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"Jede Bewegung ist lebensgefährlich"

Länder: Israel, Palästina

Tags: MSF, Gaza, NGO, Humanitäre Lage

Ärzte ohne Grenzen ist die einzige internationale medizinische Hilfsorganisation, die noch in Gaza arbeitet. Diese Arbeit ist extrem schwierig und gefährlich. Denn sowohl die Hamas als auch die israelische Armee verletzen grundlegende Menschen- und Bürgerrechte. Trotzdem engagieren sich internationale Ärzte und Ärztinnen für die verzweifelten Menschen in Gaza.

Besonders nachts ist der Stress groß.

 

ARTE Info: Wie sieht ein Arbeitstag eines Mitarbeiters von Ärzte ohne Grenzen in Gaza aus?

Tommaso Fabbri: Sein Einsatzradius ist eingeschränkt auf das Büro von Ärzte ohne Grenzen und das Al-Shifa-Krankenhaus. Er fährt höchstens zwei oder drei Mal pro Tag durch die Stadt, denn jede Bewegung ist lebensgefährlich. Die Stadt wird bombardiert, während er im Krankenhaus arbeitet, aber auch nachts, wenn er sich zu erholen versucht. Besonders nachts ist der Stress groß.

 

Wie viele Verletzte werden an einem Tag in Al-Shifa eingeliefert? 

Tommaso Fabbri: Schwer zu sagen, das hängt von der Intensität der Kämpfe ab. Ich kann als Beispiel sagen, dass unsere beiden Chirurgen am 28. und 29. Juli dreißig Schwerverletzte operiert haben. Die meisten Patienten sind Frauen und Kinder. 

 

Behandeln Sie auch verwundete Kämpfer?

Tommaso Fabbri: Wir behandeln alle, aber soweit ich weiß, sind die meisten Verletzten Kinder und Frauen. Die ersten Opfer sind ganz klar die Zivilisten.

 

Wie kommen die Patienten bis ins Krankenhaus?

Die Verletzen müssen warten, bis die Kämpfe aufhören, bevor sie in die nächstliegenden Versorgungsstellen kommen können.

 

Tommaso Fabbri: Wenn die Kämpfe intensiv sind – wie zum Beispiel in Dschabalija, dem größten palästinensischen Flüchtlingslager, im Nordosten des Gazastreifens – ist es für die Verletzten sehr schwierig, ein Krankenhaus zu erreichen. Sie müssen warten, bis die Kämpfe aufhören, bevor sie in die nächstliegenden Versorgungsstellen kommen können. Die schwersten Fälle werden dann an die Krankenhäuser weitergeleitet, wie eben Al-Shifa, das über eine Chirurgie verfügt, die mit Kriegssituationen Erfahrung hat.

Der "Palästinensische Rote Halbmond" – das Pendant unseres Roten Kreuzes - hat Rettungswagen und Sanitäter, die sich extrem gefährlichen Situationen aussetzen, wenn das Leben eines Verletzten in Gefahr ist. Die Sanitäter gehen hohe Risiken ein, wenn sie im unmittelbaren Kampfgebiet arbeiten. Aber der Großteil der Patienten sitzt in der Falle und muss abwarten, bis die Kämpfe vorbei sind. Manche Helfer versuchen, sie während der Kampfhandlungen zu erreichen, aber das ist sehr gefährlich. Die Kämpfe sind extrem intensiv und hart, der Versuch, zu Verletzten durchzukommen, ist lebensgefährlich. Es wurden bereits Rettungsfahrzeuge bei solchen Einsätzen getroffen und Helfer getötet. Wir verzeichnen zwei Tote und mehrere Verletzte.

 

Beide Seiten müssen die medizinische Versorgung gestatten. Es ist inakzeptabel, dass Zivilisten in einem Krankenhaus bombardiert werden.

 

Was sind die dringlichsten Probleme für Sie in Gaza?

Tommaso Fabbri: Unser größtes Problem ist eben ein sicherer Zugang der Zivilisten zu Behandlungsstellen. Beide Seiten müssen die medizinische Versorgung gestatten. Es ist inakzeptabel, dass Zivilisten in einem Krankenhaus bombardiert werden.

Wir fordern also Respekt vor den Zivilisten, den medizinischen Einrichtungen und ihrem Personal. Vier öffentliche Krankenhäuser wurden bereits getroffen, zuletzt das von Al-Shifa. Einer unserer Narkoseärzte war dort, als der Luftangriff erfolgte. So etwas ist eine klare Verletzung des Völkerrechts.
Es gibt bisher keine Opfer unter unserem unmittelbaren Personal, aber wir wissen, dass seit Dienstag Angehörige von Mitarbeitern verletzt wurden.

 

Was könnte Ihrer Ansicht nach den Respekt der völkerrechtlichen Bestimmungen zum Schutz der Zivilisten garantieren?

Ich glaube, eine Öffnung des Gazastreifens für die Zivilbevölkerung wäre ein erster Schritt zur Entspannung der hoch komplexen Lage.

 

Tommaso Fabbri: Ärzte ohne Grenzen verurteilt jede Verletzung des Völkerrechts scharf. Die internationale Gemeinschaft muss sich stärker engagieren und alle Konfliktparteien mit allen Mitteln vor ihre Verantwortung stellen. Wir erwarten ein Minimum an Achtung, das uns gestattet, sicher zu arbeiten. Die humanitäre Waffenruhe, die in aller Munde ist, ist eine überaus wichtige Atempause für die Bevölkerung, und die politischen Verhandlungen sind entscheidend. Humanitäre Feuerpausen sind notwendig, um den Opfern der Kriegshandlungen helfen zu können. Alle Konfliktparteien müssen das Völkerrecht einhalten, und es obliegt der internationalen Gemeinschaft, dafür zu sorgen. 

 

Was könnte zu einer Waffenruhe beitragen?

Tommaso Fabbri: Ich sehe, dass hier Zivilisten bombardiert werden, die keinerlei Fluchtmöglichkeit haben, weil sie in einem vierzig Kilometer langen und sechs Kilometer breiten Gebiet festsitzen. Es gibt hier zwei Millionen Bewohner, und sie können nirgendwo hin. Ihr Recht, sich ins Ausland zu flüchten, wird mit Füßen getreten. Ich glaube, eine Öffnung des Gazastreifens für die Zivilbevölkerung wäre ein erster Schritt zur Entspannung der hoch komplexen Lage. Aber wenn US-Außenminister John Kerry keine Lösung findet, wie soll ich dann eine finden?

 
Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016