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Lärm am Arbeitsplatz – ein unterschätzter Stressfaktor

Länder: Frankreich

Tags: Lärm, Arbeit, Gesundheit

Viele Erwerbstätige leiden unter hohen Geräuschpegeln oder Bürolärm. Obwohl er von der Arbeitsmedizin nicht als Stressfaktor anerkannt wird, wirkt sich Lärm nachweislich negativ auf die Leistungsfähigkeit aus und verursacht dadurch volkswirtschaftliche Schäden.  

 

Lärm kann lebensgefährlich sein. Zumindest schadet er der Gesundheit, denn er kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Schwerhörigkeit und erhöhten Stress verursachen. Geräuschbelästigungen am Arbeitsplatz gehören für viele zum Alltag. Die für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit zuständige französische Behörde INRS hat ermittelt, dass 4,8 % der französischen Beschäftigten eine Tätigkeit ausüben, bei der sie über einen längeren Zeitraum erhöhten Schallpegeln ausgesetzt sind.

Bernard Salengro, Vorsitzender der französischen Gewerkschaft für Fachberufe im Gesundheitswesen und im medizinischen Arbeitsschutz, weist darauf hin, dass es „verschiedene Arten von Lärmstress“ gibt. Der französische Gesetzgeber berücksichtigt nur Geräuschbelastungen, die 85 Dezibel übersteigen (z. B. Rasenmäher, Autohupe). Ist der Arbeitnehmer diesem Geräuschpegel acht Stunden lang ununterbrochen ausgesetzt, muss der Arbeitgeber geeignete Lärmschutzmaßnahmen ergreifen. Bei nur kurzzeitiger Lärmexposition beträgt der Grenzwert 135 Dezibel (z. B. Martinshorn). Besonders betroffen sind Industrie (16,8%) und Baugewerbe (10,5%). Hier leiden viele Beschäftigte unter Lärmschwerhörigkeit.

 

Verminderte Leistungsfähigkeit?

Und die anderen? „Die Geräuschkulisse in Großraumbüros macht nicht taub“, erläutert Bernard Salengro. „Aber aus medizinischer Sicht ist sie bedenklich.“  Der Schallpegel in einem Büro schwankt zwischen 0 und 70 Dezibel. Auch wenn die Gesetzgebung dem keine Rechnung trägt, so sind die gesundheitlichen Folgen doch offensichtlich: Verminderung der Arbeitsleistung, Beeinträchtigung des Wohlbefindens, Kopfschmerzen, Migräne, vermehrte Müdigkeit, Konzentrationsprobleme. Laut France info gaben zwei Drittel der Befragten an, sie könnten „in einem ruhigen Umfeld effizienter arbeiten“.

Lärm verursacht auch volkswirtschaftliche Schäden. So wird der durch die Vernachlässigung des Lärmschutzes bedingte Produktionsausfall in britischen Unternehmen auf 15 000 Pfund geschätzt, das entspricht 21 000 Euro.

Erst wenn Stress als Berufskrankheit anerkannt wird, wird der Arbeitgeber reagieren – davon ist Bernard Salengro überzeugt. „Schon heute entstehen der Sozialversicherung enorme Kosten, aber die Arbeitgeber sehen sich nicht in der Pflicht, weil die Kosten von der Krankenversicherung übernommen werden.“ Bis zur Anerkennung des Problems durch die zuständigen Behörden empfiehlt der Mediziner eine Umgestaltung der Büroräume. „Zwischenwände, Teppichboden oder auch Grünpflanzen“ können schon zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen beitragen. 

 

Fabiola Dor

Zuletzt geändert am 17. Januar 2017