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Kindersoldaten: "Wir sind gescheitert"

Länder: Welt

Tags: Kindersoldaten, Human Rights Watch

Fred Abrahams arbeitet für Human Rights Watch in Berlin. Eines seiner Aufgabengebiete ist die Situation der Kinder im Mittleren Orient. Ihm zufolge hat die Komplexität und die zunehmende Anzahl an Konflikten die Situation der Kindersoldaten verschlimmert.

Fred Abrahams ARTE Journal: Haben Sie konkrete Zahlen, wie viele Kindersoldaten es derzeit in der Welt gibt?

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Fred Abrahams: Niemand kann genau sagen, wie viele es zur Zeit sind. Was wir wissen ist, dass es eine Korrelation zwischen der Anzahl der kriegerischen Konflikte weltweit und der Zahl der Kindersoldaten gibt. Und die Konflikte werden mehr. Besonders im Mittleren Osten: die Situation im Irak, in Syrien und Libyen trägt dazu bei, dass es dort immer mehr Kindersoldaten gibt. Ich gehe davon aus, dass man derzeit in dieser Region die meisten von ihnen überhaupt weltweit hat. Besonders in Syrien, und zwar auf allen Seiten der Opposition gegen die Regierung. Sowohl der IS, als auch die Al-Nusra-Front und, in etwas kleinerem Ausmaß, die Freie Syrische Armee haben Kindersoldaten in ihren Reihen.

 

Welche Entwicklungen stellen Sie in den letzten Jahren fest?

Die Entwicklung ist besorgniserregend. Kriegshandlungen und Gewalt haben gerade auf Kinder eine katastrophale Wirkung.

Fred Abrahams - 25/03/2015

Fred Abrahams: Die Entwicklung ist besorgniserregend. Kriegshandlungen und Gewalt haben gerade auf Kinder eine katastrophale Wirkung. Nun gibt es immer mehr kriegerische Konflikte und immer mehr bewaffnete Gruppen, die daran teilnehmen. Das macht die Situation auch zunehmend komplexer und es schwer, die einzelnen Gruppen davon zu überzeugen, auf Kinder in ihren Reihen zu verzichten. Der Fall des IS ist besonders schwerwiegend: Hier haben wir keinerlei Möglichkeit, in einen Dialog einzutreten und belastbare wissenschaftliche Daten zu sammeln. Und wir kommen gegen die Methoden des IS auch nicht an.

 

Sind die juristischen Möglichkeiten ausreichend, um gegen das Phänomen erfolgreich vorzugehen?

Fred Abrahams: Es gibt einige Mechanismen, um das Phänomen einzudämmen und die Rekrutierung von Kindersoldaten schwieriger zu gestalten. Die UNO veröffentlicht detaillierte Berichte. Einige Länder oder Gruppen sind so klar identifiziert worden. Auch einige NGO’s leisten in diesem Bereich eine geradezu heldenhafte Arbeit. Aber wenn man die letzten fünf Jahre etwas genauer unter die Lupe nimmt, bleibt nur die Erkenntnis, dass wir versagt haben. Die Zahl der Kindersoldaten weltweit wächst ständig. Und generell auch die Zahl der Kinder, die zivile Opfer infolge von Kriegshandlungen werden.

 

Selbst, wenn es uns gelingt, ein Kind aus dem Krieg in geordnete Verhältnisse zurück zu bekommen, so ist das Unheil ja bereits geschehen.

Fred Abrahams - 25/03/2015

Gibt es Programme, die die psychologische Betreuung und soziale Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten zum Ziel haben? Halten Sie die für ausreichend, und wie funktionieren sie ?

Fred Abrahams: Da gibt es mehrere, und viele davon sind wirklich sehr gut. Aber man muss wissen, dass diese Arbeit sehr schwierig ist. Es geht ja nicht um rein humanitäre Hilfe, wie das Verteilen von Nahrungsmitteln, Zelten oder Medikamenten. Das ist ein sehr langfristig angelegter Prozess. Und in vielen Ländern, wie in Syrien, sind wir ja im Moment noch meilenweit von einer  Friedenslösung entfernt. Wir brauchen eine Armee, bestimmt später, eine Armee von Psychologen. Und selbst, wenn es uns gelingt, ein Kind aus dem Krieg in geordnete Verhältnisse zurück zu bekommen, so ist das Unheil ja bereits geschehen. Die Schäden sind da, das kann man nicht zurück drehen.

 

Unsere Reportage:
Was fühlen Kinder wenn sie töten müssen? Mit dieser Frage setzt sich der Neuro-Psychologe Thomas Elbert von der Uni Konstanz auseinander. Er und sein Team haben mit ehemaligen Kindersoldaten aus Afrika, Asien und Südamerika gesprochen. Oft ist der Griff zur Waffe ein Elternersatz. Catherine-Marie Degrace hat Thomas Elbert in Konstanz besucht. 

 

La violence pour enfance

 

 
Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016