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Katar: französischer Bauriese soll Gastarbeiter ausbeuten

Länder: Katar

Tags: Sherpa, Fussball-WM 2022, Katar

Gerade erst vor zwei Wochen hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Katar Fortschritte im Umgang mit seinen Gastarbeitern bescheinigt – auch wenn "bei weitem nicht alles in Ordnung" sei. Da kommt neue Kritik auf: Die französische Nichtregierungsorganisation Sherpa hat gegen den Bauriesen Vinci und dessen katarische Tochterfirma QDVC geklagt.

176 €

verdienen die Arbeiter pro Monat und das bei 66 Stunden pro Woche!

 

Von moderner Sklaverei spricht die NGO, von Zwangsarbeit unter der die Gastarbeiter auf den Baustellen für die Fußball-WM 2022 zu leiden hätten. Sie hat inzwischen bei Gericht Klage gegen den französischen Baukonzern Vinci eingereicht.

Sherpa zufolge hat Vinci - im Hinblick auf das sportliche Großereignis - Verträge in Höhe mehrerer Millionen Euro geschlossen und beschäftigt in einer Tochterfirma und zahlreichen Subunternehmen tausende Arbeitnehmer in Katar. Auf den Baustellen arbeiten sie laut der NGO bis zu 66 Stunden pro Woche, haben nur einen freien Tag in der Woche und verdienen monatlich umgerechnet etwa 176 Euro.

 

Arbeiter Katar
 
Pässe eingezogen

Das Hauptproblem liegt laut Sherpa bei der sogenannten "Kafala": "Untersuchungen vor Ort haben gezeigt, dass diese Unternehmen Menschen in prekären Situationen durch verschiedene Drohungen zu unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen und lächerlichen Löhnen zwingen", so Sherpa. "Die Pässe werden von der Firma eingezogen und die Arbeiter werden bedroht, wenn sie auf ihr Recht auf bessere Arbeits- oder Unterkunftsbedingungen pochen, wenn sie kündigen oder den Arbeitgeber wechseln wollen." Schon im letzten Jahr beklagte Amnesty International die menschenunwürdigen Bedingungen der katarischen Gastarbeiter auf den WM-Baustellen.

 

Das Kafala-System
Auch Sponsorship- oder Bürgschaftssystem genannt. Ein Ausländer, der in Katar oder anderen Golfstaaten arbeiten möchte, braucht einen einheimischen Bürgen (in der Regel der Arbeitgeber), der die Einreiseformalitäten erledigt und für eine staatliche Registrierung sorgt. Dafür zieht der Bürge den Pass der ausländischen Arbeitskraft ein und händigt ihn erst nach Ablauf des Arbeitsvertrags wieder aus. Vor allem für geringqualifizierte Arbeitskräfte bedeutet das ein sklavenartiges Abhängigkeitsverhältnis. Dieses System will Katar nun ändern, zur Kontrolle der Regelungen soll mehr Personal eingestellt werden.

 

Vinci startet Gegenangriff

Der Bauriese bestreitet diese Vorwürfe und betont, das katarische Arbeitsrecht zu respektieren. Yanick Garillon, der Generaldirektor der katarischen Tochter von Vinci,  erklärt, dass die Pässe der ausländischen Arbeiter in der Vergangenheit "wegen sicherheitstechnischer Gründe" einbehalten worden wären, "um zu verhindern, dass den Arbeitern ihre Papiere gestohlen werden."  Vinci zieht in Betracht, Sherpa wegen Verleumdung anzuklagen.

Die Tochterfirma QDVC arbeitet an drei Großbaustellen: der Tram von Lusail, der U-Bahn von Doha und einem Teilstück der Autobahn von 47 Kilometern Länge (New Orbital Highway). Die Verträge über 2,2 Milliarden Euro laufen bis 2019.  3300 Angestellte aus 65 Ländern arbeiten für die Firma, darunter 2.000 geringqualifizierte Arbeitskräfte hauptsächlich aus Indien, Nepal und Sri Lanka. Dem Generaldirektor von QDVC zufolge werden 60 Prozent der Arbeiten von lokalen Subunternehmen übernommen.

 

Deutsche Unternehmen in Katar
Der deutschen Botschaft in Doha zufolge sind zurzeit 64 deutsche Firmen in Katar aktiv, darunter Hochtief, Bilfinger Berger und Siemens. Sie sind unter anderem an Projekten in der Planstadt Lusail und der Errichtung moderner Stadtviertel in Doha beteiligt, sowie am Bau eines neuen Flughafens und eines modernen Schienennetzes. Katars Emir Tamim Bin Hamad will in den kommenden Jahren 200 Milliarden US-Dollar investieren. Ein lohnendes Geschäft, das trotz aller Verbesserungs-Versprechen Katars wohl noch eine ganze Weile auf dem Rücken der Gastarbeiter ausgetragen werden wird.

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016