Kolumbien: Eine Frage der Erde

Länder: Kolumbien

Tags: geraubtes Land, Bürgerkrieg, guerilla

Wenn der Frieden besiegelt ist, wem gehört dann die Erde, das Land der 5 Millionen im Bürgerkrieg vertriebenen Bauern in Kolumbien?  

Colombie : terres promises

Denen, die es erobert haben oder angeblich legal erworben oder denen, die zurückkommen wollen in ihre Heimat? Das ist die entscheidende Frage bei den Friedens-Verhandlungen zwischen der Regierung und der FARC, der Guerilla.    
Der Frieden in Kolumbien beginnt nicht schon, wenn die Waffen schweigen. Er wird erst dann wirklich von Dauer sein können, wenn die Bauern wieder ihr Land beackern können, die davon im Bürgerkrieg vertrieben wurden: Es geht um 6 Millionen Hektar und 5 Millionen von bewaffneten Gruppen vertriebene Bauern. Zehntausende von ihnen trauen sich zurzeit, ihr Land endlich zurückzufordern, sie stützen sich dabei auf ein Gesetz, das ihr Präsident Santos erlassen hat – es ist  seine bislang wichtigste Initiative im Sinne der Menschenrechte in Kolumbien. Sondergerichte mit speziell ausgebildeten Richtern sollen entscheiden – keine leichte Aufgabe, denn die, die das Land an sich gerissen haben, die wollen es freiwillig nicht mehr hergeben.
 

Von Barbara Lohr, Damien Fellous, Jean Will und Benoît Monange– ARTE GEIE – Frankreich 2015

 

 

Unser Interview mit der Reporterin

 

Interview avec Barbara Lohr

 

Die Phantomstadt Santa Rita - ein Portfolio von Damien Fellous

 

 

Paras, Guerillas, Armee - sechs Jahrzehnte Krieg

 

Seit knapp 60 Jahren herrscht Bürgerkrieg in Kolumbien. Schon Ende des 19. Jahrhunderts bekämpften sich immer wieder Kleinbauern und Großgrundbesitzer, doch seit 1948 hat sich daraus ein komplizierter Konflikt entwickelt. Darin verwickelt sind das kolumbianische Militär, die Guerillabewegung FARC-EP, die Drogenkartelle und einige rechte paramilitärische Gruppen, die sich bis 2006 als „Autodefensas Unidas de Colombia“ organisiert hatten. 220 000 Menschen sind bei den Kämpfen bisher ums Leben gekommen. Mit der vorläufigen Einigung zwischen der Regierung und der FARC keimte im Juli 2015 zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Hoffnung auf ein Ende des Konflikts.  

 

40er

und 50er Jahre

 

Am 9. April 1948 wird der progressive liberale Präsidentschaftskandidat Jorge Eliécer Gaitán in Bogota auf offener Straße ermordet. Er hatte Reformen auf dem Land versprochen, und galt als Hoffnungsträger der unteren Klassen im Kampf gegen die Oligarchie. Mit Gaitáns Ermordung begann der Bürgerkrieg zwischen Konservativen, Liberalen und einigen kommunistisch-marxistischen Organisationen, der unter dem Namen „La violencia“ bekannt ist. Die Mitglieder der Parteien organisieren sich in Selbstverteidigungsgruppen und Guerillaeinheiten. Die kommunistische Partei und linke radikale Bauern gründen während der Violencia unabhängigen Republiken in abgelegenen Teilen des Landes und hoffen auf eine politische Autonomie ihrer Regionen.

 

60er

Jahre

 

Im Jahr 1964 erobert die kolumbianische Armee mit Unterstützung der USA gewaltsam die unabhängige Republik Republica de Marquetalia. Die Überlebenden der ruralen Kampftruppen gründen darauf die Fuerzas armadas revolucionarias de Colombia, die FARC. Die linksgerichtete Guerillabewegung versteht sich als militärischer Arm der kommunistischen Partei. Ihre Anführer sind Manuel Marulanda und Jacobo Arenas. Die FARC operiert zu Beginn nur auf dem Land. Sie setzt sich für die Rechte der armen Landbevölkerung gegenüber den Großgrundbesitzern ein. Ihre Aktionen beschränken sie anfangs auf bewaffnete Angriffe auf kolumbianische Patrouillen. 1966 wird die Organisation in FARC-EP, Fuerzas armadas revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo (Volksarmee) umbenannt. In den 1960er Jahren entstehen auch die ersten paramilitärische Bewegungen. Ihr offizielles Ziel ist es, gegen die FARC-Guerilla vorzugehen. Viele dieser paramilitärischen Gruppen werden von Großgrundbesitzern und Drogen-Baronen gegründet. 

 

80er

Jahre

 

Ab den 80er Jahren bekommt die FARC neue Anhänger unter kleinen Coca-Bauern und schließt zugleich Bündnisse mit mächtigen Kartellen. Kolumbien ist inzwischen einer der größten Kokain-Produzenten weltweit. Die FARC finanziert sich zum Teil mit Drogengeld  sowie durch Entführungen und Lösegeldforderungen. Sie führt nun auch Operationen nach militärischem Vorbild und weitet ihre Verbindung zu anderen lateinamerikanischen Guerillatruppen aus. Die Guerilla-Kämpfer sind in etwa 40 Prozent der kolumbianischen Gemeinden präsent, sie zählen zwischen 18.000 und 20.000 Männer. 1982 leitet der konservative Präsident Belisario Betancur Friedensverhandlungen ein. Ein Waffenstillstandsabkommen wird 1984 unterzeichnet. Die militärische Bewegung hat ein Jahr, um sich politisch zu organisieren. 1985 gründen die Mitglieder der FARC und der Kommunistischen Partei Kolumbiens eine neue Partei, die Union Patriotica. Sie soll die revolutionären Ziele auf legalem Weg durchsetzen. Bei den Wahlen 1986 erzielt die Partei Erfolge: 350 Gemeinderäte, 23 Abgeordnete und sechs Senatoren werden in den Kongress gewählt. In den darauffolgenden Jahren aber ermorden paramilitärische Gruppen tausende Mitglieder dieser Partei. 

 

90er

Jahre

 

Im März 1990 töten paramilitärische Kampftruppen den Präsidentschaftskandidaten der Union Patriotica, Bernardo Jaramillo Ossa. Die Partei verliert zunehmend an Bedeutung. Die Friedensverhandlungen scheitern. 1997 wird der Dachverband der rechtsgerichteten Paramilitärischen Gruppen, die „Autodefensas Unidas de Colombia“ ( AUC) offiziell gegründet. Der Konflikt zwischen Paramilitärs und er FARC intensiviert sich.

1998 wird Andrés Pastrana zum Präsidenten gewählt. Er gesteht der FARC eine entmilitarisierte Zone von 42 000 Quadratkilometern nahe der Stadt Villa San Vicente de Caguán  zu, in der Friedensverhandlungen geführt werden. Doch die Verhandlungen scheitern, die FARC verstärken wieder die Entführungen von Militärs, Polizisten und Politikerin wie Ingrid Betancourt in der Hoffnung, sie gegen inhaftierte Guerilla-Kämpfer austauschen zu können. Die EU stuft die FARC als terroristische Organisation ein.

Die kolumbianische Regierung setzt den Plan Colombia um. Dieser ermöglicht es dem Militär, die Aufgaben der Polizei zu übernehmen. Koka-Felder werden mit Herbiziden besprüht, um so die Einnahmequelle der Guerillas zu schwächen. Die USA unterstützen die Regierung darin mit hunderten Millionen Dollar. 

 

2000er

Jahre

 

2002 übernimmt Alvaro Uribe das Präsidentenamt. Mit Unterstützung der USA beginnt er eine neue Militäroffensive gegen die FARC. Seiner Regierung werden Verbindungen zu den Paramilitärs nachgesagt. 2003 schließt Uribe ein umstrittenes Friedensabkommen mit den paramilitärischen Gruppen. 2006 ist deren Demobilisierung offiziell abgeschlossen. Ihre Nachfolgeorganisationen gelten nicht als politisch motiviert. Menschenrechtler beklagen aber, dass es sich nur um einen Etikettenschwindel handle. 

 

2010

bis heute

 

2010 gewinnt Juan Manuel Santos die Präsidentschaftswahlen. Er erlässt 2011 ein Gesetz, das es Vertriebenen ermöglichen soll, auf ihr gestohlenes Land zurück zu kehren. Jedoch werden diese oft von Paramilitärs bedroht oder ermordet. Ende 2012 nimmt Santos Regierung die Friedensgespräche mit der FARC wieder auf. Die Gespräche finden in Havanna statt und werden von Kuba und Norwegen begleitet. Am 12. Juli 2015 erzielen die beiden Parteien in Havanna eine Einigung und kündigten einen viermonatige Phase der „Deeskalation“ an. Die FARC kündigte eine einseitige Waffenruhe an und auch das kolumbianische Militär schränkt seine Einsätze ein. Bis Mitte November 2015 soll der Konflikt Ziel mit einem beidseitigen, dauerhaften Waffenstillstand beigelegt werden.  

Aus unserem Archiv

 

0609filles_de_farc_03.jpgDie FARC verzeiht Dir nie (2014)

Sie war noch ein Kind, als die Guerilla sie rekrutierte. Nach zwei Jahren ist Claudia wieder ausgetreten. Die FARC drohte sie umzubringen und ihre ganze Familie. Wie ihr geht es vielen Jungen und Mädchen. Hier können Sie die Reportage (wieder)sehen.

 

 

Das Gesetz für die Opfer (2011)

Es gibt Hoffnung für die 4 Millionen Vertriebenen und Gewaltopfer in Kolumbien. Mit dem "Gesetz zur Entschädigung der Gewaltopfer" übernimmt der Staat erstmals Verantwortung für die Folgen der jahrzehntelangen Gewalt. Er verpflichtet sich, die Opfer zu entschädigen und den Vertriebenen eine Rückkehr auf ihre Farmen und in ihre Dörfer zu ermöglichen. Hier können Sie die Reportage (wieder)sehen.

 

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016