Kuba: Die Gangs ohne Namen

Länder: Kuba

Tags: Jugendgangs, Armut, Havana

Die Castros entließen 1,5 Millionen Staatsangestellte ins Unternehmertum, erlaubten den Immobilienhandel, die Reisefreiheit und die Einfuhr neuer Autos – doch nur wenige profitieren von dieser Reform des kubanischen Sozialismus.

Cuba : la guerre des gangs (extrait)

 

Samstag, 14. Juni

16:50

ARTE Reportage

 

ARTE Reportage oder Fußball-WM? Atmen Sie auf, Sie müssen sich nicht für das eine oder andere entscheiden. Damit Sie kein Spiel verpassen, haben wir entschieden, die Sendung am Samstag 14., 21. und 28 Juni sowie am 5. Juli bereits um 16.50 Uhr auszustrahlen.

 

 

Sie produziert viele neue Verlierer, vor allem junge Leute. Manche von ihnen holen sich einfach, was sie brauchen. In den armen Vierteln Havannas wächst die neue Macht der Jugendgangs.

Zwischen 8 bis 40 Dollars verdienen die Kubaner offiziell, pro Monat! Das reicht nicht einmal für Lebensmittel. von schicker Kleidung, Restaurants, Diskotheken gar nicht zu reden - Smartphones und die anderen Statussymbole der Kids sind für die meisten Kubaner unerschwinglich. Eine Stunde Internet kostet soviel wie das Monatsgehalt eines Kochs. Autos sind so teuer, dass sie selbst nach 50 Arbeitsjahren mit einem kubanischen Gehalt unerschwinglich wären.

Die einen warten noch immer auf den Vater Staat, der doch so viele Jahrzehnte für sie gesorgt hat, andere verlieren die Geduld und handeln auf ihre eigene kriminelle Weise: Dutzende Jugendgangs haben sich nach Auskunft unserer Informanten in den letzten Jahren in Havanna zusammengeschlossen: Sie schlagen erbarmungslos zu, für ein paar Dollar, ein Smartphone, ein Goldarmband. Die neuen Jugendgangs sind die brutale Antwort auf die Reform eines maroden Systems von denen, die sich an der Macht halten wollen, um jeden Preis.  


von Rosa Berg – ARTE GEIE / RB-Production - Deutschland 2014

 

 

Die Reporterin Rosa Berg über die Dreharbeiten

1. Wie dreht man eine Reportage mit Jugend-Gangs auf Kuba?

Wir haben für diese Reportage nicht nach einer offiziellen Drehgenehmigung gefragt. Denn schon für „sanftere“ Themen gibt es keine Garantie, dass die offiziellen Stellen eine Drehgenehmigung erteilen. Und wenn sie es tun, dann schlagen sie die Interviewpartner vor, die natürlich im Sinne der Staatsideologie denken und antworten. Das Thema Jugendkriminalität existiert in Kuba offiziell nicht. Und über etwas, was es nicht gibt, braucht nicht berichtet zu werden. Um ein so schwieriges Thema zu realisieren, bedarf es sehr guter Kontakte vor Ort und das Vertrauen der Jugendlichen. Natürlich ist es heikel, auf Kuba ohne Drehgenehmigung zu filmen. Man muss auf der Hut sein vor den offiziellen Stellen wie Polizei, Sozialarbeitern und Lehrern. Natürlich haben wir mit ihnen gesprochen, um von ihnen Hintergrundinformationen zu erfahren, aber ohne unsere Tarnung aufzugeben: Spitzel lauern in Kuba überall. Eine offizielle Stellungnahme vor der Kamera einzuholen, das war nicht möglich, vermutlich wäre dann auch unser Drehmaterial beschlagnahmt worden.

2. Wie waren die Dreharbeiten in diesem Milieu mit diesen Leuten?

Das Verhältnis zu diesen gewaltbereiten Jugendlichen ist ambivalent. Man möchte sie in den Arm nehmen, weil sie noch Kinder sind - durch die Diebstähle gut gekleidet, höflich zu uns, witzig und albern mit ihren Macker Posen. Andererseits blitzt diese Rücksichtslosigkeit und Brutalität immer wieder auf. Wenn wir mit ihnen unterwegs waren, sahen wir, wie sie andere Jungs scannten, wie sie plötzlich ihre Haltung veränderten, wenn ihre Begehrlichkeiten geweckt wurden. Was wenn die sich plötzlich auch auf uns ausweitet hätten? Sich mit ihnen und diesem Milieu einzulassen, das gleicht dem Pakt mit dem Teufel. Um sie zu verstehen, dazu bedarf es Empathie und Distanz. Nur eines von beidem zu verlieren, das wäre verhängnisvoll gewesen nicht nur im journalistischen Sinne. Diese dunkle Seite Kubas zu entdecken, das war mich, die aus einer sozialistischen Diktatur kommt, ein Alptraum – als wäre die Mauer vor 25 Jahren nicht gefallen. Noch immer würden wir darauf warten, dass sich etwas ändert, während uns die Kinder und Enkel längst den letzten Teppich unter den Füßen wegzerrten samt Klappstuhl, auf dem wir uns verzweifelt festhielten. Das bitterste und extrem deprimierende im Umgang mit den Kids war die totale Abwesenheit von Regeln, Hoffnung und Liebe - eine unfassbare Verwahrlosung und Verrohung, die jeden Winkel der Gesellschaft erfasst hat, äußerlich und innerlich. Korruption, Prostitution und Gewalt prägen ihr Erwachsenwerden. Was für ein Staat ist mit ihnen zu machen?

3. Wie bedeutet das Phänomen der Jugendbanden für Kuba und seine Zukunft?

Der populäre kubanische Autor Leonardo Padura hat gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Ketzer“. Moderne Ketzer sind diese Jugendgangs in Havanna für ihn, denn die Kinder des Sozialismus verweigern sich radikal der Ideologie des Wartens auf ein besseres Leben. Sie sind auf sich fixiert, auf heute und jetzt gleich, auf ihren höchstmöglichen persönlichen Nutzen. Dafür gehen sie auf die Straße, nicht um brav zu demonstrieren, sondern um sich zu holen, was sie sich niemals leisten könnten, selbst wenn sie noch so gut ausgebildet wären. Lange genug wurde ihnen gepredigt, dass dem Volk alles gehört – das nehmen die Jugendbanden jetzt wörtlich, sie demontieren die letzten Reste des alten Sozialismus.

Interview: Uwe Lothar-Müller

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016