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"Kernkraft ist mit Sicherheit keine Zukunftstechnologie"

Länder: Frankreich, Deutschland

Tags: Atomenergie, Greenpeace

Susanne Neubronner ist Kampaignerin Klima & Energie bei Greenpeace Deutschland. Im Interview mit ARTE Journal erklärt sie, warum die französischen Atomkraftwerke weder als günstig, noch als sicher angesehen werden können.

Ist diese "kleine Energiewende" in Frankreich ein Schritt in die richtige Richtung oder nur Kosmetik?

Es gibt noch keinen Schritt, bei dem wir konkret sagen können: 'Aha, da folgen den Worten auch Taten'.

 

Susanne Neubronner: Also generell ist es so, dass Frankreich natürlich seit Jahrzehnten ein Atomenergieland ist, das die Atomkraft wirklich sehr hoch gehalten hat. Dafür ist es erstmal ein großer Schritt, überhaupt mal das Thema anzupacken und zu sagen: 'Da müssen wir reduzieren'. Das ist ein erster guter Schritt.

Die Frage ist aber natürlich: Wie wird das konkret umgesetzt? Wir haben in dem neuen Gesetz bisher noch keine konkreten Schritte gesehen, wie das bewerkstelligt werden soll. Wenn gleichzeitig nämlich zum einen die Energieeffizienz gestärkt werden soll, wenn trotzdem der Atomstromanteil sinken soll, dann müsste dies natürlich zur Folge haben, dass es einige Reaktoren treffen würde, die in den kommenden Jahren vom Netz gehen würden. Und da haben wir bislang noch keine konkreten Zahlen gesehen, und noch von keinen konkreten Atommeilern gehört. Und das ist natürlich ein Schritt, bei dem wir noch nicht konkret sagen können: 'Aha, da folgen den Worten auch Taten'."

 

Vertreter der Atombranche bezeichnen französische Kernkraftwerke weiterhin als vergleichsweise sicher. Atomstrom sei billig und zudem nahezu klimaneutral. Zudem wird am Beispiel Deutschland angeführt, durch den Ausstieg würde Atomstrom durch Kohlestrom ersetzt. Wie sehen sie diese Argumentationslinie?

 Dass man französische Atomkraftwerke als günstig oder als sicher ansehen könnte, ist im Prinzip schon eine Farce. 

 

Susanne Neubronner: "Also zum einen, dass man französische Atomkraftwerke als günstig oder als sicher ansehen könnte, ist im Prinzip schon eine Farce. Wenn man sich beispielsweise die Störfallrate von Atomkraftwerken wie das in Catenom nahe der deutsch-französischen Grenze anschaut, dann zeigt dies, dass es dort eine Vielzahl von Problemen gibt. Probleme, die auch mit dem Alter der Anlage zusammenhängen. Wir haben einen sehr alten Atomkraftwerkspark in Frankreich, und das wird in den nächsten Jahren nicht besser werden. Das heißt, es werden immer mehr Probleme an den Reaktoren auftauchen, vor allem technische Probleme. Zudem überaltert das Personal. Es wird in den kommenden Jahren viel qualifiziertes Personal in den Ruhestand gehen, und der Nachwuchs kommt nicht nach.

In Deutschland gibt es eigentlich keine Notwendigkeit, soviel Energie zu produzieren.

 

Natürlich ist die Argumentation zu der Situation in Deutschland korrekt. Wir haben hier in der Tat einen CO2-Anstieg, was allerdings nicht unbedingt am Atomausstieg liegt. Es handelt sich hierbei nicht um ein technisches Ersetzen. Letztendlich wird hier ein Überschuss produziert. Das ist eine politische Entscheidung, die den Export ankurbelt, und es gibt eigentlich keine Notwendigkeit, soviel Energie zu produzieren. Es ist daher an unserer Bundesregierung, hier etwas zu ändern, und zu zeigen: 'Die Energiewende funktioniert auch in Deutschland.' Es ist energiepolitisch nicht zwingend, dass man klimaschädliche Kohle ans Netz nimmt anstelle der Atomkraft. Die Atomkraft dient dem Klimaschutz nicht, wenn es den Ausbau erneuerbarer Energien blockiert."

 

Aus den Reihen der Nuklearunternehmen vernimmt man immer wieder das Argument, dass der Bau und die Unterhaltung von Atomkraftwerken zehntausende neue Arbeitsplätze schaffen würden. Stimmt das?

Dass tatsächlich so viele Atomkraftwerke nun ans Netz gehen würden, die irgendwie einen Arbeitsplatzboom erzeugen, das hält wirklich niemand für möglich.

 

Susanne Neubronner: "Man stellt sich das immer so vor, dass die Atomkraftwerke wie Pilze aus dem Boden schießen könnten und dass das irgendwann mal wieder ein zukunftsfähiger Zweig werden könnte. Man sieht aber aktuell an den Projekten wie beispielsweise in Flamanville (Neubau eines EPR-Reaktors im Nordwesten Frankreichs, Anm. d. Red.), dass es in Wirklichkeit enorm kostenintensiv ist, bis da auch tatsächlich Arbeitsplätze geschaffen werden. Das ist noch ein sehr sehr weiter Weg. Und dass tatsächlich so viele Atomkraftwerke nun ans Netz gehen würden, die irgendwie einen Arbeitsplatzboom erzeugen, das hält wirklich niemand für möglich.

Aktuell gibt es für Frankreich gerade die Information, dass die gesamte Branche enorme Nachwuchssorgen hat, dass für die momentan schon laufenden Kraftwerke gar keine qualifizierten Kräfte mehr zu finden sind. Wo sollen denn überhaupt diese ganzen Leute gefunden werden, die in neuen Atomkraftwerken arbeiten sollen?

 

Die Nuklearindustrie ist nach wie vor stark im Geschäft – die Geschäftsregionen haben sich nur verlagert (Südostasien etc.) Wohin geht die Entwicklung?

Man kann weltweit nicht von einem Ansteigen des Marktes oder einem Wachstum sprechen.

 

Susanne Neubronner: "Also aktuell ist es im Moment spannend, bei dem Thema Verlagerung das Beispiel Hinkley Point in England anzuschauen (geplanter Bau von zwei EPR-Reaktoren, Anm. d. Red.). Hier haben wir gerade die Debatte gehabt, wie unglaublich teuer Atomkraftwerke sind. Und dort spielt ja gerade der (französische, Anm. d. Red.) Betreiber EDF mit. Hier wurde ganz klar gesagt: ohne eine staatliche Mitfinanzierung ist es überhaupt nicht möglich, so ein Atomkraftwerk lukrativ zu betreiben. Da ist es natürlich auch Kosmetik, wenn man sagt: 'Frankreichs Atombranche expandiert, und in anderen Ländern ist der Bau von Atomkraftwerken günstig und sicher.' Am Beispiel von Hinkley Point lässt sich aber feststellen, dass es so nicht geht. Natürlich gibt es auch Boom-Regionen, wo die Atomkraft kräftig ausgebaut wird, beispielsweise in China. Dennoch ist es nicht so, dass man weltweit von einem Ansteigen des Marktes oder einem Wachstum sprechen kann."

 

Auf europäischer Ebene kocht jeder Nationalstaat weiterhin sein "eigenes Süppchen". Was müsste passieren, um nachhaltig Energiesicherheit in der EU zu gewährleisten und gleichzeitig klimaschädigende Emissionen zu reduzieren?

Wenn jeder seinen Bereich in Eigenregie verwaltet oder seinen Strommarkt allein versucht zu regeln, ist das auf Dauer nicht machbar. 

 

Susanne Neubronner: "Natürlich ist der Ruf danach verständlich, dass die EU nicht mit zu vielen Regularien kommen soll. Trotzdem ist die europäische Ebene gefragt, den Energiemarkt so abzusichern und gemeinsame und national verbindliche Ziele für den Ausbau erneuerbarer Energien zu schaffen. Weil ansonsten, wenn jeder seinen Bereich in Eigenregie verwaltet oder seinen Strommarkt allein versucht zu regeln, ist das auf Dauer nicht machbar. Das spielt gerade in der aktuellen Debatte um die 2030-Ziele für erneuerbare Energien, Energieeffizienz und CO2-Reduktionen ein große Rolle. Da sind noch viele Länder, die blockieren, weil sie für sich ein nationales Ziel ablehnen. Diese Länder würden gerne ihren eigenen Energiemix bestimmen wollen. Aber letztendlich funktioniert das jetzt nicht mehr in einer zusammenwachsenden Welt. Nur wenn alle EU-Länder wirklich an einem Strang ziehen und sich selbst verbindliche Ziele auferlegen, kann das funktionieren. Sonst wird dies irgendwann zu Problemen in den Energienetzen führen. Gewisse Ansätze dafür sieht man jetzt schon."

 

Unsere Frage zum Schluss: Ist die Atomenergie ihrer Meinung nach eine Zukunftstechnologie?

 Das Festhalten an der Atomenergie, die im Prinzip unflexibel, teuer und gefährlich ist, ist absolut rückwärts gewandt. 

 

Susanne Neubronner: "Wenn man sich die letzten Jahre der Entwicklung der Atomenergie betrachtet, wenn man bedenkt, was an fatalen Unfällen auf der Welt passiert sind, und in Hinsicht auf die Alterung der Nuklearanlagen, von denen viele nur künstlich am Leben erhalten werden, dann ist die Kernkraft mit Sicherheit keine Zukunftstechnologie.

Wir haben die erneuerbaren Energien, die letztendlich ohne fossile Energieträger auskommen können. Hier müsste viel mehr in Speichertechnologien und in den weiteren Ausbau investiert werden. Das Festhalten an der Atomenergie, die im Prinzip unflexibel, teuer und gefährlich ist, ist absolut rückwärts gewandt. Und man hofft natürlich auch, dass sich die meisten Staaten besinnen, dass in der Atomenergie nicht die Zukunft liegt und sie keine klimaschützende Technologie darstellt, sondern dass diese eine tickende Zeitbombe und dass sie nicht zukunftsfähig für den Planeten ist."

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016