Zusammenhalt der Stadt zu bewahren und ihren Aufgaben als Patriotin nachzukommen. Aber ein Teil von ihr möchte noch immer, an eine Einheit in der Ukraine zu glauben.

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Waisenhaus im Kiew-Quartier in Donezk

Visyagin Vyacheslav ist Chefarzt im fast leeren Waisenhaus in Donezk, das ganz in der Nähe des bombardierten Flughafens steht. Die Kinder wurden in die Stadt Mariupol geschickt. Vyacheslav fehlt die alte sowjetische Welt und er unterstützt die Separatisten, indem er seinen Beruf weiter ausübt, obwohl er seit September keinen Lohn mehr erhält.

 

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In den Ruinen von Ilowajsk

Das Dorf Ilowajsk wurde durch die schweren Kämpfe zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee bekannt. Acht Tage lang umzingelten Separatisten die ukrainischen Kräfte. Schließlich stimmten die Rebellen einem humanitären Korridor zu, damit sich die ukrainische Armee zurückziehen konnte. Zahlreiche ukrainische Soldaten erzählen, dass die Separatisten während des Truppenrückzugs das Feuer eröffnet hätten. Dies führte zum Tod von ungefähr einhundert Soldaten. Noch heute sind die Spuren der Kämpfe gut zu sehen, zahlreiche Häuser entlang der Hauptstraße sind komplett zerstört. 

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Olivier Sarrazin künstlerisches Schaffen umfasst die Fotografie und den Film. Mit Bildern, Ton und Text versucht er die Realität einzufangen und abzubilden. Im Zentrum seiner Arbeit steht schon immer der Augenzeuge. Sarazzin hinterfragt dessen Blickwinkel er den Platz des Zeugen und seines Blickwinkels in Frage, zwischen dem der gesehen hat und dem der sehen wird. 
2010 dreht er „Paroles Retenues“ (Festgehaltene Worte), der erste, 52 Minuten lange Dokumentarfilm über die Erinnerungen ehemaliger Deportierten. Junge Russen wurden im Zweiten Weltkrieg in Arbeitslager in Deutschland geschickt. Diese Zeugenaussagen wurden bis zum Sturz der UdSSR unter Verschluss gehalten. Anschließend verwirklichte er mehrere Film- und Fotoprojekte zum Thema Erinnerungen, Zeitzeugenaussagen und Erinnerungsübertragungen. 
Diese Projekte wurden in Frankreich, Deutschland und Russland produziert und dabei kamen mehrere Videos und Kurzfilme heraus, die im Internet veröffentlicht wurden. Seinen Abschluss hat er 2013 an der ENSP, einer Fotografieschule in Arles gemacht. Anschließend folgte eine dreimonatige Ausbildung an der Rodchenko Schule in Moskau. Zurzeit arbeitet und lebt er in Marseille.