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"Lauvergeon schummelt nicht"

Länder: Frankreich

Tags: Anne Lauvergeon, Areva, EDF, Minen

Der Uramin-Kauf durch Areva sei im damaligen Kontext gerechtfertigt gewesen. Die daraus entstandenen Verluste seien nie verschleiert worden: Das erklärte Jean-Pierre Versini, der Anwalt von Anne Lauvergeon, in einem Interview, das geführt wurde, bevor ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet wurde. 

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Ihre Klientin riskiert eine offizielle Beschuldigung, weil sie die Rückstellungen für die Verluste des Uramin-Geschäfts in der Areva-Bilanz verzögert hat.

Jean-Pierre Versini: Sie hat dazu bereits dem Rechnungshof und den Ermittlern gegenüber Stellung genommen. Der fragliche Punkt ist die Höhe des Wertverlusts, den Areva im Zusammenhang mit Uramin im Jahresabschluss 2010 hätte verbuchen müssen. Der Vorwurf lautet, Areva habe dafür nur 426 Millionen Euro zurückgestellt, obwohl die BG-Mines (die Bergbauabteilung von Areva, AdR) Rückstellungen in Höhe von ungefähr einer Milliarde Euro empfohlen habe. (Exakt wurden im Mai zwischen 1,4 und 1,6 Milliarden, im Dezember dann 1,8 Milliarden Rückstellungen empfohlen, AdR) Eine erste Antwort darauf: Das Steuer in der Buchhaltung führt nicht Anne Lauvergeon. Sie ist zwar als Konzernchefin letztlich für die Bilanz verantwortlich, aber die Frage ist, ob Areva tatsächlich einen Wertverlust hätte abbuchen müssen. Und die Antwort darauf ist: Nein. Warum? Weil sich die Finanzdirektion, also eine Reihe hoch qualifizierter Leute, und die Bilanzprüfer mit den Empfehlungen der Bergbau-Abteilung auseinandergesetzt haben. Und sie haben entscheiden, dass nur die Hälfte der empfohlenen Rückstellungen zu machen seien.

 

Dattels hat ein Bombengeschäft gemacht. Und?"

Jean-Pierre Versini

Das war also Ihnen zufolge eine kollektive Entscheidung?

Jean-Pierre Versini: Die Bergbau-Abteilung hat sich der Entscheidung letztlich gebeugt, ihr Leiter, Sébastien de Montessus, hat sein Einverständnis gegeben. Anschließend, Anfang 2011, hat er in einer Mail, die der Justiz vorliegt, seine Überzeugung vom Wert dieser Minen ausgedrückt. Die Bilanz wurde abgeschlossen und dem Aufsichtsrat vorgelegt. Darin ist auch der Staat vertreten, in der Person des Generaldirektors der Staatlichen Agentur für Industriebeteiligungen APE. Das ist kein kleiner Schreiberling, sondern der höchste Beamte der Agentur, so etwas wie der Steuermann der 87 Prozent Staatsanteile am Kapital von Areva. Und der Aufsichtsrat ist das firmeninterne Organ, das die Bilanz prüft und dabei alle Beteiligten anhört, bis hin zum kleinsten Geologen. 

 

Der Staat war also an dieser Entscheidung beteiligt? 

Jean-Pierre Versini: Der Staat war beteiligt, er hatte Einsicht in alle Dokumente. Und die APE verfügt über Beamte, die ihren Job kennen, vor allem der damalige Präsident, heute Generaldirektor der Staatskasse, Jean-Dominique Comolli. Soviel ich weiß, war er Anne Lauvergeon nicht besonders zugetan. Und er war vermutlich nicht erpicht darauf, eine gefälschte Bilanz abzusegnen, er hätte eher Alarm geschlagen. Zudem möchte ich unterstreichen, dass die fraglichen Rückstellungen auch im Juli 2011, also nach dem Abgang von Anne Lauvergeon, nicht erhöht wurden.

 

Korruption, Betrug? Das sind Hirngespinste."

Jean-Pierre Versini

War der Uramin-Kauf nicht eine Fehlentscheidung?

Jean-Pierre Versini: Es war eine Entscheidung der Führungsgremien, und zwar nicht, wie man lesen konnte, auf der Basis eines Zwei-Seiten-Berichts, sondern auf der Basis einer halben Tonne von Dokumenten, die natürlich alle auch an die APE gingen. Der Staat hat diese Entscheidung abgesegnet, weil sie nicht falsch war. Das in damaliger Perspektive, vor jüngeren Entdeckungen, vielleicht letzte Uran-Vorkommen zu erwerben, war stichhaltig. Damals wurde wild auf Uran-Minen spekuliert. Es heißt, der Wert von Uramin sei 2011 überschätzt worden, aber das wurden in diesem Zeitraum auch andere Bergbauunternehmen in durchaus vergleichbarem Maß. Heute heißt es: "Das ist ein Skandal, das hätte es nie geben dürfen!" Aber im Nachhinein weiß man es immer besser. Damals war dieses Geschäft richtig, und deswegen wurde es auch abgesegnet.

 

Hinter Uramin steckt der zwielichtige Stephen Dattels. Kennt Frau Lauvergeon ihn?

Jean-Pierre Versini: Es war nicht ihre Aufgabe, direkt mit dem Chef eines kleinen Bergbau-Unternehmens zu verhandeln. Sie kennt Dattels also nicht. Dattels hat zweifellos ein Bombengeschäft gemacht, damit hat er sich ja auch gebrüstet. Und? Natürlich wurde Uramin teuer gekauft, sehr viel teurer als die Besitzer die Firma selbst gekauft hatten. Aber das ist eben das Gesetz des Marktes und heißt nicht, dass Dattels Anne Lauvergeon bezahlt oder, wie zu lesen war, irgendwelche afrikanischen Staatsoberhäupter bestochen hat, damit das Geschäft möglich wird. Das sind halsbrecherische Spekulationen, das sind Hirngespinste.

 

Es wurde ein Verlustgeschäft, aber das ist ja nicht katastrophal. Katastrophal wäre, wenn [Anne Lauvergeon] wissentlich Minen gekauft hätte, in denen es kein Uran gibt."

Jean-Pierre Versini

Trotzdem, wenn Areva drei Milliarden hinblättert, für Minen die keinen Cent wert sind…

Jean-Pierre Versini: Anne Lauvergeon hat nichts Strafbares getan. Es wurde ein Verlustgeschäft, aber das ist ja nicht katastrophal. Katastrophal wäre, wenn sie wissentlich Minen gekauft hätte, in denen es kein Uran gibt. Aber das ist nicht so. Die Studien, die Areva und Peninsula – eine Firma, die einen Areva-Standort in Südafrika gekauft hat – 2015 veröffentlicht haben, schätzen das Uranvorkommen auf 87.000 Tonnen. Der Urangehalt im Erz ist aber sehr gering, sagen Kritiker. Das mag sein, aber es sind trotzdem 87.000 Tonnen, also mehr als die geschätzten 60.000, auf denen der Kaufpreis beruht.

 

Dem Ehemann von Anne Lauvergeon wird persönliche Bereicherung vorgeworfen. Was sagt sie dazu?

Jean-Pierre Versini: Wer könnte glauben, dass sie ihrem Mann Insiderinformationen geliefert hat, damit dessen Partner dann übrigens recht mittelmäßige Spekulationsgeschäfte mit Uramin-Aktien macht? Niemand glaubt ernsthaft, dass Anne Lauvergeon das initiiert hat. Es gibt also nicht viel dazu zu sagen. Dass es für sie unendlich schmerzhaft ist, dass es solche Geschäfte gegeben hat, das kann ich Ihnen versichern. 

 

Frau Lauvergeon spricht von gezielten Angriffen auf ihre Person. Ist sie Opfer einer Intrige?

Jean-Pierre Versini: Rache ist in meinen Augen etwas, was es nur im Theater, im Kino oder in Büchern gibt. Dass es Leute gibt, die ein Interesse daran haben, dass Anne Lauvergeon schuldig gesprochen wird, besonders in dem Punkt der Verschleierung gegenüber dem Staat, das mag sein. Das Problem ist nur: Anne Lauvergeon schwindelt nicht, das ist nicht ihr Stil. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016