Kampfjetgetöse an Russlands Grenzen

Länder: Polen, Russland, Ukraine

Tags: Ukraine, Russland, Krim

Während die EU-Staaten noch über Wirtschaftssanktionen gegen Moskau diskutieren, verstärkt Washington seine militärische Präsenz bei den NATO-Partnern im Baltikum und in Polen. Und laut türkischen Medien hat ein US-Flugzeugträger bereits Kurs auf die Scharzmeerregion genommen.

“Kein Grund zur Sorge!”, versucht Estlands Ministerpräsident Andrus Ansip zu beschwichtigen. Als NATO- und EU-Mitglied stehe das kleine baltische Land unter keiner direkten militärischen  Bedrohnung. Doch nicht nur die Medienberichte über eine Aufstockung russischer Truppen im nördlichen Ostpreussen sorgen für wachsende Nervosität im Baltikum.

 

Nun fragen sich viele Balten besorgt, ob ihnen nicht ein ähnliches Schicksal drohen könnte.

 

Russische Minderheiten im Baltikum
Auf der Krim hat Russlands Präsident Wladimir Putin den Schutz der russischen Bevölkerung als Grund für den Einmarsch vorgeschoben. Auch in Estland gibt es eine bedeutende russische Minderheit, fast 25% der Bevölkerung. In Lettland sind es 27%, in Litauen immerhin 5%. Nun fragen sich viele Balten besorgt, ob ihnen nicht ein ähnliches Schicksal drohen könnte, sagt Russland-Experte Stefan Meister vom European Council On Foreign Relations in Berlin. Die russische Militärintervention in der Ukraine weckt dunkle Erinnerungen an den 2. Weltkrieg. Damals wurden Lettland, Litauen und Estland unter Zwang der damaligen Sowjetunion einverleibt.

 

USA weiten Militärhilfe aus

Ihre  Aufnahme in das westliche Militärbündnis hat Putin bis heute nicht verdaut. Und dass die baltischen Staaten Teil der Planungen für den Raketenschutzschild der NATO sind, empfindet man in Moskau schon lange als Provokation. 

Und nun macht Washington den Ostseeraum tatsächlich zum Aufmarschgebiet. Bereits seit Januar fliegen US-Kampfjets über dem baltischen Teil der Ostsee. Laut Pentagon sollen sechs weitere Jets vom Typ F-15 und ein Tankflugzeug die Mission verstärken, denn Lettland, Litauen und Estland verfügen über keine schlagkräftige Luftwaffe.

 

Polen rüstet auf

Auch in Polen soll das gemeinsame Training mit der polnischen Luftwaffe erweitert werden. Bisher hat die Air Force nur eine kleine Einheit in Polen stationiert, um Soldaten an F-16-Kampfjets und C-130-Transportflugzeugen auszubilden.
Doch Polens Regierung ergreift schon länger eigene Massnahmen, um die  Modernisierung seiner Armee zu beschleunigen. Sogar von einem eigenen Raketenabwehr-Projekt ist die Rede. Bis zu 46 Milliarden US-Dollar wolle Warschau für neue Waffen und Militärtechnik ausgeben, berichtet das Radio “Stimme Russlands”.
Ironischerweise deckt bislang die russische Rüstungsindustrie viele Bedürfnisse des polnischen Militärs. Russische Jets vom Typ MiG-29 gehören zum festen Bestandteil der Luftwaffe.

 

Wir wissen, dass das Raubtier durch das Fressen immer noch mehr Appetit bekommt.

 

Historisches Trauma
Als direkter Nachbar der Ukraine fühlt sich Polen besonders von Moskaus Militärintervention betroffen. Und wie im Baltikum, werden auch in Polen historische Traumata wieder lebendig.
Nach Hitlers Überfall 1939, folgte der Einmarsch russischer Truppen im Osten. Nach dem 2. Weltkrieg kam Polen, wie vielen seiner Nachbarn, nur die Rolle eines kommunistischen und von Moskau dirigierten Satelliten zu.
“Wir wissen, dass das Raubtier durch das Fressen immer noch mehr Appetit bekommt”, sagt Polens Außenminister Radoslaw Sikorski und meint damit den russischen Bären. Ministerpräsident Donald Tusk geht noch weiter. Bei den Bedrohungen, die sich hinter Polens Ostgrenze entwickelten, gehe es für Polen um Sein oder Nichtsein.

 

Türkei als Schutzmacht der Krimtartaren

Verbündete sucht Warschau derzeit auch in Ankara. Präsident Bronislaw Komorowski bemühte sich in dieser Woche ein informales polnisch-türkisches Bündnis zu schmieden. Denn die Türkei sieht sich als historische Schutzmacht  der rund 280.000 Krimtartaren, die sich der Ukraine zugehörig fühlen.
Eine Schutzmacht, die derzeit eher hilflos agiert. Nach Syrien will die Türkei nicht noch einen zerfallenden Staat vor ihrer Haustür. Ankara bemüht sich deshalb weiter gute  Beziehungen zu Kiew und zu Moskau zu unterhalten.

 

In den USA nimmt der innenpolitische Druck auf Präsident Obama zu.

 

US-Flugzeugträger am Bosporus
Doch als NATO-Mitglied könnte die Türkei schneller in eine Eskalation des Konflikts hineingezogen werden, als ihr lieb ist. Laut der Zeitung Hürriyet näherten sich zu Beginn  der Woche russische Militärflugzeuge  der türkischen Küste. Türkische F-16-Jäger seine daraufhin auf Parallelkurs gegangen.
Und der Zeitung Zaman zu Folge soll die Regierung in Ankara dem Flugzeugträger USS George H.W. Bush die Passage durch den Bosporus  gestattet haben. An Bord: 3.500 Soldaten und zahlreiche Kampfjets.

 

Taten statt roter Linien

Washington will von einem Truppenaufmarsch im Schwarzen Meer nichts wissen. Doch “in den USA nimmt der innenpolitische Druck auf Präsident Obama zu”, sagt Russland-Experte Stefan Meister, der russischen Aggression  mit mehr Entschlossenheit  zu begegnen. Amerikas Adler wollen keine imaginären roten Linien mehr. Sie wollen Taten.
 

Patrick Schulze-Heil

 

Zwei Fragen an Russland-Experte Stefan Meister

Wie reagieren die baltischen Staaten auf den russischen Einmarsch in der Ukraine?

 

Russland-Experte Stefan Meister (1/2)

Wie groß ist der Druck auf US-Präsident Obama, der russischen Militärintervention mit mehr Entschlossenheit zu begegnen?  

Russland-Experte Stefan Meister (2/2)

 

Zuletzt geändert am 13. April 2018