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Kulturschock Tempolimit - Interview mit einem Verkehrsökologen

Länder: Deutschland

Tags: Tempolimit, Deutschland

Die Deutschen und ihre Autos, die Deutschen und ihre Autobahnen – ein Mythos, ein altes Klischee, denken Sie? Verfolgt man die derzeitige Debatte über eine mögliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen, scheint es sich doch zumindest in Teilen zu bestätigen. Bei der Diskussion werden große Worte bemüht - von "Vernunft" und "Freiheit" ist die Rede. Für Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist ein Tempolimit beispielsweise "gegen jeden Menschenverstand". Es scheint, als fühle man sich  in den Grundfesten der deutschen Identität erschüttert. Woher kommt diese Aufgeregtheit bei einem Vorschlag, der in der gesamten restlichen Welt schon längst Realität ist und ganz selbstverständlich funktioniert?

Es ist gewiss nicht das erste Mal, dass in Deutschland über eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen diskutiert wird. Jetzt kam das Thema erneut hoch, weil eine von der Bundesregierung beauftragte Experten-Kommission die Maßnahme empfahl, um die Klimaschutzziele im Jahr 2030 zu erreichen.

Was bringt ein Tempolimit und warum erregt der Vorschlag die Gemüter so? ARTE Info hat mit einem Verkehrswissenschaftler und einem Verkehrspsychologen gesprochen. Sie bewerten es aus ihrer jeweiligen Perspektive.

 

"Das Gefühl, dass man nur noch auf der Autobahn ein richtiger deutscher Mann sein kann."

 

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Professor Udo Becker ist Verkehrswissenschaftler an der TU Dresden, sein Spezialgebiet ist die Ökologie.

 

Befürworten Sie ein Tempolimit auf Autobahnen in Deutschland? Wenn ja, warum?

Selbstverständlich bin ich für ein Tempolimit – wie alle anderen Verkehrsplanungsprofessoren auch. Einfach weil die Gesetze der Physik auch auf Autobahnen gelten. Doppelt so hohe Geschwindigkeit bedeutet viermal so hoher Energieverbrauch. Und höhere Geschwindigkeiten bedeuten viel schwerere Unfälle, mehr Lärm, mehr Abgas, mehr CO2 und auch mehr Flächenverbrauch - weil nicht ganz so schnelle Autobahnen anders trassiert werden können.

 

Aber man hört doch immer wieder in der Diskussion, die Einsparungen beim C02 wären minimal? Von 0,5 Prozent sind da die Rede…

Bei diesem hierzulande emotionalen Thema versuchen viele, einfach die positiven Wirkungen klein zu rechnen. Jeder von uns, der in seinem Auto eine Verbrauchsanzeige hat, weiß doch, wie rasant der Verbrauch bei hohen Geschwindigkeiten nach oben geht. Und natürlich würde ein Tempolimit auf den Autobahnen, wo noch keines gilt, zu deutlichen Einsparungen führen: Die Autos dort würden vielleicht auf diesen Strecken 20 bis 30 Prozent CO2 sparen. Aber bezogen auf "alle Autobahnkilometer" sind das natürlich vielleicht nur noch halb so viele Prozente. Der Trick ist jetzt: Man bezieht das einfach auf die CO2-Emissionen auf "allen Straßen", also auch auf Landstraßen und in der Stadt. Die sind zwar vom Tempolimit überhaupt nicht betroffen, aber auch dort fahren ja Autos. Und - oh Wunder - jetzt wird der Prozentwert noch viel kleiner, obwohl ja die gleichen Tonnen CO2 gespart werden. Ganz böswillige beziehen die "Einsparungen durch Tempolimit auf den noch unbegrenzten Strecken" auf alle Emissionen im Verkehr, also auch die von Bussen oder LKW oder Zügen oder Flugzeugen - und schon wird der Prozentsatz minimal. Man kann das Spiel noch weiter treiben. Wichtig für alle ist: Ein Prozentwert ist beliebig manipulierbar, wenn man nicht dazu sagt, was die Grundgesamtheit, die 100 Prozent, sind - und das wird in der Debatte fast immer weg gelassen!

 

Welche Wirkungen hätte ein Tempolimit auf den Verkehrsfluss – und das damit verbundene Unfallrisiko?

Bei einem homogenen Verkehrsfluss ist das Fahren entspannt, die Verbräuche sinken, weil man nicht ständig Gas gibt oder bremst, die Unfallzahlen gehen drastisch zurück, weil ja alle annähernd gleich schnell sind. Die Unfallschwere sinkt sogar überproportional, der Lärm geht zurück.

 

Das ist ganz unstrittig: Verkehrsplaner wissen, dass die Kapazität der Straßen dann am größten ist, wenn die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen allen Fahrzeugen möglichst klein sind! Das nennt sich dann "homogener Verkehrsfluss". Bei einem homogenen Verkehrsfluss ist das Fahren entspannt, die Verbräuche sinken, weil man nicht ständig Gas gibt oder bremst, die Unfallzahlen gehen drastisch zurück, weil ja alle annähernd gleich schnell sind. Die Unfallschwere sinkt sogar überproportional, der Lärm geht zurück. Das kann man alles messen, das ist pure Physik. Das lernen die Schülerinnen und Schüler in der siebten Klasse im Physikunterricht. Aber wenn es dann um die große Politik geht, wenn es um Gefühle und die letzten „Freiheiten“ auf unseren Straßen geht und wenn es um deutsche "Premium-Fahrzeuge" geht, dann wird die Physik oft links liegen gelassen: Nur so kann man die aktuellen Äußerungen etwa des deutschen Verkehrsministers verstehen.

 

Würde die Zahl tödlicher Unfälle sinken, gäbe es ein Tempolimit?

Höchstwahrscheinlich schon. Wir haben ja auch schon in den vergangenen Jahren auf manchen Strecken Geschwindigkeitsbegrenzungen eingerichtet. Sie können bei einem beliebigen Autobahnamt oder einem Länderministerium anrufen und nach den Unfallzahlen vorher und nachher fragen: Die gingen immer zurück - teilweise drastisch!* Das ist auch logisch: Wenn bei 160 km/h jemand vor Ihnen auf die Überholspur wechselt, sind Sie so schnell, dass Sie den noch in der Reaktionszeit ungebremst treffen. Das geht dann übel aus. Wenn Sie vielleicht 120 km/h fahren, ist erstens ihr Reaktionsweg viel kürzer und zweitens der Geschwindigkeitsunterschied zu dem ausscherenden Fahrzeug viel kleiner: Diesen Unfall können Sie dann vermeiden. Der Unterschied ist: Einmal knallen Sie mit 160km/h auf ein anderes Fahrzeug, einmal passiert gar nichts, der Unfall wird vermieden. Auch das: reine Fahrdynamik, reine Physik. Gilt überall - außer auf deutschen Autobahnen?

 

*Studie: Eine schon etwas ältere Studie aus Brandenburg. Sie besagt: Ein generelles Tempolimit würde den Verkehr deutlich sicherer machen.

Schon 2007 hat das Brandenburger Verkehrsministerium nämlich die Auswirkungen eines Tempolimits auf einem 62 Kilometer langen Autobahnabschnitt untersuchen lassen. Ein Teil der A24 zwischen Wittstock und Havelland war bis Dezember 2002 noch ohne Tempolimit. Danach wurde eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 km/h eingeführt. Das Ergebnis: Die Zahl der Unfälle halbierte sich annährend, von 654 Unfällen in drei Jahren ohne Tempolimit auf 337 Unfälle in drei Jahren mit 130 km/h. Auch die Zahl der Verunglückten sank deutlich von 838 auf 362 Verunglückte in drei Jahren (-57 Prozent). Rechnet man den allgemeinen Rückgang der Unfallzahlen heraus, bleibt laut Studie noch eine Verminderung der sogenannten Unfallrate um 26,5 Prozent.

 

Tja, wir haben da in Deutschland wohl eine nationale Besonderheit: Der Stolz auf die deutsche Ingenieurskunst, der Stolz auf das neue, teure Auto, und vor allem das Gefühl, dass man nur noch auf der Autobahn ein richtiger deutscher Mann sein kann.

 

Warum wird das Thema in Deutschland so extrem emotional und teils sehr pathetisch diskutiert? Woher kommt das?

Tja, wir haben da in Deutschland wohl eine nationale Besonderheit: Der Stolz auf die deutsche Ingenieurskunst, der Stolz auf das neue, teure Auto, und vor allem das Gefühl, dass man nur noch auf der Autobahn ein richtiger deutscher Mann sein kann. Das ist nicht mit Fakten und Argumenten beschreibbar, das sind Emotionen. Alle anderen Länder der Erde sind da ein wenig anders, die haben ein Tempolimit: Gerade weil man damit Leben rettet, weil man die Schwächeren schützt. Nur in Deutschland sollen die Stärkeren und Schnelleren weiter rasen dürfen. Das ist genauso irrational wie die Debatte in den USA, ob man Waffengesetze einführen soll oder nicht. Beides ist übrigens - leider - durchaus vergleichbar: Denn in beiden Fällen geht es um Menschenleben, und in beiden Fällen gilt das Recht des Stärkeren mehr als der Schutz der Schwächeren. Aber so sind wir Menschen eben mal. Ich wünsche mir, dass sich das ändert: Beim Rauchen in der Öffentlichkeit hat es doch auch geklappt.

Und was sagt der Kommunikationswissenschaftler? Einschätzung von Professor Joachim Trebbe, FU Berlin: 

„In Deutschland denken wir, dass wir Autobahn und Auto erfunden hätten. Alles, was uns auf diesem Feld einzuschränken scheint, wird sehr stark symbolisch aufgefasst. ‚Wir bauen die größten Autos, weil wir damit am schnellsten in der Welt unterwegs sein können.‘ – Daran hängen viele Deutsche. Das darf nicht angetastet werden – vor allem in einer Zeit, in der viele das Gefühl haben, durch neue gesetzliche Regelungen immer weiter eingeschränkt werden. Die Debatte ist traditionell aufgeladen in Deutschland – und wird noch zusätzlich durch einige Politiker hochgespielt, um sich bei der Wählerschaft in Position zu bringen.“

Zuletzt geändert am 5. Februar 2019