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Literaturnobelpreis: Deutsch-französische Geschichten

Länder: Schweden

Tags: Nobelpreis, Literatur

Unter den insgesamt 107 Schriftstellern, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden, findet man 15 Franzosen und 8 Deutsche. Während manche Preisträger mittlerweile fast in Vergessenheit geraten sind, haben andere Literaturgeschichte geschrieben. ARTE Journal lässt die deutsch-französische Literaturnobelpreis-Geschichte Revue passieren.

Undurchsichtiges Auswahlverfahren

Wenn es um die Entscheidung geht, welcher Schriftsteller den Literaturnobelpreis erhält, lässt sich die schwedische Jury nicht in die Karten schauen. Das Auswahlverfahren gilt als mysteriös und teilweise nicht nachvollziehbar. So kann es auch passieren, dass manche große Namen nie in der Liste der Ausgezeichneten erscheinen. In anderen Jahren, wie 2014 mit Patrick Modiano, ist der Entscheid eine große Überraschung. Gibt es trotz allem Richtlinien, an denen sich mögliche Anwärter auf den Preis orientieren können?

 

Der kontroverse Thomas Mann

Generell wird ein Schriftsteller für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Der Nobelpreis wird dann als das berühmte "Sahnehäubchen" auf eine erfolgreiche Karriere gesetzt. Thomas Mann ist da die Ausnahme: er wurde explizit für sein Werk "Die Buddenbrooks" ausgezeichnet. Sein anderes großes Werk "Der Zauberberg" wurde in Schweden dagegen zerrissen.

Oft erhalten auch politisch besonders engagierte Schriftsteller den Preis, wie zum Beispiel Romain Rolland, der viele engagierte Artikel während des Ersten Weltkriegs verfasste und den 1915 ausgezeichnet wurde. François Mauriac, Preisträger im Jahr 1952, setzte sich in seinen Werken für die Unabhängigkeit der französischen Kolonien ein.

 

Camus vs. Malraux

In den 1940er und 1950er Jahren standen Albert Camus und André Malraux im Zentrum des Interesses. Die zwei französischen Schriftsteller lieferten sich die literarische Schlacht des Jahrzehnts. Details wurden erst 2008 bekannt

gegeben, als die „Akte Camus", die fünfzig Jahre unter Verschluss gehalten wurde, geöffnet wurde. Die Jury hatte ihn seit 1954 auf der Gewinnerliste, wartete jedoch noch auf ein entscheidendes Werk, das den Preis rechtfertigen würde. Dieses lag 1957 mit "L'exil" vor. Doch dann stellte sich die Frage, ob Malraux nicht auch die Auszeichnung verdient hätte. Die Diskussion spaltete die Jury, man entschied sich schließlich für den jungen, aufstrebenden Camus.

 

Sartres Zurückweisung

Der bekannteste Skandal um den Literaturnobelpreis drehte sich um den französischen Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre, der vor genau fünfzig Jahren den Nobel Preis verweigerte. In einem Brief an die Akademie erklärte Sartre damals, dass er aus Prinzip jede offizielle Ehrung ablehne. Das Problem an der Sache war, dass der Nobelpreis weder offiziell angenommen, noch abgelehnt werden kann. Im Falle einer Zurückweisung, behält sich die Akademie allerdings vor, das Preisgeld nicht auszuzahlen, was bei Sartre auch geschah. Trotzdem wird der Philosoph für immer als offizieller Preisträger betrachtet werden.

 

Ein Preis für Bölls öffentliches Wirken

Heinrich Böll erhielt den Preis 1972, als erster (west)deutscher Bürger seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zugleich wurde mit der Preisverleihung das publizistische und öffentliche Wirken des Schriftstellers in der Bundesrepublik (und über ihre Grenzen hinaus) gewürdigt: seine Rolle als Präsident des internationalen Schriftstellerverbandes PEN, sein Bemühen um Verständigung mit den osteuropäischen Nachbarn und mit Israel. Böll war somit auch einer dieser engagierten Autoren, die von der Akademie gerne gewürdigt werden.

 

Nobelpreis für China oder Frankreich?

Einen speziellen Platz nimmt auch Gao Xingjian ein, ein chinesischer Schriftsteller, der 1988 politisches Asyl in Frankreich und 1998 die französische Nationalität erhielt. Er schreibt auf Mandarin und Französisch und wurde 2000 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Seine Auszeichnung wurde in den chinesischen Medien aus politischen Gründen kaum erwähnt. Heute gilt er in China als Vertreter der französischen Literatur.

 

Herta Müller, die zwölfte weibliche Preisträgerin

Herta Müller ist die letzte Deutsche, die 2009 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die gebürtige Rumänin habe "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit" gezeichnet, hieß es in der Würdigung.

Herta Müller schreibt über das Alltagsleben der rumänischen Diktatur, in der die Autorin ihre Kindheit verbrachte. Ihre Werke legen ein bedrückendes Zeugnis ihrer Angst ab. Sie ist die dreizehnte Frau, die mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, und die erste Deutsche.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016