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Der Beginn einer neuen Ära

Länder: Kolumbien

Tags: FARC, Kuba, Friedensabkommen

Nachdem sich die Rebellen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) und die kolumbianische Regierung vergangene Woche auf einen Friedensvertrag geeinigt haben, hat nun der Chef der FARC, Timoleón Jiménez alias Timochenko einen endgültigen Waffenstillstand verkündet. Am Sonntag sagte er in Havanna, er ordne an, dass "all unsere Kommandos, all unsere Einheiten und jeder unserer Kämpfer um Mitternacht das Feuer einstellen und die Feindseligkeiten gegen den kolumbianischen Staat beenden". Damit wird der älteste Konflikt Lateinamerikas beigelegt.

7,6

Millionen direkte und indirekte Opfer zählt die kolumbianische Regierungsstelle für Kriegsopfer.

Gefechte, Folter, Vertreibung

Für das südamerikanische Land beginnt nun eine neue Ära. Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos hat am vergangenen Donnerstag das Friedensabkommen begrüßt und in Bogota an sein Volk appelliert: "Lasst uns gemeinsam eine neue Etappe unserer Geschichte beginnen. Lasst uns aus unserer Nation das Land machen, von dem wir immer geträumt haben: Ein Land in Frieden."

Den hat Kolumbien lange nicht mehr erlebt. Über 50 Jahre dominierten interne Konflikte. Ausgangspunkt dafür war eine als ungerecht empfundene Landverteilung. Es folgten Auseinandersetzungen zwischen staatlichen Sicherheitskräften, linken Rebellen und rechten Paramilitärs. Seit den 1960er Jahren kamen 220.000 bis 260.000 Menschen ums Leben, 6,9 Millionen weitere wurden vertrieben. Viele mussten in die Elendsviertel am Rande der Großstädte fliehen.

Die Regierungsstelle für Kriegsopfer zählt mehr als 7,6 Millionen direkte und indirekte Opfer des Kolumbien-Konflikts. Kolumbien ist beispielsweise nach Afghanistan das Land mit den meisten Landminen-Opfern. Der Alltag der Kolumbianer ist über Jahre von Gefechten, Folter und Vertreibung dominiert.

 

Die Friedensverhandlungen im Überblick:

 

 

Der Krieg ist vorbei. Die FARC hören auf, als bewaffnete Gruppe zu existieren und beginnen ihr Leben in der Demokratie"

Humberto de la Calle, Chefunterhändler der Regierung

Volksabstimmung Anfang Oktober

Damit soll ab sofort Schluss sein. "In jedem Krieg werden Fehler gemacht. Wir sprechen den Familien der Opfer unser Beileid aus. Reichen wir uns die Hände und rufen gemeinsam: Nie wieder", erklärte Iván Márquez, Delegationschef der FARC in Havanna am Donnerstag. Die linken FARC-Rebellen wollen in Zukunft als politische Partei für ihre Ziele eintreten: "Der Krieg ist vorbei. Die FARC hören auf, als bewaffnete Gruppe zu existieren und beginnen ihr Leben in der Demokratie", so Humberto de la Calle, Chefunterhändler der Regierung.

Aber bevor es soweit ist, muss das Abkommen im September unterzeichnet werden. Vorgesehen ist dafür der Zeitraum zwischen dem 20. und dem 26. September. Anfang Oktober ist dann die kolumbianische Bevölkerung an der Reihe. Sie muss das Friedenspaket in einem Referendum billigen. Einfach dürfte das nicht werden. Laut jüngster Umfragen lagen die Befürworter und die Gegner des Abkommens jeweils bei 31 Prozent.

 

"Die Kolumbianer halten den Schlüssel zu ihrer Zukunft in den Händen"

Die kolumbianische Gesellschaft ist gespalten und das nicht ohne Grund: Die zahlreichen Bombenattentate, die Entführungen und Morde der FARC-Rebellen, die zuletzt noch 8.000 Kämpfer hatten, haben der Bevölkerung schwer zugesetzt. Präsident Juan Manuel Santos versucht dennoch, seine Landsleute zu dem richtigen Schritt zu motivieren: "Die Kolumbianer halten den Schlüssel zu ihrer Zukunft in den Händen", sagte er am Donnerstag in Bogota. Auch Humberto de la Calle beschwor seine Landsleute, den Friedensvertrag anzunehmen: "Die Zukunft des Landes steht auf dem Spiel. Es geht nicht nur um das Schweigen der Gewehre, es geht um neue Chancen. Es öffnen sich Wege, um die Gewalt hinter uns zu lassen und in gegenseitigem Respekt etwas Neues aufzubauen." 

 

 

Kolumbien: Die wichtigsten Einigungen im Überblick

Die Gegner des Vertrags kritisieren vor allem, dass die Guerillakämpfer in dem Friedensvertrag mit relativ milden Strafen davonkommen könnten. Bereits jetzt wurde angekündigt, dass all jene, die schwere Verbrechen begangen haben und dazu stehen, eine Freiheitsstrafe von höchstens acht Jahren riskieren. Ein weiterer Aspekt, der die Gegner des Friedensvertrages beschäftigt, ist der Frieden in den demilitarisierten Zonen. Sie fürchten, dass rechte Paramilitärs alte Rechnungen begleichen könnten.

 

Es wird keinen dauerhaften Frieden in Kolumbien geben, wenn der Staat nicht gegen die Paramilitärs und ihre Unterstützerkreise vorgeht"

Oliver Müller, Leiter von Caritas International

Die Gefahr der kleinen Milizen

Eine zentrale Gefahr für den Frieden geht auch von paramilitärischen Gruppen aus, darunter beispielsweise die kleinere ELN-Guerilla, die immer noch gegen den Staat kämpft, indem sie Anschläge auf die Infrastruktur verübt oder Polizisten und Politiker entführt. "Es wird keinen dauerhaften Frieden in Kolumbien geben, wenn der Staat nicht gegen die Paramilitärs und ihre Unterstützerkreise vorgeht", sagte der Leiter von Caritas International Oliver Müller. Die Regierung hat bereits Verhandlungen mit der ELN angekündigt, doch die Angst vor anderen Milizen bleibt. "Die Regierung wird den Friedensvertrag nur mit einem Akteur des Konflikts schließen", gibt die Journalistin Ginna Morelop von der Tageszeitung El Tiempo zu bedenken. "Es gibt weitere Akteure, die nicht die Waffen niedergelegt haben, die nicht am Verhandlungstisch sitzen", so Morelop weiter. Nach der offiziellen Demobilisierung der Gruppen Mitte der 2000er Jahre schlossen sich viele Kämpfer kriminellen Banden an, die in Drogenhandel und Schutzgelderpressung verwickelt sind.

 

575

Millionen Euro wirtschaftliche Unterstützung hat die EU Kolumbien in Aussicht gestellt. 

Eine Zukunftsperspektive für Kolumbien

Nichtsdestotrotz hat sich die Lage seit Juni beruhigt und die Gewalt ist auf den niedrigsten Stand seit den 60er Jahren gesunken. Damals hatten Regierung und FARC-Rebellen ein Waffenstillstandsabkommen unterschrieben, das den Weg für ein Friedensabkommen freimachen sollte. Mit Erfolg, die Einigung ist erreicht und internationales Lob ließ nicht lange auf sich warten. Der Friedensvertrag ist "ein Grund zum Feiern". "Es ist eine historische und einmalige Chance auf Frieden in Kolumbien", sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die internationale Gemeinschaft zur Unterstützung des südamerikanischen Landes auf: "Wir werden an der Seite Kolumbiens stehen bei seinem Weg zu einer Zukunft in Frieden."

Die Europäische Union stellte bereits vor den Friedensverhandlungen für die Zeit nach dem Konflikt wirtschaftliche Unterstützung in Höhe von 575 Millionen Euro zur Aussicht. Das Ende des internen Konflikts könnte Kolumbien nun Aufschwung bringen, das heißt: mehr Bildung, Tourismus, Arbeitsplätze und Wohlstand. Kolumbien gilt als eines der schönsten Länder der Welt und mit dem Einzug des Friedens könnte auch der Tourismus erheblich zunehmen. Das Friedensabkommen beendet also nicht nur den ältesten Konflikt Lateinamerikas, sondern gibt dem südamerikanischen Land eine echte Zukunftsperspektive - sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich.

Zuletzt geändert am 29. August 2016