Katia Jarjoura: "Ich wollte ihnen vor allem erst einmal bei der Entwicklung eines eigenen Stils helfen"

Länder: Irak

Tags: Kino

Katia Jarjoura ist eine kanadisch-libanesische Dokumentarfilmerin, die die Verhältnisse im Irak sehr gut kennt. Im September 2015 fuhr sie im Auftrag von ARTE Reportage nach Bagdad, um dort einen Kurzfilm-Workshop mit jungen irakischen Filmemachern zu organisieren.  

Die Vorbereitung

Die Idee entstand auf einer meiner zahlreichen Bagdad-Reisen, als ich die allmähliche Öffnung des Irak beobachten konnte – das war noch vor dem Erstarken des Islamischen Staats. Bei der jüngeren Generation spürte man das Bedürfnis, den Film als Ausdrucksmittel zu nutzen. Ich wollte sie dabei unterstützen und habe deshalb den Filmworkshop organisiert. Im April bin ich nach Bagdad gereist, um vierzig junge irakische Regisseuren, Kameraleuten und Cuttet zu treffen. Sie waren zwischen 20 und 30 Jahren alt. Unter ihnen waren nur wenige Frauen. Die meisten studierten Film an der Kunsthochschule Bagdad. Manche hatten schon erste Erfahrungen mit Kurzfilmen gesammelt. Doch keiner von ihnen stand bereits im Berufsleben oder hatte seine Filme außerhalb der Landesgrenzen zeigen können. Ich habe ihnen das Projekt vorgestellt und ihnen gesagt, sie hätten zwei Monate Zeit, um ihr Konzept für einen maximal 8-minütigen Film auf einer Seite zusammenzufassen.

Und dann habe ich darauf bestanden, dass sie ihre Persönlichkeit einsetzen, damit kein Film dem anderen gleicht. Das war schwierig, da sie aufgrund der Umgebung und dem ständigen Krieg, in dem sie groß geworden sind, keine nennenswerte Filmkultur haben.

Katia Jarjoura

Ich habe etwa 30 dieser „Drehbücher“ erhalten. Die waren zugegebenermaßen eher schwach. Ich habe mit Fadwa Suleiman jene 15 Geschichten ausgewählt, die uns als die stärksten und auch vor Ort „machbarsten“ erschienen. Gestützt auf meine Erfahrung als Regisseurin und auf meine Kenntnis der irakischen Wirklichkeit, haben wir jedes Drehbuch überarbeitet. Ende Juni war der Auswahlprozess abgeschlossen. Ich hatte die Teilnehmer gebeten, über das Thema Krieg zu schreiben. Krieg im weitesten Sinne des Wortes, nicht unbedingt seine unmittelbaren Auswirkungen. Im Übrigen sind nicht alle der entstandenen Geschichten düster. Viele befassen sich mit dem Thema Frieden.

In Bagdad haben wir uns fünf Tage lang mit der Theorie beschäftigt, um gemeinsam die Grundregeln der filmischen Erzählweise durchzugehen. Manche mussten ihre Ansprüche etwas zurückschrauben, da wir weder die Zeit noch die Mittel hatten, ihre Projekte in der geplanten Form umzusetzen. Wir haben die Drehbücher überarbeitet und viele Dialoge herausgekürzt. Stattdessen haben wir Möglichkeiten gefunden, die Dinge nur anzudeuten, ohne sie auszusprechen.

Und dann habe ich darauf bestanden, dass sie ihre Persönlichkeit einsetzen, damit kein Film dem anderen gleicht. Das war schwierig, da sie aufgrund der Umgebung und dem ständigen Krieg, in dem sie groß geworden sind, keine nennenswerte Filmkultur haben. Es gibt in Bagdad nur ein Kino, das meist amerikanische Blockbuster zeigt. Zudem lesen sie nur selten und haben manchmal Schwierigkeiten, sich eine eigene Welt mit eigenen Vorstellungen aufzubauen. Meine Aufgabe bestand zunächst darin, ihnen bei der Entwicklung eines eigenen Stils zu helfen.

So habe ich die einzige Regisseurin der Gruppe dazu angespornt, ihrem Film „Die Braut von Bagdad“ einen kitschigen Touch zu verleihen, der an die ägyptischen Werke der 1960er Jahre erinnert. Wir haben beispielsweise viel gezoomt, was heute nicht mehr üblich ist. Aber in Ägypten war das Stilmittel damals sehr beliebt. Der Regisseur des Films „Die Rückkehr“ hat iranisch-irakische Wurzeln. Ich habe ihm deshalb geraten, sich an die iranische Machart anzulehnen. Sein Film ist daher sehr realistisch, sehr langsam und setzt wiederholt auf Kinderspiele, wie es im iranischen Kino üblich ist. Ich musste meine Schützlinge intensiv betreuen.

 

Der Dreh

Manchmal herrschte ein angespanntes Klima, wie bei einem richtigen Film. Ich war plötzlich Produktionsleiterin, Regisseurin, Maskenbildnerin und Szenenbildnerin.

Katia Jarjoura

Dann sind die neun Teams in Bagdad ausgeschwärmt, um die Dreharbeiten zu beginnen. Fünf Tage lang habe ich vier Gruppen von Anfang bis Ende begleitet. Bei zwei weiteren Filmen habe ich die Aufteilung der einzelnen Einstellungen vorgenommen. Bei den anderen Drehs konnte ich nicht anwesend sein, da ich aus Sicherheitsgründen keine Genehmigung erhalten habe. Aber ich war beim Schnitt aller Projekte dabei. Manchmal herrschte ein angespanntes Klima, wie bei einem richtigen Film. Ich war plötzlich Produktionsleiterin, Regisseurin, Maskenbildnerin und Szenenbildnerin. Manchmal musste ich auch den Schauspielern Anweisungen erteilen, da sie ein wenig hilflos waren. Und natürlich habe ich immer die Einstellungen des Kameramanns überprüft, da dort manchmal die Fachkenntnisse fehlten. Viele sind in der Welt der Videospiele und der Filme mit zahlreichen Spezialeffekten aufgewachsen und wollten das nun nachmachen. Das war aber nicht möglich. Ich habe versucht, sie zu überzeugen, die Dinge zu vereinfachen.

Bei den Dreharbeiten traten zahlreiche Schwierigkeiten auf. Erstens ist es nicht immer einfach, alle dazu zu bringen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Zudem kämpften wir täglich mit Stromausfällen – und es herrscht draußen ständig Lärm. Wenn dann noch die Hitze und einige andere Stressfaktoren dazukommen, bedeutet das anstrengende Tage für alle Beteiligten.

 

Der Schnitt

Diese Phase hat 10 Tage gedauert. Die ganze Technik war nicht so gut wie sie sein könnte und die jungen Leute beherrschten zum Großteil die Schnitttechnik nur unzureichend. Auch dort musste ich eingreifen.

Die letzten drei Tage habe ich sie in die französische Botschaft eingeladen, wo ich untergebracht war, und wir haben praktisch durchgearbeitet, um die Fristen einzuhalten.

n meiner Abschiedsrede habe ich ihnen gesagt, das Wichtigste sei nicht das Ergebnis, sondern die geleistete Arbeit selbst, die ihnen später dabei helfen würde, ihren Weg zu gehen – auch außerhalb der Films.

Katia Jarjoura

Angesichts der Umstände sind wir mit den Ergebnissen zufrieden. In meiner Abschiedsrede habe ich ihnen gesagt, das Wichtigste sei nicht das Ergebnis, sondern die geleistete Arbeit selbst, die ihnen später dabei helfen würde, ihren Weg zu gehen – auch außerhalb der Films.

Hoffentlich kann ich eines Tages zurückkommen nach Bagdad, um wieder mit ihnen zu arbeiten. Dann könnte ich sehen, wie sie sich weiter entwickelt und was sie unserem Workshop gelernt haben.

Ihre Filme wurden auf dem Filmfestival in Bagdad gezeigt. Dort haben sie jeder einen Vortrag zu dem Projekt gehalten, und jeder bekam ein Zertifikat. Es ist gut, dass ihre Arbeit in ihrem Land auch öffentlich anerkannt wurde.