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Jugendarbeitslosigkeit in der EU: Alles rosig in Deutschland?

Länder: Deutschland

Tags: Arbeitslosigkeit, Jugend

Anlässlich des Tages der Jugend publiziert das Statistische Bundesamt die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit des Jahres 2014 - und diese Zahlen geben wenig Hoffnung für die Jugendlichen in den südlichen europäischen Ländern. Deutschland steht hingegen besonders gut da und weist für 2014 die geringste Jugenderwerbslosigkeit in der EU auf. Dennoch sieht dort nicht alles rosig aus.

Die Zahlen...

richten sich nach der EU-weit harmonisierten Arbeitskräfteerhebung nach dem Erwerbsstatus der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Die Zahlen dürfen daher nicht mit denen der nationalen Stellen wie der Bundesagentur für Arbeit verwechselt werden.

7,7 Prozent der Erwerbspersonen im Alter von 15 bis 24 Jahren sind in Deutschland arbeitslos gemeldet. Das sind 330.000 Jugendliche. Innerhalb der Europäischen Union verzeichnet Deutschland damit die niedrigste Arbeitslosenquote unter Jugendlichen. Der Durchschnitt in der EU liegt bei 22,2 Prozent. Die höchste Jugendarbeitslosigkeit herrschte 2014 in Spanien mit 53,2 Prozent. In Frankreich ist einer von vier Jugendliche ohne Arbeit.

Die Liste der Länder, die fast genauso wenige junge Arbeitslose haben wie in Deutschland, ist kurz: Österreich, die Niederlande und Dänemark fallen darunter. Das sind Länder, in denen die Praxis neben der schulischen Ausbildung schon lange etabliert ist. Berufsausbildungen und duale Hochschulen machen die Besonderheit des deutschen Bildungssystems aus und finden bei den Unternehmen regen Anklang.

Wir haben Interviews mit einem deutschen und einem franösischen Wirtschaftsexperten geführt und stellen hier die Antworten gegenüber. 

Guillaume Duval, Chefredakteur des Magazins Alternatives économiques und Autor des Buches Made in Germany : Le modèle allemand au-delà des mythes erklärt uns, dass die Zahlen aus Deutschland relativiert werden müssen. Arbeitsmarktexperte Karl Brenke forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zur Deutschen Konjunktur, besonders für die Gebiete Berlin und Ostdeutschland. 

 

 

ARTE Info: Wieso steht Deutschland in der Statistik im Vergleich zu dem Rest der EU so gut da?

Guillaume Duval: Einerseits haben die Deutschen eine Wirtschaftsaktivität, die weniger schlecht als in anderen Ländern funktioniert. Andererseits darf man nicht die demografische Dimension außer Acht lassen. Es gibt weniger Jugendliche in Deutschland als in Frankreich. Deutschland hat 15 Millionen Einwohner mehr als Frankreich, also 22 Prozent. Aber hinsichtlich der Jugendlichen unter 25 Jahren sind das nur eine Million Einwohner mehr, also elf Prozent. In 15 Jahren wird es mehr junge Franzosen als junge Deutsche geben.

Karl Brenke: Die Jugendarbeitslosigkeit ist kein individuelles Phänomen, sondern ein Spiegel der generellen Unterbeschäftigung in den einzelnen Ländern. Je höher die Arbeitslosigkeit insgesamt ist, desto höher auch die Jugendarbeitslosigkeit. In Deutschland haben wir aufgrund der guten Konjunktur eine gute Beschäftigungssituation. In manchen Ländern ist die wirtschaftliche Situation eben schwierig oder schwieriger geworden. In Spanien ist die normale Arbeitslosigkeit leicht geschmolzen und daher auch die Jugendarbeitslosigkeit leicht zurückgegangen.

 

Deutschland hat immer weniger Jugendliche. Ist es da nicht normal, dass die Arbeitslosenquote bei den Jugendlichen gering ist?

Guillaume Duval:  Zweifellos. Wenn keine Jugendlichen da sind, ist es einfacher, ihnen Arbeit zu vermitteln, als wenn viele da sind. Auch wenn das in anderen Ländern wie Griechenland und Italien nicht der Fall ist, wo es ebenfalls wenige Jugendliche gibt, die dennoch viele junge Arbeitslose haben.

Karl Brenke: Das stimmt. Aufgrund der demografischen Entwicklung haben wir in Deutschland weniger Druck auf dem Arbeitsmarkt. Dies gilt jedoch nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für die generelle Situation auf dem Arbeitsmarkt. Die Zahlen sind dennoch zu relativieren. In Ostdeutschland hat die Jugendarbeitslosigkeit abgenommen, dabei haben die Jobs kaum zugenommen.

 

Bleibt den deutschen Unternehmen manchmal nichts anderes übrig als junge Ausländer einzustellen?

Guillaume Duval:  Ja, das passiert in letzter Zeit häufig. Deutschland holt viele Jugendliche aus Krisenländern wie Italien, Griechenland und Portugal. Man könnte denken, das sei ein Lösungsvorschlag für die Krise in der Eurozone. Das Problem ist nur, dass die südeuropäischen Länder, in denen wenige Jugendliche wohnen, ihre qualifizierten Jugendlichen verlieren. Das ertragen ihre Wirtschaftssysteme nicht.

 

Gibt es einen Grund, dass es im deutschen System so gut läuft?

Guillaume Duval: Tatsächlich funktioniert die Integration junger Arbeitskräfte in Deutschland besser. Das liegt daran, dass in Deutschland 40 Prozent der Jungen nach der Berufslehre eine Stelle finden, in Frankreich sind es nur 10 Prozent. Das steigert automatisch ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt. In Frankreich möchte man es seit langer Zeit ähnlich machen, aber man sollte genau differenzieren, was „ähnlich machen“ heißt.  Die Berufslehre in Deutschland ist genau abgesteckt, mit Qualitätsgarantien, was die Ausbildung betrifft. Niemand verbringt die Zeit damit, die Werkstatt zu fegen. Und wenn sie in Deutschland eine Berufslehre beginnen, werden ihnen Perspektiven geboten. Sie können es weit bringen, wie der ehemalige Patron von Mercedes, der einst als Lehrling angefangen hat. In Frankreich bleiben sie vorerst unten auf der Leiter stehen. Das ist mit ein Grund, warum viele Jugendliche in Deutschland eine Berufslehre beginnen. In Frankreich sollte man anfangen, in den Unternehmen ein besseres Lernklima zu schaffen.

Karl Brenke: Wir haben immer noch eine Arbeitslosigkeit von gut 3 Millionen Menschen. Wir haben zwar auch für die Jugendarbeitslosigkeit gute Werte erzielt, aber in manchen Regionen ist das noch ein Problem. Im Osten, aber auch mancherorts im Westen wie im Ruhrgebiet beispielsweise. In manchen deutschen Regionen herrscht zu wenig Nachfrage nach Ausbildungsplätzen. Dass die Jugendarbeitslosigkeit in manchen europäischen Ländern doppelt so hoch ist wie die der Erwachsenen ist allerdings kein Phänomen, was wir erst seit der Krise haben. Das hatten wir schon davor. Die Ausbildungen in einigen Ländern sind zu wenig praxisorientiert. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es das duale System. Die Jugendlichen absolvieren drei Jahre eine Lehre, zum Teil im Betrieb, zum Teil in der Berufsschule. Sie haben dadurch viel Praxis und werden nach der Lehre oft vom Betrieb übernommen. In vielen anderen Ländern, in denen die Jugendlichen nur auf die Schule gehen, müssen sie bei Schulaustritt mit den qualifizierten Bewerbern konkurrieren und haben dabei oft das Nachsehen. Es ist also auch eine Frage des Ausbildungssystems um die Arbeitslosigkeit in der EU zu verringern. Das gilt nicht nur für Südeuropa, sondern auch für Osteuropa. In Ländern wie Spanien und Italien inspiriert man sich daher mittlerweile am deutschen System.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016