Der Fotoworkshop der Kinder von Kawergosk

Länder: Irak

Tags: Kurdistan, Fotografie, Reza, Flüchtlinge

Der Fotoreporter Reza war als eine Art Sonderkorrespondent für ARTE Reportage im Lager Kawergosk unterwegs. Im Gepäck hatte er einige Bücher und 15 Fotoapparate, die er an 12 bis 15-jährige Kinder verteilte, damit sie ihren Alltag im Lager erzählen. Ein Mädchen ist Reza besonders aufgefallen und von ihr berichtet er uns in den kommenden Zeilen. Weiter unten können Sie sich dann die Fotografien der Flüchtlingskinder ansehen, unter anderem Maya, Najat und Amar.

Reza und Maya - Eine Begegnung in Kawergorsk

 

"Da steht sie, vor dem Zelt. Mit ihrer stillen Präsenz und Geduld drängt sie sich förmlich auf. Sie hat von der Neuigkeit gehört. Am zweiten Tag des Fotokurses fällt sie mir auf. Sie ist als Erste dagewesen. Sie beobachtet, hört zu, ein wenig abseits von der Zehnergruppe der Kinder. Zwei Tage lang verfolgt uns Maya Rostam, 12 Jahre alt, auf Schritt und Tritt. Verlässt uns als letzte bei "Feierabend" am Ende des Tages, wenn die kalte Nacht sich über das Lager legt, wenn alle anderen in ihre Zelte schlüpfen, in ihr provisorisches "Zuhause", wo sie sich gegen die Kälte aneinanderkauern.

Am Ende des zweiten Tages spreche ich sie an. Stelle ihr Fragen zu ihrer Teilnahme, ihrer Ausdauer. Sie erzählt vom Lärm des Krieges, vom langen Weg ins Exil, von der Sonne, die die Flüchtlinge ausdörrt, von der Erschöpfung durch die Flucht. Und sie erzählt vom Lager, von den Reihen aus Zelten und von der Verzweiflung, wenn die anderen noch an ein neues Leben glauben.

Die Tage vergehen, die Monate auch. Ein unendliches Gefühl von Langeweile breitet sich in ihr aus, Tag für Tag. Ein Gefühl zu ersticken in etwas, das nicht viel mehr als ein Überleben ist. Ich frage sie, warum sie beim Fotoworkshop mitmacht und unweigerlich muss ich ich bei Ihrer Antwort an die Gründe denken, die mich selbst, als Kind in Tabriz, zur Fotografie gebracht hatten: Maya Rostam sagte es so: "Ich möchte fotografieren lernen, denn ich glaube, dass so jeder sehen kann, was ich fühle und was wir durchleben."

Ich kaufe noch einige Fotoapparate mehr dazu und erweitere den Kurs, denn so wie Maya, sind noch andere Kinder mit Feuereifer dabei. Dann kommt der Abend, wo sie zum ersten Mal mit ihrer Kamera loszieht. Ihr Auftrag? Die Nacht zu fotografieren. Dann sage ich ihr noch, dass, wenn ihre Photos gut sind, ich sie in den Kurs aufnehme…

Wie einen Schatz hält sie den kleinen Apparat fest und verschwindet in die Nacht, irgendwo zwischen die Alleen von Zelten – ohne dass wir auch nur ihre Stammdaten aufnehmen können.

Am nächsten Morgen fehlt Maya. Ich mache mir Sorgen, erkundige mich. Niemand weiß, in welchem Zelt sie lebt. Aber ich bleibe zuversichtlich. Der Kurs hat angefangen, da erscheint Maya. Scheu kommt sie dazu, sie geniert sich, geniert sich fürchterlich. Warum sie so spät komme, frage ich sie. Sie bleibt stumm und senkt den Kopf. Alle anderen Schüler zerren schon an mir – aber ich wiederhole die Frage: "Warum kommst du so spät?"

Wortlos reicht sie mir ihren Apparat und zeigt mir dieses Foto. Fast unhörbar fügt sie hinzu: "Meine Schuhe waren gefroren. Ich musste warten, bevor ich sie anziehen konnte."

Noch nie hat mich die Symbolkraft eines Photos so betroffen gemacht. Heute ist die 12-jährige Maya Rostam, ein syrisches Flüchtlingskind im Lager von Kawergosk im Irak, eine meiner besten Schülerinnen."

Reza - Dezember 2013

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016