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Kulturhauptstadt: Der Weg aus der Krise?

Länder: Europäische Union

Tags: Kulturhauptstadt, Mons, Pilsen

Seit 1985 hat die Europäische Kommission den Titel "Kulturhauptstadt Europas" an über 50 Städte vergeben, dieses Jahr an die kleine Stadt Mons in Belgien und an Pilsen in Tschechien. Der Bürgermeister von Mons, Elio di Rupo, war einmal Premierminister von Belgien und möchte nichts Geringers als die Kleinstadt aus den Krisenzeiten der vergangenen Jahre heben. Wie er das machen will und was es in Mons zu sehen gibt erfahren Sie in unserer Kulturserie. Außerdem: Welche Auswirkungen hat der Titel auf eine "Kulturhauptstadt"? Wir haben in Essen (2010) und in Marseille (2013) nachgefragt.

Unsere Kulturserie der Woche: Die Kulturhauptstadt Mons

 

Alles auf einen Blick:

Kulturhauptstädte im Überblick
RUHR.2010: Was bleibt?
Marseille 2013: Kultur für wen?

1985 macht sich die damalige griechische Kulturministerin Melina Mercouri für ein Europa jenseits der wirtschaftlichen Beziehungen stark. Ihre Idee: In jährlichem Wechsel sollen europäische Städte ihr kulturelles Erbe präsentieren und so zum Gedanken eines vereinten Europas beitragen. Was als reine Kulturinitiative begann, ist längst professionalisiert und beinhaltet Projekte zur Stadtentwicklung, genauso wie die Einbindung der lokalen Wirtschaft. "Heute geht es um die Vermarktung einer Stadt", sagt Beatriz Garcia, Leiterin der Forschungsstelle des Instituts für kulturelles Kapital in Liverpool. "Die Auszeichnung soll vor allem benachteiligten Städten die Möglichkeit zum Strukturwandel geben – und nicht zuletzt Touristen anziehen." 

Kulturhauptstädte der letzten zehn Jahre

 

Wo, wann, was ist passiert? Fahren sie über die Städte und entdecken Sie spannende Details zu den Kulturhauptstädten von 2006 bis heute.

 
RUHR.2010: Was bleibt auf lange Sicht?

2010 ging die Auszeichnung in das Ruhrgebiet, nachdem 1999 mit Weimar zum letzten Mal eine deutsche Stadt Kulturhauptstadt war. Essen stand zwar an der Spitze der Initiative, insgesamt nahmen aber 53 Städte aus dem Ruhrpott am Kulturjahr teil. 65 Millionen Euro standen für kulturelle Projekte zur Verfügung. 120 Millionen Euro steuerten allein das Land und die EU zu Baumaßnahmen, wie dem Umbau des Dortmunder und Essener Bahnhofs bei. Auch Großveranstaltungen durften nicht fehlen: Volkstümliches, wie ein Kulturtag an Biertischen auf der gesperrten Ruhrgebietsautobahn A 40 oder der "Day of Song" in allen Ruhrgebietsstädten mit abschließendem 65.000-Stimmen-Konzert im Stadion auf Schalke.

 

Die Europäische Kommission war begeistert. In ihrem Abschlussbericht spricht sie von 10,5 Millionen Besuchern – einem Plus von 13,4 Prozent  - und einem Gewinn von 90 Millionen Euro in der gesamten Region. Das war im Frühjahr 2011, einige Monate nach der Übergabe des Titels an Turku in Finnland und Tallinn in Estland. Und heute? Es zieht nur wenige Touristen in die Region, der erhoffte Strukturwandel geht schleppend voran. Die Stadt Essen ist hochgradig überschuldet. Die Verluste von 800 Millionen Euro sind sicherlich auf den Einbruch der RWE-Aktien und den starken Schweizer Franken zurückzuführen. Essen besitzt Anteile an dem Energieriesen und hat zur Sanierung des Haushalts hohe Kredite in der Schweiz aufgenommen. Der Titel Kulturhauptstadt konnte also nicht zur Erschließung weiterer Einnahmequellen für die Stadt beitragen.

 

Beatriz Garcia warnt davor, von der EU-Initiative Wunder zu erwarten. "RUHR.2010 war ein ehrgeiziges Projekt, weil es eine ganze Region einschloss", sagt sie. "Eine Region mit großen, wirtschaftlichen Sorgen.“ Sie sieht die Stadt auf einem guten Weg: die Netzwerke funktionierten und die Zahl der kulturellen Angebote steige. "Es ist schlicht zu früh, den langfristigen Erfolg des Projektes einzuschätzen", so Garcia weiter. Die Bilanz aus dem Ruhrgebiet: Kurzfristiger Erfolg ja, der erhoffte Wandel von der Industrie- zur Kreativmetropole lässt weiter auf sich warten.

 

Marseille 2013: Kultur für wen?

Eineinhalb Jahre nach dem Ende des Kulturjahres in Marseille und der umliegenden Provence gibt es viele positive Stimmen. Das Stadtmuseum wurde generalsaniert, andere Museen komplett neu entworfen. Dazu zählen das futuristisch anmutende "MuCEM" (Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers) und das neue Gebäude des Regionalfonds für zeitgenössische Kunst. Den Organisatoren zufolge haben im Jahr 2013 zehn Millionen Menschen mindestens eine der über 900 Veranstaltungen besucht. Das sind zwei Millionen Besucher mehr als im Vorjahr. 660 Millionen Euro betrug das gesamte Budget, davon 100 Millionen ausschließlich für kulturelle Projekte.

 

Marseille Provence 2013 : le bilan

 

Marseille 2013 steht auch für Bauprojekte von bisher unbekanntem Ausmaß. Das Projekt "Euromeditérranée" etwa, dessen Ziel die Errichtung eines Businessviertels im Stadtteil La Joliette ist. Oder die massive Umgestaltung der Hafenpromenade. Doch immer wieder geraten die sozialen Auswirkungen der Infrastrukturprojekte in die Kritik. Denn wenn in einer Großstadt neu gebaut wird, wird vorher auch zerstört.

Die Rapperin Keny Arkana hat im März 2013 auf Youtube einen Dokumentarfilm über die Verdrängungsprozesse in der Stadt veröffentlicht. Der aufschlussreiche Titel: Marseille, die zerrissene Hauptstadt (französisch). Darin beklagen Anwohner die Explosion der Mieten und kritisieren die Projekte zur Stadtentwicklung. Sie würden dazu führen, dass Menschen, die zuvor im Stadtzentrum gewohnt haben, in die Randbezirke im Norden der Stadt gedrängt würden. Beatriz Garcia räumt ein, dass sich aufgrund der kurzen Fristen und der schnellen Planung einige Gruppen von dem Umgestaltungsprozess ausgeschlossen fühlten. "Trotzdem haben die Projekte das Stadtbild entschieden verbessert", fährt sie fort.

 

Auch das Kulturprogramm sah sich öffentlicher Kritik ausgesetzt. Der Vorwurf: Lokale Künstler würden nicht ausreichend gefördert. Vor allem betroffen sei die Off-Szene, ganz vorne die unzähligen Hip-Hop-Crews der Mittelmeermetropole. Deren bekannteste Vertreter IAM gehörten ebenfalls zu den Hauptkritikern der städtischen Kulturpolitik. Gleichzeitig wollte die Stadtverwaltung ein Konzert des weltbekannten DJs David Guetta mit 400.000 Euro unterstützen. Der Ticketpreis: 44 Euro. Eine Petition mit über 70.000 Unterschriften ließ schließlich die Behörden von ihrem Plan abrücken.

Mehr zum Thema:

Echter Wandel oder alles nur Schein? Arte hat das Kulturjahr 2013 in Marseille begleitet. Die Ergebnisse finden Sie hier.

 

Erfolgreiches Kulturprojekt, Werkzeug zur Stadtentwicklung oder Katalysator der Verdrängung? Die Bilanz des Kulturjahres in Marseille fällt gemischt aus. Für Beatriz Garcia gibt es zumindest einen Grund zur Freude: Das Organisationsteam ist nach wie vor in der Stadt und gestaltet eigene Projekte. Im langen Reigen der Kulturhauptstädte ist das eine einzigartige Ausnahme.  

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016