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K2, Lebensweg eines birmanischen Aktivisten

Länder: Myanmar

Tags: Gewalt, Gewaltlosigkeit, guerilla, Aktivismus

Nach den blutig niedergeschlagenen Protesten von 1988 und zehn Jahren Guerilla-Kampf im birmanischen Dschungel hat sich Kyaw Kyaw dem gewaltlosen Widerstand zugewandt. Durch die Organisation CANVAS ausgebildet, die ein Modell zum Umsturz von Diktaturen exportiert, ist K2 heute ein Veteran des gewaltlosen Widerstands in Asien. Ein außergewöhnlicher Lebensweg.

 

In den Untergrund gehen

Unsere Köpfe sind blutig, doch unser Geist ist ungebrochen“

Eins der Leitmotive der ABSDF

1986 beginnt K2 ein Geologie-Studium an der Universität Rangun. Myanmar ist von der Welt abgeschottet und wird mit eiserner Hand von General Than Shwe regiert. Wer sich nicht vorbehaltlos der Ideologie der herrschenden Einheitspartei anschließt, wird als „Roter“, als gefährlicher Kommunist betrachtet. 
Einige engagierte Professoren wecken das politische Bewusstsein von K2: „Damals musste man Mitglied der BSPP, der Jugendorganisation der herrschenden Partei sein, um eine Bibliothekskarte zu erhalten. Deswegen haben einige Professoren eine Alternativbibliothek aufgebaut, mit Büchern aus dem Ausland. Manche von ihnen gaben fast ihr ganzes Gehalt, knapp 100 Dollar im Monat, für den Kauf und das Einschmuggeln dieser verbotenen Bücher aus. Sie hatten in Großbritannien oder in den USA studiert, hätten dort Karriere machen und bequem leben können, waren aber nach Myanmar zurückgekehrt, um ihr eigenes Volk zu bilden.“ K2 engagiert sich im intellektuellen Widerstand und bittet befreundete Piloten, ihm Ausgaben von Time Magazine, Newsweek, South China Morning Post oder Bangkok Post mitzubringen. Er übersetzt sie ins Birmanische, um sein Englisch zu verbessern und um den Studienkameraden ihren Inhalt zugänglich zu machen. Er nimmt Kontakt mit Gesinnungshäftlingen auf, Freunde führen ihn in die Theorie der Revolution ein. Er beginnt im Untergrund Artikel zu schreiben, stellt Fragen nach dem Ursprung der Geldflüsse im Land und entwickelt eine wohl argumentierte politische Haltung.

 

135

ist die Zahl der von der Regierung offiziell anerkannten Volksgruppen in Myanmar. Die acht „Nationalen Rassen“ sind die Birmanen, die Chin, die Karen, die Padaung, die Kachin, die Mon, die Shan und die Arakinesen. Die Birmanen stellen zwei Drittel der Bevölkerung, die ethnischen Minderheiten bewohnen 60 Prozent des Staatsgebietes. Die Zahl, die Myanmar als extremen Vielvölkerstaat ausweist,  stammt noch aus der britischen Kolonialzeit. Sie wird heute angefochten, weil sie die Chinesen, die Inder und die Rohingyas nicht einschließt. Die muslimischen Rohingyas leben überwiegend im Norden des Bundesstaates Arakan und zählen nach UN-Angaben zu den am schlimmsten diskriminierten Minderheiten der Welt. 1982 hat ihnen die Regierung sogar die Staatsbürgerschaft aberkannt.     

 

"Eine Granate, Bombe, Mine, ein Sniper-Angriff, und dann Rückzug"

Im August 1988 demonstrieren zuerst in Rangun, dann im ganzen Land zahlreiche Menschen für eine Wiederherstellung der 1962 von einem Militärputsch außer Kraft gesetzten Demokratie. K2 steht in dieser von den Studenten angeführten Bewegung in vorderster Linie. Nach einigen Wochen schlägt die Militärjunta die Proteste gnadenlos nieder. Die Anführer, später als Generation 88 bezeichnet, müssen aus Rangun fliehen. Tausende Aktivisten landen im berüchtigten Gefängnis von Insein, mehr als 3.000 Menschen werden auf offener Straße umgebracht. K2 entscheidet sich daraufhin für den bewaffneten Kampf und gründet im November 1988 die Widerstandsgruppe ABSDF (All Burma Students' Democratic Front). Ihr Slogan: „Unsere Köpfe sind blutig, doch unser Geist ist ungebrochen“ wird zu einem der Leitmotive im politischen Kampf gegen die Diktatur in den folgenden drei Jahrzehnten. „Ich bin von einem Tag auf den anderen ins Grenzgebiet zu Thailand gegangen, wo uns die Guerilla-Gruppe aufgenommen hat, die das Karen-Gebiet kontrollierte.“ Neun Jahre lang operiert seine Kampfeinheit mitten im Gebiet der Birmanen, der Mehrheitsethnie, in der Zentralebene des Landes, in der sich heute auch die neue Hauptstadt Naypyidaw befindet. Er ist auch in den Gebieten der Karen und der Shan aktiv, die teilweise unter Kontrolle anderer bewaffneter Gruppen stehen und begibt sich regelmäßig ins Hauptquartier der Studentenarmee an der thailändischen Grenze. Dort begegnet er zwei Ausländern: „1994 kamen Oberst Robert L. Helvey, der vom Militär-Attaché der US-Botschaft in Rangun zum Experten für pazifistische Widerstandsstrategien geworden war, und Gene Sharp, der Theoretiker der Gewaltlosigkeit, zu uns ins Lager, um uns ihre Ideen vorzustellen. Wir steckten damals bis zum Hals im Guerillakrieg und waren nicht interessiert. Wir praktizierten die Taktik des „Hit And Run“: eine Granate, Bombe, Mine, ein Sniper-Angriff, und dann Rückzug vor dem Eintreffen massiverer Feindeinheiten. In einem direkten Kampf waren wir der Armee nicht gewachsen. Deswegen setzten wir auf Überraschungsangriffe, um die Militärs zu destabilisieren und den Regierungssoldaten Angst einzujagen.“       

 

Mehr zu Gene Sharp 

Gene Sharp, auch als „der Machiavelli der Gewaltlosigkeit“ bekannt, ist ein weltweit bekannter Philosoph und Politologe, dessen Werke über den pazifistischen Widerstand gegen die Repression in 25 Sprachen übersetzt wurden. Sein Handbuch „Von der Diktatur zur Demokratie“, speziell für die birmanischen Widerstandskämpfer in Thailand verfasst, wurde inzwischen auch von Aktivisten in Osteuropa, im Iran, in Afrika, Asien und in der arabischen Welt angewandt. Es ist auf der Webseite des Albert-Einstein-Instituts, einer von Gene Sharp 1983 gegründeten Stiftung mit Sitz in Boston, vollständig zugänglich.

K2 legt die Waffen nieder

Nach zehn Jahren Dschungel-Guerilla legt K2 schließlich die Waffen nieder. 1999 schließt er sich der Umbrella Alliance an, einem Verband verschiedener Ethnien, die gemeinsam auf gewaltlose Weise für eine Verhandlungslösung mit der Regierung kämpfen. „Ich hatte das Gefühl, dass der bewaffnete Kampf nicht mehr die einzige Möglichkeit war, dass er im Grunde sogar aussichtslos war, angesichts der Kriegsmaschine der Tatmadaw, der birmanischen Armee.“ K2 begreift, dass er einen anderen Weg gehen kann und muss, ohne jedoch die bewaffnete Aktion jemals zu verleugnen. „Der bewaffnete Kampf ist das einzige Mittel für die Ethnien, die seit Jahrzehnten mehr Autonomie fordern. Niemand kann ihnen das Recht absprechen, für ihre Kultur und die Verfügung über ihre natürlichen Ressourcen zu kämpfen. Wenn sie heute die Waffen niederlegen, sind sie morgen alle verschwunden. Die chauvinistische Armee der Mehrheitsethnie der Birmanen, aus der ich selbst stamme, muss zu einer föderalen Armee werden, die alle Volksgruppen einschließt. So lange das nicht der Fall ist, kann ich verstehen, dass die bewaffneten ethnischen Gruppen ihr Gebiet mit allen Mitteln verteidigen.“    
K2 seinerseits stürzt sich auf die Klassiker der Literatur zum gewaltlosen politischen Kampf, studiert die Befreiungsbewegungen in Indien, in der ehemaligen Tschechoslowakei, Polen oder Südafrika. „Ich habe mich in Mae Hong Son niedergelassen, einer Grenzstadt in Thailand, in der viele Exil-Birmanen leben. Ich habe dort an der Gründung des PDC (Political Defiance Committee) mitgewirkt: Political Defiance, politische Herausforderung, das ist unser Modell der Gewaltlosigkeit. Im Rahmen dieses Komitees entwickelt K2 die SPDC (Strategic and Politic Defiance Courses) mit, ein für alle Birmanen gedachtes Ausbildungsprogramm in politischem Widerstand. Sein Titel ist selbst bereits eine ironische Herausforderung an die Regierung. SPDC ist nämlich auch die Abkürzung für State Peace and Development Council, Staatsrat für Frieden und Entwicklung, das Organ der Militärjunta, das Myanmar von 1988 bis 2011 regierte.

 

Myanmar, von Korruption zerfressen

Ab Anfang der 90er-Jahre können die Demokratie-Aktivisten in Myanmar auch auf die Unterstützung mehrerer Stiftungen zählen, vor allem die des Netzwerks National Endowment for Democracy (NED) in Washington. 1983 von der Reagan-Regierung gegründet und direkt vom US-Außenministerium finanziert, gilt diese Organisation als Träger der Soft-Power-Strategie der USA, der zufolge die Förderung der Demokratie der beste Weg zur Wahrung der nationalen amerikanische Interessen ist. Von 290.000 Dollar im Jahr 1994 wächst die vom US-Kongress abgesegnete Hilfe für den birmanischen Widerstand auf 3,7 Millionen im Jahr 2007, dem Jahr der Safran-Revolution unter Führung buddhistischer Mönche. Weitere Geldgeber sind das Open Society Institute von Georges Soros, dem US-Milliardär, der mit riesigen Spekulationsgeschäften ebenso von sich reden macht wie mit seinen philanthropischen Neigungen, sowie mehrere europäische Länder, die auf den Rohstoffreichtum von Myanmar schielen. Geld aus dem Ausland war von jeher ein entscheidender Faktor in Myanmar, einem Land im stummen Bürgerkrieg, das an der Interessenpolitik der Großmächte ebenso leidet wie an allgegenwärtiger Korruption und Drogenhandel. Das Land ist der zweitgrößte Opiumproduzent der Welt, sowohl die bewaffneten ethnischen Gruppen als auch die Militärjunta finanzieren sich seit Jahrzehnten aus den Drogeneinnahmen.

Der friedliche Widerstand

Die Aktivisten verfolgen kompromisslos ein klares Ziel: das Ende der Diktatur und den Aufbau einer föderalen Demokratie. Dazu dokumentieren und veröffentlichen sie die Menschenrechtsverletzungen des Regimes, umgehen die Zensur der Medien und unterhalten ein Netzwerk von Aktivisten im Inland, das den Boden für gewaltlose Demonstrationen vorbereiten soll. Zwei große Achsen bestimmen das Programm des PDC: die unabhängige Information der Bevölkerung und der Versuch, die Soldaten der Regierungsarmee auf die Seite des zivilen Widerstands zu ziehen.    

2.129

ist die Zahl der Aktivisten des PDC, der 130 Netzwerke von 73 Gruppen steuert.

Jahresbericht 2012 des Komitees für Politische Herausforderung (PDC) 

Den ersten Punkt, eine unabhängige Information, versucht das PDC zu erreichen, indem es Aktivisten quer durch die Bevölkerung rekrutiert, sie in speziellen Camps einige Wochen lang in Demokratie, Menschenrechten und Föderalismus ausbildet und sie anschließend dazu ermuntert, in ihrem eigenen Umfeld neue Gruppen zu bilden. „Wir haben überall Freunde und Informanten, unter den Ärzten, Lehrern, Bauern, Beamten und sogar in der Armee. Unter der Diktatur gab es keine unabhängigen NGOs, sämtliche Organisation wurden direkt oder indirekt von der Junta gesteuert. Wir nannten sie Gongos – governmentally organized non governement organizations.“ Dieses Untergrundnetzwerk sammelt landesweit Informationen und führt Statistiken, in einem der korruptesten und intransparentesten Länder der Welt. Transparency International reihte Myanmar 2014 auf Rang 156 der insgesamt 175 Plätze auf der Korruptionsliste. Alle sechs Monate überarbeiten die Aktivisten ein umfassendes Organigramm der zivilen und militärischen Verwaltung des gesamten Landes, um die Verantwortlichen für diverse Menschenrechtsverletzungen ausmachen zu können. Dieses Dokument ist Grundlage für die Berichte vieler Medien und der Organisation Human Rights Watch (siehe: Bericht zu den Ereignissen des Jahres 2014).

 

© Political Defiance Committee

Nächster Punkt der auf Englisch von K2 vorgestellten Power Point Synthese der Aktivitäten des PDC: der Kampf für die Freilassung von politische Häftlingen, unter ihnen San Suu Kyi. Die Tochter des Unabhängigkeitshelden Aung San, im Zuge der Proteste von 1988 ins politische Rampenlicht getreten und 1991 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, stand über 15 Jahre unter Hausarrest. Sie ist heute die charismatische Führerin der Nationalen Liga für die Demokratie, einer der beiden großen politischen Parteien des Landes.

 

Die Aktionen des PDC

Außerdem veröffentlicht das PDC mehrmals im Monat die „Burma Updates“ und die „PDC News Commentary“, Kurzberichte über aktuelle und anstehende politische Ereignisse, Verhaftungen von Bürgern und Ähnliches. Es betreibt auch mehrere Webseiten, darunter Vimutti („Freiheit“ auf Sanskrit). Es unterstützt Bürgeraktionen wie die von Schülern, die die öffentlichen Busse boykottieren, weil sie sich den Fahrschein nicht mehr leisten können. Eine charakteristische und sehr sichtbare Aktion: lange Kolonnen von jungen Menschen im Gänsemarsch am Straßenrand, in einem Land, in dem jede öffentliche Versammlung von mehr als fünf Personen verboten ist. Das PDC koordiniert auch die Aktionen von Arbeitern, die landesweit für höhere Löhne kämpfen. Zudem unterstützt es in den Dörfern Bauern, die zur Zwangsarbeit eingezogen werden oder deren Land konfisziert wurde.           

Es organisiert Blutspende-Aktionen und Informationskampagnen über die sehr verbreiteten sexuell übertragbaren Krankheiten. Es übersetzt das Handbuch von Gene Sharp auf Birmanisch, Shan, Mon, Karen, Kachin oder Chin. Es unterstützt Deserteure und organisiert einen Steuerboykott, mit dem Argument, dass der Staat keine Leistungen für die Bevölkerung erbringt. Unter der Diktatur gab es kein gesetzlich geregeltes Steuersystem, nur willkürlich von korrupten Beamten und Militärs festgesetzte Zwangsabgaben. „Die Leute mussten zum Beispiel eine sogenannte Sicherheitsabgabe zahlen, wenn „störende Elemente“ – so bezeichnete die Junta die Rebellengruppen – bei der Durchfahrt eines Militärzuges eine Bombe zündeten. Das war nichts anderes als eine kollektive Bestrafung der Dorfbewohner, die die Behörden nicht vor Anschlagsplänen gewarnt hatten.“    

Ab 2006 eröffnet das PDC auch Internet-Cafés in den Dörfern und führt die Bewohner in den Bürgerjournalismus und die Nutzung der Sozialen Netzwerke ein, trotz der geradezu sprichwörtlichen Langsamkeit der Internet-Verbindungen in Myanmar. Das PDC verteidigt auch Mönche, die es ablehnen, private Hochzeits- oder Beerdigungszeremonien für Würdenträger des Regimes vorzunehmen. Die Boykottbewegung der buddhistischen Mönche gegen Regimevertreter begann 1990 mit der Ablehnung ihrer Opfergaben in den Tempeln. Kurz zuvor hatte das Regime in Mandalay Dutzende Mönche massakriert, weil sie es gewagt hatten, in einer friedlichen Zeremonie öffentlich an die Mönche zu erinnern, die bei den Unruhen von 1988 getötet worden waren.

 

Der Aufstand der Mönche

2007 verdichten sich die Proteste der Mönche, teilweise vom PDC ausgebildet, zur sogenannten Safran-Revolution, Ausdruck der breiten Unzufriedenheit der Bevölkerung nach enormen Erhöhungen der Energiekosten. Manche Kundgebungen versammeln über 100.000 Teilnehmer. Nach einigen Wochen wird die Bewegung blutig niedergeschlagen, mindestens 15 Mönche werden getötet, tausende verhaftet. Die Armee führt Säuberungsaktionen in den Klöstern durch, Mönche, die Zeremonien boykottieren, riskieren Haftstrafen. In Erinnerung an diesen Aufstand der Mönche geht K2 seitdem kahlgeschoren. Die Mönche haben auch, mit Unterstützung des PDC, ein Video veröffentlicht: Szenen der blutigen Repression, Zeitungsartikel und Karikaturen, Militäraufmärsche, teilweise erschütternde Bilder, die für sich selbst sprechen.

Was soll man tun, wenn ein Regime Tote und Häftlinge mit Ja abstimmen lässt?"

K2

Die Militärs beschuldigen den Westen, die Rebellion der Bonzen fernzusteuern, um eine Marionettenregierung im Dienst westlicher Interessen einsetzen zu können. Die Aktivisten erwidern, dass es für die Machthaber sehr viel einfacher ist, sich in die Anprangerung einer ausländischen Einflussnahme zu flüchten als die tiefe Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung zur Kenntnis zu nehmen. 2008 wirbt das PDC für ein Nein bei der Volksabstimmung über eine neue Verfassung, die der Armee die Macht sichern soll. Es veröffentlicht Vergleiche mit Verfassungsvorschlägen in anderen Ländern und eine äußerst kritische Analyse des verfassunggebenden Prozesses in Myanmar, der nach 15 Jahren in die Festschreibung der Militärmacht mündet. 

Das Ergebnis war eine Niederlage für uns. Laut Armee beteiligten sich 99 Prozent der Bevölkerung an der Abstimmung und sagten zu 92 Prozent ja. Man muss allerdings wissen, dass genau zum Zeitpunkt der Abstimmung der Zyklon Nargis das Land verwüstete. Und was soll man tun, wenn ein Regime Tote und Häftlinge mit Ja abstimmen lässt? Aber unsere Kampagne als solche war ein Erfolg, weil den Leuten klar geworden ist, dass ihnen das Regime die Stimme gestohlen hat und sie nach Strich und Faden belog.“   

 
K2 trifft CANVAS

Oslo und Free Voice of the Netherlands, zwei Satellitensender, die in Myanmar empfangen werden können, versuchen die offizielle Propaganda zu kontern. K2 trifft Vertreter von CANVAS, einer Bewegung zur Förderung des gewaltlosen Widerstands nach dem Modell von Gene Sharp und den Erfahrungen des serbischen Kollektiv Otpor!, das 2001 wesentlich zum Sturz von Milosevic beigetragen hat. In Boston nimmt er an einem Workshop an der Fletcher-Schule für Recht und Diplomatie teil. 2010 organisiert er in Bangkok und Mae Sot zwei Treffen birmanischer Aktivisten mit den CANVAS-Gründern Srdja Popovic und Slobodan Djinovic. K2 tritt dabei nicht als offizieller Ausbilder von CANVAS auf, weil diese Rolle Persönlichkeiten aus Ländern vorbehalten ist, die den Übergang zur Demokratie bereits geschafft haben. Er ist jedoch inzwischen ein Veteran der Organisation und ihr offizieller Ansprechpartner in Myanmar. Eine Journalistin der Zeitschrift Foreign Policy war bei einem der beiden Treffen in einem Hotelzimmer dabei und liefert davon eine harte, aber aufschlussreiche Zusammenfassung, die die besonders komplexe Situation des Widerstands in Myanmar deutlich macht.

 

Mehr zum Thema:

Finden Sie auf unserer Webseite ein Interview mit Srdja Popovic, Gründer des Programms CANVAS und Autor des Buchs „Protest! Wie man Mächtigen das Fürchten lehrt“ (Fischer, 2015)

Der Piraten-Sender

In den folgenden fünfzehn Jahren setzen K2 und seine Kameraden trotz der hoffnungslosen Lage in Myanmar ihren Kampf unermüdlich fort. Systematisch versuchen sie, die Säulen einer der repressivsten und perversesten Diktaturen der Welt zu untergraben, allen voran die Armee. „‘Tatmadaw ist dir Vater und Mutter‘, lautet einer ihrer Slogans. Aber das ist natürlich eine Lüge. Die Armee, das sind ganz konkrete Menschen. Es sind vielleicht dein Bruder oder dein Onkel, die Verbrechen gegen die Bevölkerung begehen und Menschen foltern.“ Eine der Aktionen des PDC besteht darin, die Schuldigen zu identifizieren. Dazu bemüht es sich, möglichst viele Kontakte zu den über 400.000 Soldaten des Landes zu halten – eine von Otpor! erfolgreich in Serbien eingesetzte und auch in Ägypten praktizierte Methode.

Wir sind nicht gegen die Armee, wir wollen ihr im Gegenteil ihre Ehre wiedergeben." 

K2

„Unsere Aktivisten sammeln Informationen, indem sie Nachrichten der Armee abhören. Wir haben Maulwürfe in der Armee, die uns Dechiffrierungscodes liefern und Hacker, die in Armee-Systeme eindringen. Wir benutzen auch Sendepausen auf den Armeefrequenzen, um unsere eigenen Programme zu senden. Wir haben einen sehr starken Sender, durch den uns alle Soldaten hören können, sogar wenn sie auf See dienen. Radio Blue Mountain ist ein ausgezeichnetes Instrument zur Aufklärung der Soldaten. Sie können uns auch anrufen, damit wir ihren Wunschsong spielen. Das ist oft ihre einzige Ablenkung, wenn sie die ganze Nacht Wache schieben. Jeder unserer Kontakte hat einen Codenamen, dadurch können wir sie jederzeit über das Radio kontaktieren. Wenn wir den Namen eines Offiziers bekannt geben, weil wir Beweise dafür haben, dass er Verbrechen begeht, hilft das, das Schweigen zu brechen. Oft rufen uns dann Dutzende von Soldaten an und berichten uns von ähnlichen Dingen in ihrem Regiment. Wir sind ja nicht gegen die Armee, wir wollen ihr im Gegenteil ihre Ehre wiedergeben. Die Armee kann unsere Aktionen hier und dort unterbinden, aber nicht überall im Land, weil sie dazu die Kommunikation mit allen Truppeneinheiten kappen müsste.“ 

 

Der Armee die Glaubwürdigkeit nehmen

Das Netzwerk sammelt auch strategische Informationen, etwa über den Verteidigungsplan für Rangun oder über Truppenbewegungen. Die Strategie, die Armee zu infiltrieren und an ihrer Glaubwürdigkeit zu nagen, trägt durchaus Früchte. 2006 gelang es dem Widerstandsnetz, ein Video publik zu machen, das heute alle Birmanen kennen. Es trägt den Titel „Nacht der Diamanten“ und zeigt Bilder von der Hochzeit der Tochter von General Tha Shwe, der die Militärjunta von 1992 bis 2011 anführte: eine streng private Party, bei der die Jungvermählten über einhundert Luxusautos zum Geschenk erhielten und die Braut von Kopf bis Fuß mit Diamanten geschmückt war. „Dieses 25-Minuten-Video wurde zum Symbol des Grabens zwischen dem Lebensstandard der Generäle und der furchtbare Armut der Bevölkerung. Die Armee war davon so schwer getroffen, dass sie behauptet hat, das Video sei eine Fälschung der CIA, die das Regime stürzen wolle.“ Genau das hatten die Machthaber auch schon von der Revolution der Mönche 2007 gesagt.      

Die Armee gaukelt der Welt vor, dass sie das Land verändern will, aber die Veränderung ist nur oberflächlich.

K2

Trotz der Selbstauflösung der Militärjunta und dem Beginn von Reformen 2011, erweisen sich die alten Gewohnheiten als hartnäckig: „Die Armee gaukelt der Welt vor, dass sie das Land verändern will, aber die Veränderung ist nur oberflächlich.“ Die Machtstrukturen und die Clans an der Spitze sind seit 1962 unverändert. Myanmar ist immer noch ein hoch militarisiertes Land, die Armee bleibt ein Staat im Staat. Derzeit, wenige Wochen vor den ersten freien Wahlen seit 25 Jahren, sitzen immer noch an die einhundert Gewissenshäftlinge in den Staatsgefängnissen. Bauern, die sich der Konfiszierung ihrer Felder widersetzt haben, kritische Studenten, Oppositionspolitiker, Barbesitzer: Die Repression ist immer noch heftig und breit gestreut.     

 

Werden die Wahlen, die Lage Myanmars verbessern? 

An die Wahlen als effizientes Instrument einer Neuverteilung der Macht und als Garant der Menschenrechte glaubt K2 nicht wirklich. Weniger jedenfalls als das Ausland, das voll des Lobes ist über die Wahlkampfveranstaltungen in der Hauptstadt. „Die Wahlen werden kaum sofortige Veränderungen bringen. Sogar wenn das Volk massiv die Nationale Liga für Demokratie (LND) wählt, dürfte die von den Militärs unterstützte Partei genug Stimmen bekommen, um nach der von der Armee für die Armee geschriebenen Verfassung das Recht zu behalten, den nächsten Präsidenten zu ernennen. Die Menschen müssen sich darüber klar werden, wer ihr wirklicher Feind ist und wie sie im Alltag Widerstand leisten können. Ich setze nicht auf Wahlen und Demokratie als Selbstzweck, sondern auf einen langen Prozess der Veränderung.

K2 ruft vor allem zur Überwindung innerer Spaltungen der Opposition auf, für ihn der erste Schritt zu einer funktionierenden Demokratie. „Wir müssen alle kompromissbereit sein und dürfen auch nicht alle Hoffnung ausschließlich auf Aung San Suu Kyi setzen. Und sie sollte nicht allein für alle, sondern gemeinsam mit allen kämpfen. Das habe ich ihr kürzlich in einem Brief geschrieben. Sie sollte als Staatsfrau auftreten, die bereit ist, alle Komponenten zu einer neuen Nation zu vereinen, und nicht als Politikerin, die an einer Parteistrategie klebt. Ich würde mir wünschen, dass sie aufsteht und sich zur echten Führerin des Volkes aufschwingt.“ K2 ist inzwischen Fünfzig und konnte beobachten, wie seine Kampfgefährten von der Universität verschiedene Karrierewege eingeschlagen haben. Sie sind heute LND-Kandidaten, hochrangiger Offiziere, Abgeordnete der Armee-nahen Partei der Einheit, Solidarität und Entwicklung (USDP) des aktuellen Präsidenten und früheren Generals Thein Sein, Provinzgouverneure, hohe Ministerialbeamte oder Journalisten: widersprüchliche Lebenswege, die für  K2 deutlich machen, wie groß und wie unterschätzt die Herausforderung der nationalen Versöhnung ist. 

Wir müssen Hand in Hand arbeiten. Wir sind Brüder und Schwestern, und das Bündnis zwischen Zivilisten und Soldaten ist in unserem Land natürlich."

 

Wir müssen Hand in Hand arbeiten. Wir sind Brüder und Schwestern, und das Bündnis zwischen Zivilisten und Soldaten ist in unserem Land natürlich, seit dem Kampf gegen die japanische Besatzung und die britische Kolonialmacht. Die Nationale Liga für Demokratie kann die Probleme nicht allein lösen, ebenso wenig wie die Armee, die eine effiziente wirtschaftspolitische Strategie braucht, um eine neue Revolte des immer ärmer werdenden Volkes zu vermeiden. Erst wenn wir endlich bereit sind, die Kraft aller vereint einzusetzen, werden wir eine Chance haben, das Land aus dem Sumpf zu ziehen.“ 

Seit mehr als 25 Jahren leistet K2 seinen Beitrag zur Zukunft seines Landes, doch nicht mehr von Myanmar aus. 1988 hat die Militärjunta seinen Pass eingezogen, ihn aus den Geburtenregistern gestrichen und auf die Schwarze Liste gesetzt. „Offiziell bin ich nicht einmal mehr der Sohn meines Vaters und meiner Mutter.

Wer einen Stein spalten will, muss hundert Mal mit dem Hammer zuschlagen. Beim hundertsten Schlag bricht der Stein endlich. Aber er bricht nicht dank diesem letzten Schlag, sondern dank der 99 Schläge vorher.

K2

Jahrelang ist er ohne Papiere gereist, bis ihm 2012 die Tschechische Republik ein Reisedokument ausgestellt hat, das die New Yorker Konvention über Staatenlose schon 1954 geschaffen hat und das es ihm gestattet, sich im Schengen-Raum frei zu bewegen und Visa für andere Länder zu beantragen. Mit einer Ausnahme: Myanmar. Er ist sich nicht sicher, sein Heimatland eines Tages wiederzusehen. „Noch immer zu unsicher“, sagt er selbst. Eine echte Bewusstseinsveränderung scheint ihm noch in weiter Ferne. „Selbst innerhalb unserer gewaltlosen Bewegung ist es nicht einfach, die Leute davon zu überzeugen, dass es andere Mittel des Widerstands gibt als die Demonstrationen, zu denen keiner mehr gehen will, weil sie noch nie etwas verändert, aber zu viele Menschen das Leben gekostet haben. Wir haben noch viel zu lernen um alle Mittel des gewaltlosen Widerstands vollständig auszuschöpfen und wirklich etwas zu verändern. Aber wir sind auf dem richtigen Weg.

Seit zwei Jahren, nach 25 Jahren im ausschließlichen Dienst des Widerstands, hat er sich etwas zurückgezogen, um zusammen mit seiner Frau ein Unternehmen aufzubauen. Er schreibt jedoch weiter Artikel für seine Kampfgefährten, über das Waffenstillstandsabkommen mit den bewaffneten Minderheitengruppen, die Machtkämpfe innerhalb der Armee oder die rechtlichen Finessen der Verfassung. Ein unendlicher Kampf: „Wer einen Stein spalten will, muss hundert Mal mit dem Hammer zuschlagen. Beim hundertsten Schlag bricht der Stein endlich. Aber er bricht nicht dank diesem letzten Schlag, sondern dank der 99 Schläge vorher, die ihn nach und nach mürb gemacht haben.“
 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016