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João Havelange, der Fußball-Magnat

Länder: Monde

Tags: FIFA, João Havelange, Sepp Blatter

João Havelange stand von 1974 bis 1998 an der Spitze der FIFA und arrangierte in dieser Zeit die verhängnisvolle Verbindung zwischen Fußball und Geld. Der Brasilianer steht im Mittelpunkt der ARTE-Dokumentation „Die große FIFA-Story“.

Der 99-jährige João Havelange kann stolz auf sich sein: Der Weltfußballverband, den er bis ins späte 20. Jahrhundert nach seinen ultraliberalen Vorstellungen leitete, ist reicher denn je. Das Problem ist nur, dass gegen seine Nachfolger nun schwere Korruptionsvorwürfe vorliegen. Inzwischen ist sogar der vermeintlich unbesiegbare Sepp Blatter vom Thron gestiegen.

Geld gegen Stimmen

Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss man mehrere Jahrzehnte zurückblicken - genauer, in den Juni 1974. Wenige Tage vor dem WM-Auftakt in der Bundesrepublik schlug man hinter den Kulissen der Fußballwelt eine erbitterte Schlacht: Es sollte ein neuer FIFA-Präsident gewählt werden. Sir Stanley Raus wollte wieder antreten und glaubte fest an seinen Sieg. Der 79-jährige Brite war ein eingefleischter Fußballkenner, der sein fortgeschrittenes Alter und seine Verachtung für den afrikanischen Kontinent nur schlecht hinter seinem Ruf als redlicher Mann verbergen konnte. Auch seinen Konkurrenten João Havelange, einen brasilianischen Anwalt und Geschäftsmann, Chef des brasilianischen Fußballverbands und Vertrauter der machthabenden Militärs, behandelte er von oben herab. Doch der Brasilianer hatte einen Plan: Er wollte das Wahlsystem ausnutzen, das jedem Mitgliedsland ungeachtet seiner Größe eine Stimme zuerkennt. Er startete eine weltweite Wahlkampagne und stattete zunächst den sehr zahlreichen afrikanischen Fußballverbänden einen Besuch ab. Im Gepäck hatte er nicht nur den genialen Pelé, sondern auch ein paar Koffer voller Geld, mit dem er die Schulden der afrikanischen Organisationen  im Tausch gegen deren Stimmen begleichen wollte.
Anschließend fuhr Havelange in die UdSSR, wo er ähnliches Verhandlungsgeschick bewies und den Sowjetländern versprach, im Tausch gegen ihre Stimmen die Olympiabewerbung für Moskau 1980 zu unterstützen. Schließlich gewann er die Wahl gegen einen verblüfften Stanley Rous, der sich gar nicht erst die Mühe einer Kampagne gemacht hatte. Andere Generation, andere Sitten.

Der Reagan des runden Leders

Gleich nach seiner Wahl begann João Havelange mit der Umwandlung des Weltfußballs in ein kapitalistisches Produkt. In diesen frühen Stunden des Fernsehzeitalters beschloss er, die Übertragungsrechte der Spiele gegen hübsche Summen an die Sender zu verkaufen und nebenbei Geld mit Werbung, Sponsoring und Marketing einzunehmen. Alles drehte sich um das liebe Geld. „Wir haben sofort begriffen, dass jetzt ein neues Fußballzeitalter anfing. Mit Havelange wurde alles anders“, erklärte der Journalist Jacques Ferran, Gründer des „Ballon d’Or“. 1976 unterzeichnete der FIFA-Präsident eine Partnerschaft mit Coca-Cola, der mächtigsten Marke der Welt. Sechs Millionen Dollar bekam er dafür, dass sich alle Mitgliedsverbände bei jedem Event mit dem rot-schwarzen Logo zierten. So etwas gab es noch nie.
Etwa zeitgleich vernarrte sich João Havelange in Horst Dassler, den superreichen Adidas-Chef. Die berühmten drei Streifen waren nun bei jedem internationalen Fußballturnier zu sehen, und das Unternehmen machte Rekordgewinne. Mit zweifelhaften Methoden: „Zehn Jahre lang wurde kein einziger Vertrag unterzeichnet“, erklärt Ernesto Rodriguez, der Biograf von João Havelange. „Mit einem einzigen Händedruck wurde geregelt, was Adidas an die FIFA zahlen musste.“

Die Zeit der großen Geschäfte

Die Beziehung zwischen Dassler und Havelange wurde mit den Jahren immer enger, und bald waren geschäftliche und private Interessen kaum noch zu unterscheiden. 1982 gründete Dassler die Gesellschaft „International Sport and Leisure“ (ISL), welche die Lizenz- und Ausstrahlungsrechte jeder Weltmeisterschaft verwalten sollte. Fortan kaufte ISL der FIFA die Rechte ab, um sie an die Fernsehsender der ganzen Welt zu verteilen – und nebenbei eine nette Provision zu kassieren. Die Korruptionsvorwürfe häuften sich. Wie kam es, dass ISL bei jeder WM den Vorrang erhielt? Warum war die Ausschreibungspolitik so undurchsichtig? Die Antworten waren offensichtlich und wurden 2012 mit Beweisen belegt, als der Schweizerische Gerichtshof deutlich machte, dass 1,2 Millionen Euro von der ISL auf João Havelanges privates Konto geflossen waren. Dessen Nachfolger Ricardo Teixeira, der als „Tricky Ricky“ bekannt ist und dem brasilianischen Fußballverband vorsteht, hatte zudem über 10 Millionen Euro erhalten. Und er war nicht der einzige.
João Havelange war es übrigens auch, der die Weltmeisterschaft 1978 an das diktatorisch regierte Argentinien vergab. Die WM 1986 ging an Mexiko und war erstmals völlig privatisiert. Nichts von alldem konnte dem Brasilianer schaden. Erst ein Verrat zwang ihn 1998 dazu, nach 24-jähriger Herrschaft von seinem gemütlichen Thron zu steigen. Der Verräter, seine langjährige rechte Hand und ein enger Freund  von Horst Dassler, sollte ihn an der FIFA-Spitze ersetzen. Er hieß Sepp Blatter.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016