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Jeder Siebte Opfer sexuellen Missbrauchs

Länder: Deutschland

Tags: sexueller Missbrauch, Kinder, Pädophilie

Etwa jedes siebte Kind wird in Deutschland missbraucht, die meisten darunter sind Mädchen – so die neusten Zahlen der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. ARTE Journal liefert Zahlen zu den Fällen von Kindesmisshandlungen in der Bundesrepublik, spricht mit einem Missbrauchsopfer, das sich für eine Abschaffung der Verjährungsfrist einsetzt und sucht gemeinsam mit Professor Dr. Jörg Fegert nach Lösungsansätzen. 

"Un enfant sur sept est victime d’abus sexuels"
"Jedes siebte Kind ist Opfer sexuellen Missbrauchs" "Jedes siebte Kind ist Opfer sexuellen Missbrauchs"

 

Weltweit jedes 5. Mädchen und jeder 13. Junge Opfer sexuellen Missbrauchs

Eine repräsentative Studie der Ulmer Universitätsklinik wurde 2010 und noch einmal 2016 durchgeführt. Das Team um Prof. Dr. Jörg M. Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ist mit einem Fragebogen von Tür zu Tür gegangen, um rund 2.500 Menschen ab 14 Jahren mit Hilfe des sogenannten Childhood Trauma Questionnaire ("Fragebogen zu Kindheitstraumata", kurz CTQ) zu befragen. Der CTQ enthält 28 Aussagen wie zum Beispiel "Während meiner Kindheit und Jugend versuchte jemand, mich sexuell zu berühren" oder "Während meiner Kindheit und Jugend glaube ich, körperlich misshandelt worden zu sein". Befragte bewerten die Sätze anhand einer Skala von "trifft überhaupt nicht zu" bis "sehr häufig". 

Der Fragebogen gilt als verlässlich und wird mehr und mehr international eingesetzt. Vergleichbare Zahlen für etwa Frankreich gibt es allerdings noch nicht. Laut der "Association  de protection de l’enfance" ("Organisation für den Jugendschutz") wird etwa jedes achte Mädchen und jeder zehnte Junge vor dem 18. Lebensjahr Opfer sexuellen Missbrauchs. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass weltweit fast jedes fünfte Mädchen und jeder dreizehnte Junge sexuellen Missbrauch erleben.

 

 

Übersicht über die Missbrauchskandale der vergangenen Jahre

Was tun gegen den Missbrauch von Kindern?

Mit der Aufarbeitung großer Missbrauchsskandale ist das Thema längst nicht erledigt. In den allermeisten Fällen kommen die Täter aus der eigenen Familie oder dem Freundes- und Bekanntenkreis. Und sexuelle Gewalt an Kindern wird es wohl immer geben. Die Opfer brauchen also Schutz und Hilfe, um früher oder später ihr Trauma zu verarbeiten - so gut es geht.

In Frankreich liegen Pläne für mehr Hilfsangebote für die Opfer auf dem Tisch. In den Krankenhäusern soll es mehr zuständige Ärzte geben und mehr Verbände, die Missbrauchsopfern zur Seite stehen. Auch in Deutschland fühlen sich Opfer häufig allein gelassen. Was muss also getan werden? Das Thema dürfe keinesfalls totgeschwiegen werden, erklärt Professor Dr. Jörg Fegert der Ulmer Universitätsklinik. 

 

"Der Schutz von Kindern ist eine Daueraufgabe"
"Der Schutz von Kindern ist eine Daueraufgabe" "Der Schutz von Kindern ist eine Daueraufgabe"

Debatte um die Verjährungsfrist

In Deutschland und Frankreich wird über die Verjährung solcher Straftaten diskutiert. Ein Bericht für das französische Familienministerium plädiert für eine Verlängerung. Minderjährige Opfer von sexueller Gewalt sollen zehn Jahre länger Anzeige erstatten können, bis zu 30 Jahre nach ihrer Volljährigkeit.

In Deutschland hat die Politik die Rechte der Opfer nach den Missbrauchsskandalen gestärkt. 2013 verlängerte die damalige Bundesregierung die Verjährungsfrist im Zivilrecht von drei auf 30 Jahren. Im Strafrecht gilt die Verjährung schwerer Sexualstraftaten seit 2015 bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres.

 

Zuletzt geändert am 31. Mai 2017