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Lichtjahre entfernt

Länder: Bulgarien, Rumänien

Tags: EU-Beitritt, EU

Vor zehn Jahren traten Rumänien und Bulgarien der Europäischen Union bei. Damals machten sich die Menschen in beiden Ländern große Hoffnungen. Sie wollten schon bald auf dem Niveau von Deutschen und Franzosen leben. Doch heute sind die beiden noch immer die ärmsten Mitgliedsstaaten der EU. Eine Bestandsaufnahme in drei Punkten.

Wirtschaft: Das böse Erwachen

280€

beträgt der Mindestlohn in Rumänien im Monat

Während das bulgarische Bruttoinlandsprodukt aufgrund der Finanzkrise in den letzten Jahren stagnierte, stieg das Rumäniens seit dem EU-Beitritt um 60 Prozent. Beide Länder hatten sich jedoch wesentlich mehr erhofft. Das Ziel lautete: In nur kurzer Zeit werden wir den Lebensstandard der Deutschen und Franzosen erreichen. Doch daraus wurde nichts. Das Durchschnittseinkommen in Rumänien liegt heute im Monat bei 470 Euro, der Mindestlohn bei 280 Euro. Nur die Bulgaren verdienen noch weniger.

Die ausländischen Direktinvestitionen, also Vermögensanlagen, die von Ausländern gehalten werden, sind in Rumänien seit der Finanzkrise 2007 um die Hälfte zurückgegangen. Die Infrastruktur weist weiter große Mängel auf.

 

Jeder sechste Rumäne arbeitet im Ausland

5.000

rumänische Mediziner arbeiten in Deutschland 

Weil ihre Länder ihnen nicht die Perspektiven geben können, die sie sich wünschen, arbeitet bis zu einem Sechstel der Rumänen im Ausland. Darunter auch viele gut ausgebildete junge Menschen. Seit dem EU-Beitritt verließen etwa 43.000 Ärzte und Apotheker das Land. Allein in Deutschland arbeiten 5.000 rumänische Mediziner. In Bulgarien, dem noch ärmeren und kleineren Staat, findet im gleichen Maße eine Flucht der Eliten ins Ausland statt. Vor sieben Jahren praktizierten hier noch 35.000 Ärzte, heute sind es gerade mal 28.000 – auf sieben Millionen Einwohner verteilt.

Einer Studie der Vereinten Nationen zufolge arbeiten rund 3,4 Millionen Rumänen im Ausland. Bulgarien haben seit dem Fall des Eisernen Vorhangs etwa eine Million Einwohner verlassen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebt fast eine Viertelmillion Bulgaren in Deutschland. Dieser Verlust an klugen Köpfen, auch „brain drain“ genannt, macht den osteuropäischen Ländern schwer zu schaffen.

 

Korruptionsbekämpfung: Eine positive Bilanz

Früher war nicht alles besser. Früher war sogar vieles schlechter. Dass Rumänien am 1. Januar 2007 Mitglied der Europäischen Union werden konnte, war für Brüssel an eine Auflage gebunden. Das osteuropäische Land musste die Antikorruptionsbehörde DNA einrichten, eine Sonderstaatsanwaltschaft, die bis vor kurzem immer wieder die Machenschaften hochrangiger Politiker unter die Lupe nahm. Die Korruption wurde so, wie auch in Bulgarien, stark bekämpft. Sie ist zwar nicht verschwunden, aber zumindest konnte sie eingedämmt werden. Ende 2015 musste in Rumänien wegen einer Korruptionsaffäre sogar die gesamte Regierungsmannschaft zurücktreten. Viele institutionelle Veränderungen wurden nach vorne getrieben. Die rumänische Justiz arbeitet nun deutlich effizienter und besser.

 

Politik: Zunehmende EU-Skepsis vs. EU-Zuspruch 

Bulgarien: Für mehr nationale Souveränität

Die zunehmende Skepsis gegenüber der Europäischen Union haben die Bevölkerungen an der Wahlurne ausgedrückt. In Bulgarien wurde vergangenen November mit Rumen Radew ein Mann zum Präsidenten gewählt, der für seinen prorussischen Kurs bekannt ist. Der politisch wenig erfahrene Luftwaffengeneral a.D., parteilos, aufgestellt von den oppositionellen Sozialisten, holte im Wahlkampf zum Schlag gegen Flüchtlinge aus und forderte mehr nationale Souveränität für sein Land. Die bulgarische Bevölkerung hegt traditionell Sympathien für den ehemaligen "Bruderstaat" Russland. Eine Abkehr von Europa geschweige denn der Nato sehen Experten jedoch nicht kommen.

"Stolz auf das Rumänentum"

Mit diesem Slogan gewannen die Sozialdemokraten die Parlamentswahl in Rumänien.

Rumänien: Gegen "Brüssels Kolonisierungsversuche"

Auch in Rumänien, das zumindest wirtschaftlich wesentlich mehr vom EU-Beitritt profitieren konnte,  ist eine proeuropäische Position zurzeit nicht die erste Wahl. Bei der vor einem Monat stattfindenden Parlamentswahl siegten die Sozialdemokraten, die – weit entfernt von jeglichem EU-Optimismus – für den "Stolz auf das Rumänentum" warben. Sie betonten den christlich-orthodoxen Glauben und schimpften über "Brüsseler Kolonisierungsversuche".

 

Fazit: Optimismus trotz Enttäuschung

Die anfänglichen Hoffnungen beider Bevölkerungen konnten nicht erfüllt werden. Viele Rumänen und Bulgaren fühlen sich noch nicht richtig der Union zugehörig. Keines der Länder ist dem Schengener Abkommen beigetreten, an den Grenzen finden immer noch Personenkontrollen statt.

Nie zuvor waren die Bulgaren so frei und integriert in einem demokratischen Europa.

Bulgariens Präsident Rossen Plewneliew

Dennoch spricht sich der Großteil für einen Verbleib in der Europäischen Union aus. Die EU ist als Absatzmarkt für die heimische Wirtschaft lebenswichtig. Der scheidende bulgarische Präsident Rossen Plewneliew bezeichnete in seiner Neujahrsansprache den EU-Beitritt von vor zehn Jahren als eine "historische Errungenschaft". Nie zuvor, sagte er, waren die Bulgaren so frei und integriert in einem demokratischen Europa.

Und auch Rumäniens Präsident Dacian Ciolos betonte in einem Video auf Facebook die Möglichkeiten, die die Europäische Union eröffnet hat. "Die jungen Menschen haben die Chance zu studieren, ein Arbeitsleben in den Ländern der EU zu bestreiten. Die Landgemeinde konnte durch EU-Gelder bessere Straßen für die Dorfbewohner bauen."

Es ist also doch nicht alles schlecht, nur bleibt noch immer wahnsinnig viel zu tun.

Zuletzt geändert am 3. Januar 2018