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Kobane, eine rebellische Stadt

Länder: Syrien

Tags: Kobané, Peschmerga, IS, Kurden

Direkt an der türkischen Grenze liegt die Stadt Ain al-Arab - wie ihre Bewohner sie nennen. Sie ist nicht nur die drittgrößte, kurdische Stadt in Syrien, sie ist vor allem auch ein Symbol des Widerstandes gegen den "Islamischen Staat". Nach monatelanger Belagerung hatten die Menschen keine andere Wahl, als ins Exil zu flüchten. Das Resultat: unzählige Todesopfer und Sachschäden. Doch bei all ihrem Unglück ist es den Peshmergas mit einigen Verlusten gelungen, ihre Stadt zurückzugewinnen. Ein Rückblick auf die Auseinandersetzungen:

Kobané, ville martyre
Kobane - Chronologie einer rebellischen Stadt

Eines der "schlimmsten Massaker" des "Islamischen Staates" in Syrien, 200 Tote in knapp 48 Stunden. Mit diesen Worten fasst die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte die Offensive des IS vom Donnerstag, dem 25. Juni, auf Kobane zusammen. Ein Überraschungsangriff ohne Absicht auf eine Gebietseroberung, den die kurdischen Kämpfer der YPG (Volksverteidigungseinheit) abblocken konnten. Das Ziel des IS war ganz klar ein Massaker. Nach zwei Tagen intensiver Kämpfe zogen sich die Dschihadisten zurück und die Stadt war wieder sicher. Doch dieser Sieg hat eine verängstigte Bevölkerung hinterlassen, die seit zehn Monaten mit der Bedrohung durch die Dschihadisten leben muss.

Syrien: Tagebücher einer Revolution

In der Webdokumentation erzählen sechs syrische Aktivisten von ihrem Alltag im Bürgerkriegsland. 

Um zu verstehen, welche Symbolkraft Kobane hat, müssen wir uns an die Ereignisse vom 13. September 2014 erinnern. Entschlossen greift der Islamische Staat zum ersten Mal die umliegenden Dörfer an. Eine wohl durchdachte Strategie, die es ihnen erlaubt, die Stadt von beiden Seiten einzukreisen. Nur der Übergang zur türkischen Grenze im Norden bleibt noch offen, sodass die Zivilisten vor den Kämpfen fliehen können. Doch zunächst stecken tausende Flüchtlinge in der Nähe der syrisch-türkischen Grenze fest, blockiert durch die Entscheidung des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu. Nach einigen Tagen stimmen die Türken zu, den Grenzübergang zu öffnen. Im Bezirk Suruç finden schließlich 130.000 Frauen, Kinder, Alte und Behinderte Zuflucht.

 

 

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Die Dschihadisten rücken vor

Mehr zu dem Thema: 

In unserem Dossier "Terror und Vertreibung" durch den IS erfahren Sie alles Wichtige über die Terrormiliz.

Stück für Stück nähern sich die Kämpfer des IS den Toren Kobanes und nach kaum einer Woche sind sie nur noch wenige Kilometer von ihrem Ziel entfernt. Der Großteil der umliegenden Dörfer steht bereits unter dem Einfluss des IS, der den kurdischen Kräften an Waffen und Ausrüstung weit überlegen ist. Sie verfügen über dutzende vermutlich von der syrischen Armee beschlagnahmte Panzer, Maschinengewehre, Raketenwerfer und, der New York Times zufolge, etwa 9.000 um Kobane stationierte Kämpfer. Ihnen gegenüber stehen die Volksverteidigungseinheit YPG - der bewaffnete Arm der PYD (Partei der Demokratischen Union) - die Peschmerga, also die kurdischen Kämpfer, und die Kräfte der US-geführten, internationalen Koalition.

Am Samstag, den 27. September 2014, feuern die Männer des IS erstmals Raketen in Richtung Kobane ab. Trotz erster Luftangriffe der internationalen Koalition am Mittwoch, den 24. September, konnte der IS auf der Ostseite weiter vordringen. Noch sind keine Toten zu verzeichnen, allerdings beginnt damit das allmähliche Vordringen der Dschihadisten in die Stadt und damit der Beginn eines Martyriums. Vor allem aber ist es der Beginn monatelangen Umherirrens für die kurdische Bevölkerung, die auf Pferden zwischen Syrien und der Türkei Zuflucht suchen.

Anfang Oktober erlangt der IS Kontrolle über drei Bezirke im Osten. Hier weht fortan die schwarze Flagge des IS. Die Stadt wird belagert und die Angriffe der internationalen Koalition scheinen wirkungslos zu sein. Die Bodentruppen der kurdischen Kräfte sind überstrapaziert. Der Militärrat fordert die letzten Zivilisten auf, die bereits um 90 Prozent der Bevölkerung dezimierte Stadt zu verlassen.

Fünfzehn Tage nach dem Einfall des IS befinden sich 50 Prozent von Kobane unter dem Einfluss der Dschihadsten, darunter auch das "Sicherheitskarree", wo sich die Regierungsgebäude und die Führungszentrale der YPG befinden. In den kurdischen Reihen beginnt man die Folgen der Gefechte zu spüren und die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Unterstützung wäre daher sehr willkommen. Ein Hilferuf, den die Amerikaner hören. Erstmals überlassen sie den kurdischen Kräften Waffen - trotz der Vorbehalte von türkischer Seite. Indessen setzen die Männer des IS ihre Attacken fort und am Samstag, dem 29. November, finden parallel fünf Selbstmordanschläge statt. Der Grenzübergang von Mursitpinar zwischen Syrien und der Türkei, normalerweise ein ruhiger Ort, wird zum Ziel mehrerer Selbstmordanschläge. Bilanz: 50 getötete Dschihadisten und 11 Peschmerga.

 

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Die Kurden drängen den IS aus Kobane zurück 

Weltkulturerbe in Gefahr

In unserem Dossier finden Sie Artikel, Reportagen, eine interaktive Karte und Interviews zum Weltkulturerbe, die Motive der Dschihadisten, es zu zerstören, aber auch zum Handel mit der Raubkunst, nach dem Erdöl die zweitwichtigste Geldquelle der Dschihadisten. 

Ein Angriff, der den Wunsch nach Rache auf kurdischer Seite angeheizt hat, zumal der Monat Dezember unter dem Zeichen der Rückeroberung Kobanes steht. Auf beiden Seiten der Stadt gelingt es den YPG-Kämpfer, unterstützt durch die internationale Koalition, den IS zurückzudrängen. Am Donnerstag, den 5. Januar, sind 80 Prozent von Ain al-Arab (der arabische Name Kobanes) unter kurdischer Kontrolle, darunter auch das "Sicherheitskarree". Am Montag, den 26. Januar, ist die Stadt vollständig befreit. Die Dschihadisten werden gejagt und verstecken sich in den IS-kontrollierten Dörfern. Nach etwas mehr als einem Monat gelingt es den Kräften der YPG, 300 bis 350 umliegende Weiler zurückzuerobern.

Diese Rückeroberung fühlt sich für die kurdischen Kräfte wie ein echter Sieg an und gibt ihnen, trotz der ständigen Angst vor weiteren Angriffen, wie dem vom 25. Juni, etwas Optimismus zurück. Die Bilanz ist dennoch düster, es gibt etwa 1.600 Todesopfer und 70 Prozent der Infrastruktur der Stadt sind zerstört. Nun ist es vor allem an der Zeit, diese Stadt wiederaufzubauen, die zum Symbol des Kampfes gegen den Terrorismus geworden ist.

 

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Making of zu den Dreharbeiten
Massoud Hamid, kurdischer Reporter aus Syrien, ist für unsere Redaktion Ende Juni 2015 nach Kobane gereist, nur wenige Tage vor dem Eindringen des IS am 25. Juni. Bei dem mörderischen Überfall wurden 300 Zivilisten und kurdische Kämpfer der YPG (Volksverteidigungseinheit) getötet.

Massoud Hamid musste von Juli 2003 bis Juli 2006 eine dreijährige Haftstrafe in Syrien verbüßen, weil er Fotos einer pro-kurdischen Demonstration in Damaskus im Internet veröffentlicht hatte. 2005 wurde er von Reporter ohne Grenzen mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet, seit Januar 2007 lebt er in Frankreich. Seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 realisierte er mehrere Berichte in Syrien. Im Dezember 2014 und im Januar 2015, während der Besetzung der Stadt durch den IS, filmte er wiederholt in Kobane.
Im vergangenen Juni war er zum ersten Mal seit ihrer Befreiung am 26. Januar 2015 in der kurdischen Stadt. Er begleitete eine Familie, die sechs Monate im türkischen Exil verbringen musste und im April 2015 nach Kobane zurückkehrte.

Auf welchem Weg sind Sie nach Kobane gekommen?
Wie auch alle anderen Journalisten über die türkische Stadt Suruç, die nur wenige Kilometer von der Grenze und von Kobane entfernt liegt. In dieser Stadt haben Hunderte von Bewohnern Kobanes Zuflucht gefunden. Ein Netzwerk von Unterstützern der PYD, Partei der Demokratischen Union (kurdische Partei, die die kurdischen Gebiete Syriens kontrolliert), kümmert sich um die Begleitung der Journalisten nach Kobane. Hat man die Grenze hinter sich gelassen, ist Vorsicht geboten, es ist sehr gefährlich, es gibt noch viele von dem IS verlegte Minen.

 Was war Ihr erster Eindruck bei der Ankunft in Kobane?
Eine grundlegende Veränderung: Im Dezember und im Januar, als die Stadt vom IS kontrolliert wurde, fand ich eine Geisterstadt vor, völlig entvölkert. Eine Stadt, die ihre Seele verloren hatte. Im Juni fand ich eine Stadt mitten im Wiederaufbau vor, mit einer Verwaltung, einer gut organisierten Polizei. Alles gesteuert von den kurdisch-syrischen Streitkräften der PYD. Die Bewohner sind aus dem Exil zurückgekehrt, ich würde sagen 20.000 Menschen leben jetzt in Kobane und den umliegenden Dörfern.

Welchen Eindruck machten die Bewohner von Kobane auf Sie?
Nach der Befreiung der Stadt im Januar und dem Rückzug des IS, sind die Menschen voller Hoffnung aus dem Exil zurückgekehrt, sie haben sich nicht einen Moment lang vorstellen können, dass die Dschihadisten des IS wieder angreifen könnten, wie es am 25. Juni dann geschah. So waren die Menschen, die ich traf und die Familie, die ich gefilmt habe, zuversichtlich, aber ich muss sagen, die Situation hat sich seitdem verändert. Ich halte via SMS und Internet Kontakt und alle leben jetzt wieder in großer Angst, doch das verhindert nicht das Fortschreiten des Wiederaufbaus.
Die Bewohner von Kobane und die Kurden allgemein blicken besonders besorgt und wachsam auf die Haltung der Türkei. Viele in Kobane glauben, dass die Türkei ein doppeltes Spiel spielt, dass die Dschihadisten der Daesh deshalb erneut in die Stadt eindringen konnten, weil die Türkei sie über ihre Grenzen gelassen hat. Einen erstarkenden kurdischen Staat im Irak und in Syrien sieht die Türkei nicht gern. Ich muss also sagen, dass dieser erneute Angriff in Kobane Gefühle der Feindseligkeit und des Misstrauens gegenüber der Terrormiliz IS, aber auch gegenüber der Türkei hervorgerufen hat.

Wie sind die Lebensbedingungen der Bewohner von Kobane heute?
Sie müssen sich eine Stadt vorstellen, die zum Teil in Trümmern liegt, eine einzige Baustelle (Baumaschinen und Lastwagen voller Baumaterial kommen täglich aus der Türkei an, finanziert von der kurdischen Diaspora), dazu der allgegenwärtige Klang von Generatoren, der einzigen Möglichkeit, Strom zu bekommen. Der Wasserturm wurde nicht zerstört, aber auch er wird mit Generatoren betrieben und Wasser gibt es nur für ein paar Stunden am Tag. Durch die Rückeroberung der östlich von Kobane gelegenen Stadt Tall Abyad durch die kurdischen Kräfte am 16. Juni hat sich die Lage geändert. Bis dahin lag der Ölpreis bei mehr als zwei Euro pro Liter, heute ist er bis auf acht Cent pro Liter gefallen, das kommt der Mobilität der Menschen und dem Betreiben der Generatoren zugute. Ansonsten ist die Moral der Einwohner der entscheidende Faktor: auch wenn sie in ständiger Angst vor einem weiteren Angriff leben, bleiben sie kämpferisch und sind bereit ihre Stadt wieder aufzubauen.

 Und wie sind die Arbeitsbedingungen der Journalisten?
Als Anlaufstelle für die Journalisten dient eine Wohnung, sie wird von der "Freien Medienunion" geleitet (diese wurde von der PYD, der machthabenden kurdischen Partei Kobanes, eingerichtet). Ein Generator liefert Strom von acht Uhr bis Mitternacht. Kurdische Kämpfer der YPG (dem bewaffneten Flügel der PYD) sorgen für die Sicherheit der Journalisten, sie kümmern sich darum, die Journalisten an die Front zu bringen oder auch nicht. Als man noch glaubte, Kobane sei außer Gefahr, also bis vor dem Angriff vom 25. Juni, gab es keine Sicherheitskräfte vor dem Haus der Journalisten. Allerdings informierte man uns über Minen, die von dem IS in bestimmten Stadtteilen und in der Umgebung Kobanes verteilt wurden.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016