|

Kolonialismus, Integration und Apartheid

Länder: Monde

Tags: Rugby, Apartheid, intégration, Vereinigtes Königreich

Am 18. September wird in England und Wales die 8. Rugby-Weltmeisterschaft eröffnet. Zu diesem Anlass unternimmt ARTE Info einen Reise durch die Welt des Rugbys und erklärt in fünf Kapiteln wie Sport, Kolonialgeschichte, Bildung und Geopolitik zusammenhängen. 

 

1. Ein internationaler Sport mit starkem britischen Einfluss

"Noch nie gab es so viele Rugby-Spieler in so vielen Ländern", freut sich der Rugby-Weltverband in seinem Jahresbericht von 2014. Trotz all der Vielfalt hat die internationale Rugby-Sprache einen hörbaren englischen Akzent. Von den weltweit 7,23 Millionen Spielern (Lizenzierte und Nicht-lizenzierte), spielen 4,42 Millionen in den 53 Mitgliedstaaten des Commonwealth, der Organisation, welche die ehemaligen Kolonien und Protektorate Großbritanniens umfasst. Dieser hohe Anteil kommt nicht von ungefähr: Wie der Fußball wurde auch die Sportart Rugby im 19. Jahrhundert auf den Rasenplätzen ihrer Majestät erfunden.

Aus sportlicher Sicht ist das Königreich alles andere als vereint. Wie im Fußball existiert auch im Rugby kein Nationalteam. England, Wales und Schottland treten in ihren eigenen Farben auf. Im Jahr 1871 lieferten sich England und Schottland das erste internationale Kräftemessen in der Geschichte des Rugbys. Seither hat der Weltverband den speziellen Status der drei britischen Länder nie in Frage gestellt.

Die Flagge der vereinten irischen Rugby-Auswahl.

Die nordirischen "Rugbymen" hingegen marschieren - anders als im Fußball - gemeinsam mit Irland auf. Eine einmalige Konstellation, in der die politischen Grenzen aufgehoben werden. 1995 hat die irische Rugbyfederation beim nordirischen Komponisten Phil Coulter eine Nationalhymne für das vereinte Rugby-Team bestellt. Ireland's Call wird heute bei den Heimspielen in Dublin und Belfast, wie auch bei den Auswärtsspielen zelebriert. 

Die Flagge der vereinten irischen Rugbymannschaft setzt sich aus den Wappen der vier historischen Provinzen der irischen Insel zusammen: Ulster im Norden, Connacht im Westen, Munster im Süden und Leister im Osten.

 

2. Große Popularität in Frankreichs Süden

Außerhalb des Vereinigten Königreichs hat sich Rugby insbesondere in Frankreich erfolgreich und nachhaltig etabliert. 

Mehr zum Thema:

Die französischen Departements und ihre unterschiedlich hohe Anzahl lizenzierter Rugbyspieler. Quelle: Slate

Pierre de Coubertin, einflussreicher französischer Pädagoge und Erneuerer der Olympischen Spiele der Moderne, galt als Bewunderer der britischen Sportschule und hat entscheidend zur Entwicklung und Verbreitung des Rugbys in Frankreich beigetragen. 1892 verkündete er, dass "der Jugendliche, der Rugbys spielt, besser auf den Wettkampf des Lebens vorbereitet ist."

Der erste französische Rugbyverein wurde 1872 unweit des Ärmelkanals, im Hafen von Le Havre, ins Leben gerufen. Trotzdem hat sich eher der Südwesten Frankreichs zwischen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts zur Hochburg des ovalen Balls entwickelt. Von Bordeaux breitete sich die Popularität der Sportart in den Südwesten und Süden des Landes aus. Der französische Geograph Jean-Pierre Augustin, Professor an der Universität von Bordeaux-Montaigne, nennt dafür drei GründeZuerst die Präsenz einer britischen Kolonie in Bordeaux, zweitens eine Gruppe von Pädagogen, welche mit großer Überzeugung den Sport an die Schulen brachte, was in keiner anderen Region der Fall war, und außerdem die Präsenz eines polysportiven, nach englischem Vorbild organisierten Vereins, dem "Stade bordelais".

Diese regionale Rugby-Hierarchie hat in Frankreich nie nachgelassen: Aktuell kommen 27 der 30 Profi-Clubs, die in den obersten beiden Ligen Frankreichs spielen, aus dieser Gegend. Die Ausnahmen bilden zwei Pariser Vereine ("Racing 92" und "Stade français") sowie La Rochelle.

 

3. Und wo steht eigentlich Deutschland?

Während die Begeisterung für die Fußball-Weltmeisterschaft vor einem Jahr keine Grenzen kannte, wird sich in Deutschland kaum jemand für die Rugby-WM 2015 interessieren. Der Grund ist schnell gefunden: Deutschland hat sich noch nie für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Das fußballverrückte Land zählt gerade einmal 11.000 lizenzierte Rugbyspieler. Da erstaunt es, dass der erste deutsche Rugbyverein bereits 1872 gegründet wurde (Heidelberger Ruderklub) und dass bei den Olympischen Spielen von 1900 Deutschland, vertreten durch den SC 1880 Frankfurt, gar die Silbermedaille gewann. Mit der Machtübernahme durch die Nazis in den 1930er-Jahren wurde die Entwicklung der Sportart jedoch jäh gestoppt, weil sich Adolf Hitler mit der von Großbritannien geprägten Sportart nicht anfreunden konnte. 

 

4. Neuseeland: Integration durch Rugby

"Silberner Farn", einer der vier Vorschläge, die bei der Abstimmung für die neue Flagge Neuseelands vorliegt.

Die "All Blacks" aus Neuseeland sind die unbestrittenen Ikonen des Rugbysports. Die Sportart ist im Land des Weltmeisters von 1987 und 2011 so populär, dass sich die Symbole des Nationalteams, das Farnkraut und die schwarze Farbe, unter den Finalisten der potentiellen zukünftigen Nationalflagge befindet. Über sie wird 2016 bei einem Referendum entschieden werden.  

Rugby, im Jahr 1870 in einem College auf der südlichen Insel eingeführt, hat in Neuseeland schnell Wurzeln geschlagen. Der französische Geograph Jean-Pierre Augustin erklärt, dass sich die schnelle und nachhaltige Verbreitung der Sportart in Neuseeland auf einer schulischen, sozialen und ethnischen Ebene abgespielt hat: Rugby wurde als Teil erzieherischer Maßnahmen an allen möglichen Schulen eingeführt, auch an den native schools nach 1870, an denen die Maoris stark vertreten waren. Der Rugby wurde für seinen ausgeprägten egalitären Geist verehrt und an den Schulen auch wegen seiner integratorischen Leistung gegenüber den Ureinwohnern eingesetzt.

So begünstigte Rugby in Neuseeland die Integration der Urbevölkerung und wuchs zu einem identitätsstiftenden Integrationsmotor heran, der auf der Welt seinesgleichen sucht. Heute haben ein Drittel der 31 Kaderspieler, die für die Weltmeisterschaft 2015 selektioniert wurden, maorische Wurzeln. Vor jedem Spiel wird die Tradition des "Haka" zelebriert, eines rituellen Tanzes der Maori, wie im folgenden Video im Eden Park von Auckland, vor dem Finalspiel 2011 gegen Frankreich.

 

5. Südafrika: Die "Springbocks", einst ein Symbol der Apartheid

Nelson Mandela und François Pienaar nach dem WM-Titel 1995 (Jean-Pierre Muller/AFP).

In Südafrika wurde die Sportart zum Ende des 19. Jahrhunderts von den britischen Kolonisten importiert und im Eiltempo von den Afrikaners (Südafrikaner mit niederländischen, französischen oder deutschen Wureln) eingeführt. Anders als in Neuseeland war Rugby traditionell eine Sportart der weißen Eliten. Fußball hingegen wurde mehrheitlich von den Schwarzen praktiziert und dominiert. Die Springboks, wie das Nationalteam genannt wird, war ein Symbol der Apartheid. Aus diesem Grund wurde Südafrika in den 1980er-Jahren von den internationalen Turnieren ausgeschlossen.

1995, neun Jahre nach Abschaffung der Rassentrennung, war das Land von Präsident Nelson Mandela Gastgeber der Rugby-Weltmeisterschaften. Nelson Mandela, der führende Kopf der Gleichberechtigungsbewegung, sah in diesem Anlass den Gründungsakt der Regenbogennation. "Dieser Sport hat die Macht, die Welt zu verändern, die Macht, zu inspirieren, die Macht, Individuen zu vereinen, wie es nur wenige andere Aktivitäten können," erklärte er. "Der Sport spricht eine Sprache, die jeder versteht. Dort, wo Verzweiflung herrschte, kann der Sport Hoffnung hervorbringen. Es ist ein Instrument im Dienste des Friedens, mit viel mehr Kraft als die Regierungen. Der Sport hebt die ethnischen Schranken auf. Er verhöhnt jede Art der Diskriminierung. Die Helden, die der Sport hervorbringt, stehen für diese Macht. Sie sind mutig, nicht nur in ihrer Sportart, sondern auch innerhalb ihrer Gemeinschaft, indem sie auf der ganzen Welt Hoffnung und Begeisterung verbreiten."

Die südafrikanische Mannschaft gewann die WM im eigenen Land und Nelson Mandela übergab die William Webb Ellis Trophäe dem Kapitän der Springbocks, François Pienaar. Dieser Meilenstein in der südafrikanischen Geschichte wurde 2009 von Regisseur Clint Eastwood im Film Invictus verewigt.

Dennoch bleibt Rugby in Südafrika ein Sport weißer Eliten. An der Weltmeisterschaft in England und Wales werden die Springboks mit einem einzigen schwarzen Spieler antreten.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016