|

Kirkuk und das jähe Ende eines Traums

Länder: Irak

Tags: Referendum, Erdöl, Unabhängigkeit

Die irakischen Regierungstruppen haben bei der Rückeroberung der Stadt Kirkuk von einer Allianz mit den Nachbarn sowie einem kurdischen Zwist profitiert. Die kurdische Bevölkerung, die noch vor wenigen Wochen die vermeintliche Unabhängigkeit feierte, ist konsterniert. Fünf Fragen und Antworten zur veränderten Situation im Nordirak.

Das Referendum und die unmittelbaren Konsequenzen

Beim Referendum am 25. September stimmte eine erdrückende Mehrheit von 92.73 Prozent für die Unabhängigkeit. Über 72 Prozent der stimmberechtigten Bürger der Autonomen Region Kurdistans beteiligten sich an der Abstimmung. Kurdenpräsident Massud Barsani verzichtete aber auf die Erklärung der Unabhängigkeit und sprach sich für Verhandlungen mit Bagdad aus. Der irakische Ministerpräsident Al-Abadi lehnte einen Dialog auf der Basis des Referendums jedoch ab und machte stattdessen eine Absage an das Referendum zur Bedingung für Gespräche. 

Irakische Sicherheitskräfte hatten als Antwort auf das kurdische Unabhängigkeitsreferendum am 16. und 17. Oktober die Stadt Kirkuk und umliegende Ölanlagen von kurdischen Peschmerga-Kämpfern eingenommen. Die militärische Intervention war kurz und effizient. Nach ersten Gefechten zogen sich die kurdischen Einheiten, die Peschmerga, mehrheitlich kampflos zurück. Die Regionalregierung hat den Peschmerga befohlen, aus dem Gebiet abzuziehen. So sind die meisten Flüchtlinge aus der umstrittenen Stadt Kirkuk im Nordirak nach UN-Angaben wieder zurückgekehrt. Während des Vormarschs irakischer Truppen auf die Stadt hatten in den vergangenen beiden Tagen mehr als 60.000 Menschen Kirkuk verlassen, wie das UN-Koordinierungsbüro OCHA über Twitter mitteilte. 

 

Was bedeutet der Verlust von Kirkuk?

Die Millionenstadt Kirkuk ist das Zentrum der irakischen Erdölindustrie. Nördlich der Stadt befinden sich große Öl- und Gasvorkommen. Der Reichtum der Provinz erklärt, warum Kirkuk zwischen Bagdad und der kurdischen Autonomieregion umstritten ist. 

Kirkuk ist ethnisch durchmischt: Neben Arabern und Turkmenen leben in Kirkuk auch christliche Glaubensgruppen. Heute besteht die Bevölkerung mehrheitlich aus Kurden, obwohl die irakische Regierung unter Saddam Hussein die kurdische Bewohner aus der Stadt deportieren ließ. Die Stadt liegt außerhalb der anerkannten autonomen Kurdenregion (siehe Karte). Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer hatten das Gebiet eingenommen, nachdem irakische Regierungstruppen vor der Terrormiliz "IS" geflohen waren. 

 

Kurdistan Karte 910
© ARTE Info

 

Sind sich die irakischen Kurden einig?

Nein. Kurdenpräsident Massud Barsani von der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) hatte den Volksentscheid durchgezogen, obwohl seine Rivalen von der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) sein Vorgehen angesichts des erbitterten Widerstands der Zentralregierung in Bagdad für falsch hielten. Heute fühlt sich die PUK in ihrer Haltung bestätigt. Der Kurdenpräsident habe alle Aufrufe zur Verschiebung der Abstimmung ignoriert und die Vermittlungsangebote der UNO ebenso abgelehnt wie den Kompromissvorschlag von Staatspräsident Fuad Massum, beklagt die PUK-Abgeordnete Ala Talabani.

Die PUK fühlt sich schon lange von Barsani übergangen und beschuldigt ihn, sich an den Einnahmen aus den Ölfeldern zu bereichern, die im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz "IS" erobert worden waren. Der PUK-Vertreter beklagte zudem, das von Barsani kontrollierte Peschmerga-Ministerium habe sich nicht um die PUK-Truppen südlich von Kirkuk gekümmert und ihnen nicht die nötigen Waffen gegeben, um sich der Armee widersetzen zu können. 

Der Zwist innerhalb der kurdischen Parteien hat womöglich sogar die rasche und effiziente Intervention in Kirkuk beschleunigt.

 

Werden die irakischen Regierungstruppen weiter vorrücken?

Nach eigenen Angaben haben die irakischen Regierungstruppen bei ihrer zweitägigen Offensive ihre Ziele erreicht. "Die Sicherheit in Gebieten von Kirkuk wurde wieder hergestellt", teilte das gemeinsame Einsatzkommando der irakischen Zentralregierung am 18. Oktober mit. So würden mehrere Ölfelder bei Kirkuk wieder kontrolliert.

In verschiedenen Teilen der Provinz Dijala sowie in Gebieten der Niniveh-Ebene konnten die Regierungstruppen wieder Truppen stationieren. In den gleichen Regionen hatte Bagdad vor drei Jahren teilweise die Kontrolle verloren.

 

Welche Rolle spielen die Nachbarstaaten Iran und Türkei?

Der Iran hatte im Kampf gegen den "IS" seine kurdische Nachbarn noch unterstützt. Der aktuelle Konflikt im Nordirak hat die schiitische iranische Regierung jedoch zum Umdenken bewegt. Sie fürchtet eine Eskalation im Nordirak und arbeitet deshalb eng mit der ebenso schiitisch geführten Regierung im Irak zusammen. 

Die Türkei, der Iran und der Irak sind den Unabhängigkeitsbestrebungen der irakischen Kurden geschlossen gegenübergetreten. Die irakischen Sicherheitskräfte konnten während der militärischen Intervention an der Grenze zum kurdischen Autonomiegebiet auf die Unterstützung der türkischen und iranischen Einheiten zurückgreifen.

Das amerikanische Institut Study of War analysiert, dass die kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region ein neues Kräfteverhältnis hervorgebracht haben. So sei insbesondere der Einfluss des Irans gestärkt worden. Das Institut geht davon aus, dass das Dreigespann als zusätzliches Druckmittel Wirtschaftsembargos gegenüber der Autonomen Region Kurdistans verhängen wird.

 

Wohin führt der Weg der kurdischen Minderheiten?

Die Situation der kurdischen Minderheiten im Irak und in der Türkei ist von großem Misstrauen seitens der Zentralregierungen geprägt. Gleichzeitig zeigt das Unabhängigkeitsreferendum im Nordirak, dass eine Mehrheit der Kurden innerhalb der bestehenden staatlichen Ordnung keine Zukunft sieht.

Ein eigener Staat, der das komplette Gebiet kurdischer Bevölkerungsgruppen abdeckt und den Namen "Groß-Kurdistan" trägt, ist weiterhin eine Vision vieler Kurden. Doch abgesehen davon, dass es einen solchen Staat noch nie gegeben hat, ist die kurdische Bevölkerung nicht nur politisch, sondern auch kulturell heterogen. So gibt es drei kurdische Sprachen sowie unterschiedliche Religionszugehörigkeiten.

So muss die Kurdenfrage womöglich in den jeweiligen Staaten gelöst werden. Im Nordirak ist der Traum zunächst jäh geplatzt, denn der Reichtum der Region Kirkuk war eine wesentliche Rechtfertigung für den kurdischen Traum von einem eigenen Staat.

 

 

Zuletzt geändert am 18. Oktober 2017