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Kontra: Eugen Brysch

Länder: Deutschland

Tags: Eugen Brysch, Euthanasie

Eugen Brysch, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz, ist strikt gegen aktive Sterbehilfe und gegen die organisierte Form der Suizidbegleitung.

Magali Kreuzer, ARTE Journal: ARTE Journal: Weshalb sind Sie gegen Sterbehilfe?

 

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz: Das Problem bei der Sterbehilfe ist, dass erst das Adjektiv entscheidet, ob ich dafür oder dagegen bin.

Grundsätzlich hat jeder Patient ein Recht darauf, über seine Behandlung selbst zu entscheiden. Deswegen bin ich auch dafür, dass die Menschen ein Recht auf Sterben haben."

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Wenn Sterbehilfe meint, dieses Recht auf Sterben zu ermöglichen, wie das die passive und die indirekte Sterbehilfe vorsehen, dann sind das Maßnahmen, über die der Mensch entscheiden darf. Diese Maßnahmen töten nicht, sie begleiten das Sterben. Ich finde gut, dass wir in Deutschland Töten auf Verlangen strafrechtlich sanktionieren – und zwar mit einem sehr geringen Strafmaß. Wir unterscheiden im deutschen Strafrecht Tötung auf Verlangen von Mord und von Totschlag. Immer dann, wenn ein Tötungsdelikt im Mittelpunkt steht, muss ein Richter für die Einzelfallgerechtigkeit sorgen.

 

Würde die Sterbehilfe nicht unnötiges Leid am Ende schwerer Krankheiten vermeiden?

 

Eugen Brysch: Leiden lässt sich nicht in juristische Kategorien pressen. Es gibt keinen Leidenskatalog, der mir ab einem Punkt das Recht gibt, die Tötung durch einen anderen für mich in Anspruch zu nehmen. Leiden ist immer etwas Subjektives. Wenn sie Leiden definieren wollen, kommen sie schnell an die Frage, ob Töten die Antwort auf das Leiden ist. Wenn wir aktive Sterbehilfe legalisieren, dann ist die Tötung durch einen Dritten eine reale Option. In Belgien und in den Niederlanden geht es heute soweit, dass die aktive Sterbehilfe nicht mehr nur nach unerträglichem Leiden, unerträglichen Schmerzen gefragt wird. Dort ist auch für Menschen, die Angst davor haben, abhängig zu werden, oder an Demenz zu erkranken, sowie, wenn sie an Depressionen leiden, aktive Sterbehilfe erlaubt.

 

Ist ein langsames Sterbenlassen, das mit unerträglichen Schmerzen verbunden ist, nicht inhumaner als Sterbehilfe?

 

Eugen Brysch: Das wäre ja auch Quälerei. Deshalb gibt es heute die Palliativmedizin. Sie steht in der Debatte um eine Veränderung des Strafrechts nicht zur Diskussion. Jeder Patient hat ein Recht darauf. Die Palliativmedizin sieht für die Linderung unerträglicher Schmerzen viele wirksame Maßnahmen vor, im Extremfall bis hin zur palliativen Sedierung, einem komatösen Schlaf. Dies wird bereits angewandt, aber noch viel zu selten, um genau solche Leiden zu kontrollieren und auch ein schmerzfreies Hinübergleiten in den Tod möglich zu machen. Diese palliative Sedierung hat aber nichts mit aktiver Sterbehilfe zu tun.

 

In Umfragen spricht sich eine Mehrheit der Befragten für eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe aus.

 

Eugen Brysch: Ich glaube, dass sich viele Menschen mit den Fragen von Lebensende und von Gebrechlichkeit erst gar nicht auseinandersetzen. Diese Themen und die Aussicht, pflegebedürftig zu werden, sind mit großen Ängsten besetzt. Ich arbeite viel mit älteren Menschen zusammen. Viele empfinden sich dann nur noch als Last. Das ist der eine Punkt. Der andere: Wenn wir heute in Deutschland beispielsweise die Frage nach der Todesstrafe für Kindermörder stellen, dann würden wir 90 Prozent Zustimmung haben. Sprich: Die emotionale Zustimmung zu Maßnahmen, die mit dem Tod zu tun haben, ist recht schnell zu bekommen.

 

Der hippokratische Eid schreibt vor, dass Ärzte ihren Patienten in erster Linie helfen müssen. Wie können sie da einem unheilbar Kranken beim Sterben zusehen, ohne ihn von seinem Leid zu erlösen?

 

Wenn ein Arzt hier bei schwerem Leiden oder starken Schmerzen nur zusieht, hat er sein Handwerk nicht verstanden. Aufgabe des Arztes muss es sein, Leiden zu lindern, selbst wenn er in Kauf nimmt, dass der Patient daran früher stirbt." 

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Eugen Brysch: Der Sterbeprozess ist der natürliche Abschluss des Lebens. Wenn ein Arzt hier bei schwerem Leiden oder starken Schmerzen nur zusieht, hat er sein Handwerk nicht verstanden. Aufgabe des Arztes muss es sein, Leiden zu lindern, selbst wenn er in Kauf nimmt, dass der Patient daran früher stirbt. Aber die Leidenslinderung ist entscheidend für den Arzt. Dazu gehören vor allem palliative Maßnahmen. Die Studien der Weltgesundheitsorganisation belegen, dass wenn palliative Mittel eingesetzt werden, der Mensch nicht früher stirbt, sondern länger lebt, weil er nicht leiden muss.

 

Sollte nicht jeder Mensch das Recht haben, selbstverantwortlich und frei zu entscheiden, ob er sterben will und wenn ja, wie und wann?

 

Eugen Brysch: Absolut. Es darf nur einem vorbehalten sein, über die Frage seines Todes zu entscheiden, das ist der Patienten selbst. Aber es ist etwas anderes, ob der Patient über seinen Tod entscheidet, oder ob er einen Anderen in die Verantwortung zieht. In der aktuellen Debatte in Deutschland geht es ja nicht um die Legalisierung von aktiver Sterbehilfe. Es geht um die Frage: Wollen wir die assistierte Suizidbegleitung, wenn sie organisiert angeboten wird, unter Strafe stellen? Wir sind dafür, dass weder der Suizid noch die Suizidbegleitung kriminalisiert werden. Wir meinen aber, dass ein geschäftsmäßiges Angebot nicht mehr Selbstbestimmung schafft, sondern Fremdbestimmung, nach dem Motto: „Das Angebot ist da. Wieso nimmst du es nicht für dich in Anspruch?“ Dieses Angebot der Fremdbestimmung wollen wir in Deutschland unter Strafe stellen. In der Schweiz, wo der assistierte Suizid von einigen Organisationen propagiert und angeboten wird, gibt es Statistiken, wonach über 80 Prozent ihrer Patienten gar nicht unter unerträglichen körperlichen Schmerzen leiden. Vielmehr sind sie depressiv oder haben Angst, alt oder abhängig zu werden. Für uns gilt: Wenn eine Person den Weg des Suizids geht, dann ist das ihre höchstpersönliche Entscheidung. Auch den Beistand von Angehörigen hierbei wollen wir nicht unter Strafe stellen. Was wir aber unter Strafe stellen wollen, ist die organisierte Form, sprich den Tod aus den Gelben Seiten. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016