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Kulturschock Tempolimit - Interview mit einem Verkehrspsychologen

Länder: Deutschland

Tags: Tempolimit, Deutschland

Die Deutschen und ihre Autos, die Deutschen und ihre Autobahnen – ein Mythos, ein altes Klischee, denken Sie? Verfolgt man die derzeitige Debatte über eine mögliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen, scheint es sich doch zumindest in Teilen zu bestätigen. Bei der Diskussion werden große Worte bemüht - von "Vernunft" und "Freiheit" ist die Rede. Für Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist ein Tempolimit beispielsweise "gegen jeden Menschenverstand". Es scheint, als fühle man sich  in den Grundfesten der deutschen Identität erschüttert. Woher kommt diese Aufgeregtheit bei einem Vorschlag, der in der gesamten restlichen Welt schon längst Realität ist und ganz selbstverständlich funktioniert?

Es ist gewiss nicht das erste Mal, dass in Deutschland über eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen diskutiert wird. Jetzt kam das Thema erneut hoch, weil eine von der Bundesregierung beauftragte Experten-Kommission die Maßnahme empfahl, um die Klimaschutzziele im Jahr 2030 zu erreichen.

Was bringt ein Tempolimit und warum erregt der Vorschlag die Gemüter so? ARTE Info hat mit einem Verkehrswissenschaftler und einem Verkehrspsychologen gesprochen. Sie bewerten es aus ihrer jeweiligen Perspektive.

"In Deutschland ist die emotionale Bedeutung des Autofahrens nicht zu unterschätzen"

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Jörg-Michael, Sohn, Verkehrspsychologe aus Hamburg arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten mit Menschen zusammen, die den Führerschein verloren haben.

 

Befürworten Sie ein Tempolimit auf Autobahnen in Deutschland? Wenn ja, warum?

Ja, mehrere Gründe sprechen dafür. Es würde vielleicht nicht weniger Unfälle geben, aber ganz bestimmt weniger schwere. Je schneller gefahren wird, desto größer ist bei einem Aufprall die Energie, die Mensch und Auto zerstört. Außerdem ist der Verkehrsfluss homogener. Je gleichmäßiger gefahren wird, desto flüssiger der Verkehr. Das sieht man auch in anderen Ländern – denken Sie mal an die Highways in US-amerikanischen Filmen. Da gibt es einen ganz gleichmäßigen Verkehrsstrom. In Frankreich ist es ja auch so, dass da weniger gedrängelt wird, weil alle etwa gleich schnell unterwegs sind. Umstrittener ist, wieviel CO2 dabei nun wirklich eingespart werden würde.

 

Was tippen Sie: Wie lange, wird es in Deutschland als einzigem Land weltweit noch getreu dem ADAC-Spruch „Freie Fahrt für freie Bürger“ auf Autobahnengeben?

 

Hm, das wird nicht so schnell passieren, glaube ich. Es wäre wohl realistischer in Deutschland bekannter zu machen, dass es eine Richtgeschwindigkeit auf den Autobahnen gibt. Dem sollte man ein größeres Gewicht verleihen. Wer schneller als mit den 130 Stundenkilometern unterwegs ist, ist bei einem Unfall sehr viel leichter finanziell  haftbar zu machen.

 

Warum lösen Ihrer Meinung nach die Stichworte „Tempolimit auf Autobahn“ immer wieder einen solchen starken Empörungsreflex aus?

Ich denke, dass beispielsweise in Frankreich der Bezug zum Auto ein funktionalerer ist als in Deutschland. Wenn es mal eine Schramme abbekommt, ist es nicht so schlimm. In Deutschland ist die emotionale Bedeutung des Autofahrens ist nicht zu unterschätzen. Man identifiziert sich sehr stark mit seinem Auto, es wird zu einer zweiten Haut..

Ich denke, dass beispielsweise in Frankreich der Bezug zum Auto ein funktionalerer ist als in Deutschland. Wenn es mal eine Schramme abbekommt, ist es nicht so schlimm. In Deutschland ist die emotionale Bedeutung des Autofahrens ist nicht zu unterschätzen. Man identifiziert sich sehr stark mit seinem Auto, es wird zu einer zweiten Haut. Im Auto hat man das Gefühl, in „seinem“ Revier, seinem Bereich zu sein. Kollegen von mir sprechen da sogar von einer Art „Uterus“ (Gebärmutter Anm.d. Red.) - und gleichzeitig ist das Auto ein Symbol für Kraft, Schnelligkeit und Durchsetzungsvermögen. Das verbindet sich mit der Illusion, auch beim sehr schnellen Fahren ein geringes oder zumindest überschaubares Risiko zu tragen.  Die „freie Fahrt“ und der angebliche Zeitgewinn dabei sind übrigens eine Illusion. Zum einen kann man auf der Autobahn sein Auto in den seltensten Fällen wirklich mit 200 km/h über längere Zeit „ausfahren“. Und auf den kurzen Abschnitten, wo dies möglich ist, gewinnt man nur Sekunden. Bei einer 5 Kilometer langen Baustelle spart man beispielsweise mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h statt vorgeschriebener 100 km/h nur 30 Sekunden. Da unser Gehirn nicht fürs Autofahren gebaut ist, werden solche Dinge falsch eingeschätzt.

Dass die Debatte unter deutschen Autofahrern so hitzig geführt wird, wundert mich nicht. Was mich aber  erstaunt, sind Aussagen einiger Politiker. Da werden wissenschaftliche Zusammenhänge einfach negiert. Die Ergebnisse einer Kommission von Fachleuten werden mit einem Satz entwertet – sie seien "gegen jeden Menschenverstand".

 

 

Und was sagt der Kommunikationswissenschaftler? Einschätzung von Professor Joachim Trebbe, FU Berlin: 

„In Deutschland denken wir, dass wir Autobahn und Auto erfunden hätten. Alles, was uns auf diesem Feld einzuschränken scheint, wird sehr stark symbolisch aufgefasst. ‚Wir bauen die größten Autos, weil wir damit am schnellsten in der Welt unterwegs sein können.‘ – Daran hängen viele Deutsche. Das darf nicht angetastet werden – vor allem in einer Zeit, in der viele das Gefühl haben, durch neue gesetzliche Regelungen immer weiter eingeschränkt werden. Die Debatte ist traditionell aufgeladen in Deutschland – und wird noch zusätzlich durch einige Politiker hochgespielt, um sich bei der Wählerschaft in Position zu bringen.“

Zuletzt geändert am 5. Februar 2019