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Jemen: Menschenraub, Staatsstreich und Dschihadismus

Länder: Jemen

Tags: Dschihad, Menschenraub

Lange blieb Frankreich nicht verschont. Konnte sich die französische Regierung im Dezember noch über die Befreiung von Serge Lazarevic, der letzten französischen Geisel weltweit, freuen, erschüttert seit Dienstag ein neuer Fall das Land: es handelt sich um die Entführung der Französin Isabelle Prime, die derzeit noch viele Fragen offen lässt. Die Entführung wurde noch immer nicht bestätigt und eine Kontaktaufnahme mit den Geiselnehmern scheint angesichts der chaotischen politischen Lage im Land derzeit aussichtslos. Im Jemen sind nicht nur unterschiedliche Stämme und Milizen an der Macht. Auch die al-Qaida mischt im politischen Geschehen mit und trägt nicht gerade zu einer Entspannung der Lage bei.

Die Entführung geschah am helllichten Tage auf einer der belebtesten Straßen der Hauptstadt Sanaa. Als sich Prime gegen 8.30 Uhr gemeinsam mit ihrem jemenitischen Dolmetscher in einem Taxi auf dem Weg zur Arbeit befand, wurde sie an einem der städtischen Checkpoints aufgehalten und gefangen genommen. Doch bis jetzt stellten die Geiselnehmer noch keinerlei Forderungen. Deshalb versucht nun die Familie des Dolmetschers Shereen Makawi, die im Jemen vor Ort ist, mit den Entführern in Kontakt zu treten. In Frankreich allerdings tappt der Quai d’Orsay, der alles in seiner Macht stehende tut, um den Geiselnehmern auf die Spur zu kommen, noch im Dunkeln. Angesichts des politischen Chaos im Land gelang es den französischen Behörden bislang noch nicht, diplomatische Verhandlungen einzuleiten.

 

Abed Rabbo Mansur Hadi, ein Präsident im Exil


Abed Rabbo Mansur Hadi ist Sunnit und wurde am 4. Juni 2011, nach dem Sturz seines Vorgängers Ali Abdallah Saleh, vorläufiger Präsident des Jemen. Bis zu den Parlamentswahlen im Februar 2012 stellte er die Übergangsregierung. Als erster in der Geschichte wird er bei einer allgemeinen Wahl mit 99,8 % der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Am 22. Januar 2015 tritt er zurück, nachdem die Huthi-Miliz an die Macht gelangt ist. Nur wenige Tage später annulliert er seine Entscheidung, indem er sich als der alleinige Präsident präsentiert. Zu diesem Zeitpunkt befindet er sich bereits im Exil in Aden, im Süden des Landes.


Ein Land auf der roten Liste

Seit mehreren Monaten bereits steht der Jemen, das arabische Land mit 26 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von einer halben Millionen km², auf der roten Liste des französischen Außenministeriums. Infolge des Arabischen Frühlings im Jahr 2011 kam es zu einer politischen Wende, die im Chaos endete. Ein Präsident im Exil, der noch immer die Staatsmacht für sich beansprucht, und eine Miliz, die ihrerseits gewaltsam an die Macht zu gelangen sucht: eine Spaltung des Jemen scheint unausweichlich. Im September 2014 hat die schiitische Miliz Huthi die Hauptstadt Sanaa im Norden des Landes eingenommen und kurze Zeit später auch die politischen Institutionen in ihre Gewalt gebracht. Eine politische Umwälzung, die den jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi dazu veranlasst hat, sich in sein Anwesen im Süden des Landes zurückzuziehen. Zuvor wurde er für kurze Zeit von Huthi-Rebellen gefangen gehalten

900 Entführungen innerhalb von 15 Jahren

Die Vereinten Nationen haben zwar bereits verschiedenste Resolutionen veröffentlicht, in denen sie die Rebellen zu „einer Abgabe der Kontrolle an Regierungs- und Sicherheitskräfte“ aufrufen, geändert hat das bisher aber noch nichts. Viele westliche Länder haben deshalb bereits ihre Botschaften geschlossen und ihre Landsleute aufgefordert, so schnell wie möglich das Land zu verlassen. Auch Isabelle Prime, Beraterin der amerikanischen Firma „Ayala Consulting Corporation“, hätte in Kürze nach Frankreich zurückkehren sollen. Nun zählt die 30-jährige Frau zu den neun Entführungsopfern, die derzeit im Land gefangen gehalten werden. Nicht selten werden die Geiseln von den Stämmen benutzt, um Streitigkeiten mit den jemenitischen Behörden auszuhandeln. Im internationalen Kampf gegen Terrorismus stellt die al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) eine immer größere Gefahr für die westliche Welt dar.

 

Abdel Malek al-Huthi, Anführer der Huthi-Rebellen


Bereits sein Bruder, Hussein al-Huthi, kämpfte gegen eine politische und religiöse Randstellung der Schiiten im Norden des Landes. Nach dessen Tod übernahm Abdel Malek al-Huthi die Führung der Huthi-Rebellen. Die Miliz nennt sich „Ansar Allah“ und herrscht derzeit im ganzen Land vor. Sie kämpft vor allem gegen die Korruption und die Ausweitung der Terrorgruppe AQAP. Andere wiederum streiten den bewaffneten Kampf und die iranischen Beziehungen der Gruppe ab und glauben, dass die Huthi-Rebellen vielmehr die Interessen des gestürzten Präsidenten Ali Abdallah Saleh vertreten.

Milizen gegen Dschihadisten, Schiiten gegen Sunniten

Derzeit lässt sich nur schwer sagen, welche der beiden terroristischen Gruppen die Entführung der Französin plante: die Huthi-Rebellen oder die AQAP-Dschihadisten. Zwar sind sich die beiden Terrorgruppen über die Absetzung des jemenitischen Präsidenten, der sich im Kampf gegen den Terrorismus mit den USA verbündet hat, einig. Trotzdem kommt es regelmäßig zu Kämpfen zwischen der Miliz Huthi und der al-Qaida. Die Huthis sind Milizen der von Abdel Malek al-Huthi angeführten Gruppe „Ansar Allah“, die bereits seit zehn Jahren gegen die jemenitische Armee kämpft und glaubt, als einzige die gescheiterte Revolution von 2011 hätte retten können. Die zaiditischen und schiitischen Angehörigen der Huthi-Gruppe stehen unter dem Verdacht, finanzielle Unterstützung aus dem Iran zu erhalten. 

Auch die AQAP hat infolge des Arabischen Frühling an Macht gewonnen und ist seitdem im Süden und Osten des Jemen aktiv. Die sunnitischen Dschihadisten sind derzeit amerikanischen Drohnenattacken ausgesetzt, die sie trotzdem nicht daran zu hindern scheinen, immer mehr ausländische Kämpfer in ihren Trainingslagern auszubilden. Etwa so wie im Fall von Said Kouachi, einem der Charlie Hebdo-Attentäter von Paris.

 

„Der Jemen zerfällt vor unseren Augen“

Angesichts einer fehlenden legitimen Gewalt im Jemen könnte sich der politische Krieg schon bald in einen religiösen verwandeln.  Die Bevölkerung im Land setzt sich aus 55 % Sunniten und 45 % Schiiten zusammen. Laut UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon „zerfällt der Jemen vor unseren Augen“. Unter diesen Umständen scheint eine Befreiung von Isabelle Prime nur möglich, wenn endlich der richtige Verhandlungspartner gefunden wird.

 

Im September 2014 veröffentlichte Vice News eine Reportage über den Jemen und die verschiedenen politischen Gruppen, die derzeit das Land spalten: Huthi-Rebellen, AQAP und revolutionäre Kämpfer. Dem Jemen droht schon bald der Zerfall.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016