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Jacques Chirac: 50 Jahre in der Politik

Länder: Frankreich

Tags: Jacques Chirac, Nachruf, Tod, Politik

In seinen Memoiren beschreibt sich Jacques Chirac als Provinzler, der das hauptstädtische Intrigenspiel nur schwer durchschaut und der ländlichen Corrèze-Region stets eng verbunden geblieben ist. Geboren wurde Chirac am 29. November 1932 jedoch … in Paris. 

Selbst die handfestesten und logischsten Argumente erweisen sich häufig als schwach, setzt man sie den komplexen und paradoxen Wirklichkeiten aus.“ 

Memoiren- Erster Band

Was wie ein Paradox klingt, illustriert bestens, wie sich der ehemalige französische Premierminister und Staatspräsident auf chamäleonhafte und überzeugende Art in der schnelllebigen und widersprüchlichen Welt der Politik behauptete.


Jacques Chirac ist ein schwieriges Kind und verbringt seine Schulzeit unter deutscher Besatzung weit weg von Paris. Wenn es um seine Kindheit und Jugend geht, betont er gerne, wie sehr er sich in den republikanischen, bäuerlichen Milieus der französischen Provinz verwurzelt fühlt. Als er nach Paris zurückkehrt, um an der renommierten Kaderschmiede ENA Politikwissenschaften zu studieren, kann der junge Chirac endlich seinen rebellischen Geist ausleben. Er meldet sich freiwillig für den Einsatz im Algerienkrieg. Am Ende seiner Dienstzeit hat er nur einen Wunsch: dem Militär beizutreten.

 

Einige Eckdaten

29. November 1932: Jacques René Chirac wird in Paris geboren.

16. März 1956: Chirac heiratet seine Kommilitonin Bernadette Chodron de Courcel, die auf sein Drängen und später sogar gern als Lokalpolitikerin im Département Corrèze Karriere macht.

1974-1976 und 1986-1988: Chirac ist französischer Premierminister.

1977-1995: Chirac ist Bürgermeister von Paris.

1995-2007: Chirac ist französischer Staatspräsident (zweifache Amtszeit). 

Chirac als Modernisator der französischen Politik

Chirac hat noch vor seiner Abreise nach Algerien geheiratet und wird bald darauf Vater zweier Töchter, Laurence und Claude. Seine Entscheidung für eine Laufbahn in Verwaltung und Politik begründet er mit dem Wunsch, seine Eltern zufriedenzustellen und seiner neuen familiären Verantwortung gerecht zu werden. Im Jahr 1962 wird Chirac ins Kabinett von Georges Pompidou aufgenommen. Unter dessen Obhut beginnt er seine 50-jährige Laufbahn als Politiker. Sprosse für Sprosse erklimmt er – und dabei nicht immer geradeaus – die Stufenleiter der Macht.

Ob Jacques Chirac je einer Ideologie gefolgt ist, ist schwer zu sagen. Anpassungsfähig wie ein Chamäleon, unterstützte er einerseits den Stockholmer Aufruf gegen Atomwaffen 1950 und segnete andererseits 1995 die Atomversuche im pazifischen Ozean ab. Sein einzig konsequentes Konzept ist das Bekenntnis zum Gaullismus mit ausgeprägter Staatsgewalt und unabhängiger Außenpolitik: Mit diesem Postulat kann er seine Handlungen stets auf persönliche Freundes- oder Feindesbeziehungen stützen.

Unter Jacques Chirac befürwortet der rechten Flügel die Abschaffung der Todesstrafe, den vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch und die Abkehr vom radikalen Wirtschaftsliberalismus. Doch die politischen Konfrontationslinien verschwimmen dabei immer mehr – so lange, bis Jean-Marie Le Pen am 21. April 2002 den Sozialisten Lionel Jospin im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen ins Abseits drängt. Und bald versinnbildlicht Jacques Chirac auch die negativen Folgen einer langen Politikerkarriere: Ämterhäufung – Chirac war zwischen 1986 und 1998 gleichzeitig französischer Premierminister und Bürgermeister von Paris – und finanzpolitische Affären wie die Schaffung fiktiver Posten in der Pariser Stadtverwaltung. 

 


Ein "Vernunfteuropäer"

In seinen Memoiren geht es in dem Kapitel zu seiner Sicht auf Europa vor allem um … Landwirtschaft. Auch hier steckt Chiracs Werdegang voller Widersprüche. Sein berühmtestes anti-europäisches Manifest ging als „Appel de Cochin“, benannt nach dem Krankenhaus, in dem der damalige Premierminister nach einem Verkehrsunfall behandelt wurde, in die Geschichte ein: Darin attackierte Chirac Giscard und andere Zentrumspolitiker, die 1979 erstmals für direkte Europawahlen gestimmt hatten. Er geht sogar so weit, diese Stimmen als „Auslandspartei“ zu bezeichnen. Dass es sich dabei um eine klare Übertreibung handelte, will Chirac auch Jahre später nicht einräumen. In seinen Memoiren schiebt er die Attacken recht unelegant einem Mitstreiter in die Schuhe, der den Text für ihn verfasst habe, als er selbs von den Folgen des Krankenhausaufenthalts geschwächt war.

Als strikter Gegner eines gemeinsamen Europas widersetzt sich Chirac in den 1980er Jahren dem Beitritt Griechenlands, Portugals und Spaniens und schreibt, er fühle sich der britischen Premierministerin Margaret Thatcher verbundener als Bundeskanzler Helmut Kohl. Erst der Fall der Mauer überzeugt ihn 1989 von der Notwendigkeit des europäischen Aufbauwerks. 1992 kämpft er für den Vertrag von Maastricht und gibt sich bei den Verhandlungen von Nizza als Vorreiter der Europäischen Verfassung. Als diese in einem Volksentscheid vom 29. Mai 2005 abgelehnt wird, beginnt sein politischer Stuhl zu schwanken. Er hatte nicht verstanden, dass die außergewöhnlichen Umstände seiner Wiederwahl 2002 die Verpflichtung beinhalteten, die Franzosen unter sich zu einen.

 


Der Präsident des französischen Niedergangs?

Beschleunigt wird das schleichende Ende der Chirac-Ära durch die Unruhen in den Pariser Vorstädten 2005. Die Debatte der französischen Intellektuellen über den Niedergang ihres Landes und der Zusammenstoß mit George W. Bush tragen dazu bei, dass neoliberale Milieus und die britische Presse Frankreich während Chiracs zweiter Amtszeit (2002-2007) als gelähmtes, amerikafeindliches Land wahrnehmen.

Kann man Chirac als innovationsfeindlichen Konservativen bezeichnen? Als guter Gaullist war er ein Gegner unkontrollierter Veränderungen. In seiner Abschiedsrede ans Volk versichert Chirac im März 2007, Frankreich werde mit seinem Gesellschaftsmodell noch für Überraschungen sorgen und stets zu denen gehören, die das Schicksal der Welt mitbestimmen.

 




Luis Bouza Garcia
Koordination und Überarbeitung Claire A. Poinsignon

 

 

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- Die BBC zieht Bilanz

Chirac von A bis Z auf arte.tv

Sumo, Sanskrit und Sülze

Buch zum Thema

Jacques Chirac: Tragödie eines Mannes und Krise eines Landes
Autor: Franz-Olivier Giesbert
Verlag: Econ (1. Juli 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3430300142
ISBN-13: 978-3430300148



 

In seinen Memoiren erklärt Chirac, er gestehe seine Liebe zur Dichtkunst nicht gerne ein. Als 16-jähriger wie als Präsident hielt er eine einzige Schublade seines Schreibtischs stets verschlossen: die mit den Gedichtbänden. Bei der Wahl seiner kulturellen Interessen ist Chirac sorgfältig bis exzentrisch: Mit 17 studiert er fernöstliche Kulturen und will Sanskrit lernen, später begeistert er sich für Japan und erklärt, von den Sumo-Ringern könnten Politiker einiges lernen, da es bei dieser Tradition vor allem darum ginge, den Gegner richtig einzuschätzen und niemals aufzugeben. Am bekanntesten ist seine kulinarische Vorliebe für Sülze, die er gerne zur Schau stellt, um seine Verbundenheit mit dem traditionellen Frankreich zu betonen.

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 27. September 2019