Ja, nein, jein: Politik auf belgisch

Länder: Belgien

Tags: Flamand, Wallon

Vom "belgischen Kompromiss" spricht man meist schmunzelnd oder herablassend. Doch im Laufe der Jahre hat sich diese ungewöhnliche Verhandlungstechnik, die zu unerwarteten Einigungen mit politischen Gegnern führen kann, als förderliche Maßnahme für Demokratie und Gemeinwohl erwiesen. Die Doku bietet einen spielerisch-frechen Einblick in die "belgische Kunst des Kompromisses".

Ein Gespräch mit der Regisseurin Marie Mandy

 

Dienstag, 27. Mai

22:25

Ja, nein, jein: Politik auf Belgisch

Vom "belgischen Kompromiss" spricht man meist schmunzelnd oder herablassend. Doch im Laufe der Jahre hat sich diese ungewöhnliche Verhandlungstechnik, die zu unerwarteten Einigungen mit politischen Gegnern führen kann, als förderliche Maßnahme für Demokratie und Gemeinwohl erwiesen. Die Doku bietet einen spielerisch-frechen Einblick in die "belgische Kunst des Kompromisses".

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über den belgischen Kompromiss zu machen?

Marie Mandy: In den Jahren 2010 und 2011 hatte Belgien insgesamt 541 Tage keine Regierung, denn die Wahlsieger konnten sich nicht auf eine Koalition einigen. Jeder dachte, dass die Zeit des „belgischen Kompromisses“ längst vorbei sei… Und plötzlich war er wieder in aller Munde. Da ist mir klar geworden, dass für Belgier der politische Kompromiss ein ganz natürlicher, selbstverständlicher Begriff war, den jedoch keiner so richtig definieren kann. Für Nicht-Belgier ist das Konzept dahinter vollkommen undurchschaubar. Ich bekam Lust, die Funktionsweise dieser Kunst des Kompromisses zu erklären, die einen Pakt mit dem politischen Gegner möglich macht. Und das Konzept funktioniert wirklich, obwohl es zeitweise ziemlich surrealistisch ist. Manchmal kann es sogar in andere Länder übertragen werden. Daher habe ich einige Politiker – wahre „Kompromiss-Mechaniker“ – gebeten, sich damit zu befassen und deren Aussagen anschließend Experten zur Einordnung vorgelegt.

 

Sie sind Belgierin, leben jedoch seit Jahren in Frankreich. Hat Ihnen dieser Abstand bei der Aufarbeitung des belgischen Kompromisses geholfen?

Für Menschen, die in Belgien leben, gehört der Kompromiss zum Alltag, daher hält man sich nicht lange damit auf. Von Frankreich aus, aus einem sehr konservativen Land, erschien mit der Kompromiss als etwas sehr Wertvolles; eine wirklich interessante Alternative zu einer strikten Spaltung in zwei Lager, die sich im Laufe der Jahre immer fester etabliert hat. Als ich mit meinen Arbeiten zu diesem Film begann, habe ich mehrfach Franzosen erklären müssen, was der belgische Kompromiss überhaupt ist. Zum Beispiel die Suche nach einem gemeinsamen Nenner, für den jede Seite bereit ist, etwas „nachzugeben“. Der Gedanke, dass man nicht der einzige ist, der Recht hat. Dass man lernen muss, die Forderungen des anderen anzuhören. Und dass jeder mit dem Gefühl aus den Verhandlungen gehen wird, dass er bekommen hat, was er wollte. Dieses ständige Erklären hat mir für den Film viel geholfen. Übrigens wollte ich konkrete Kompromisssituationen mit Archivbildern veranschaulichen. Am beeindruckendsten war wohl die 24-stündige „Regierungsunfähigkeit“ von König Baudouin im Jahr 1990, die es dem Parlament ermöglichte, das Abtreibungsgesetz zu verabschieden, ohne den tiefreligiösen Monarchen in Gewissenskonflikte zu bringen. Ich habe versucht, diesen Sinn für Kompromisse im Film für den Zuschauer „spürbar“ zu machen.

 

Wann kam Ihnen die Idee mit Zinneke einen Hund zum Erzähler zu machen?

Bevor der belgische Kompromiss die Politik eroberte, war er bereits als Geisteshaltung vorhanden, und die wollte ich verkörpern. Spätestens seit es Struppi und Rantanplan gibt, haben die Belgier eine Schwäche für schräge Hunde. Deswegen dachte ich, dass eine Promenadenmischung – auf brüsselerisch „Zinneke“ –, ein „Kompromiss von einem Hund“, der perfekte Erzähler wäre. Der andere Grund für die Wahl dieser Erzählkonstellation war, dass jeder Politikerin, dem man ein Mikrofon in die Hand gibt, erst einmal sich selbst ins beste Licht rücken würde. Egal, worum es geht, werden diese Männer und Frauen stets behaupten, dass all diese Erfolge nur ihnen selbst und keinem anderen zu verdanken sind. Ein Hund kann sich als Erzähler über sie lustig machen, was bei einer menschlichen Stimme aus dem Off schon delikater wäre. Daher war der Zinneke die perfekte Lösung für einen gleichzeitig frechen und lustigen Film. Außerdem brauchte ich ein lockereres Gegengewicht zu meinem ernsten Thema. Und was wäre da besser als ein kleiner Mischlingshund, der Belgien beschnüffelt, die Schuhe von Politikern ableckt und das Paradox des belgischen Kompromisses ausbuddelt?

 

In Ihrem Film behandeln Sie den belgischen Kompromiss vor Allem in seiner politischen Dimension. Wie tritt er im Alltagsleben auf?

Man könnte es als die Kunst der „Zwischenlösung“ bezeichnen. Im Alltag finden die Belgier häufig einen dritten Weg oder einigen sich auf eine Mischung aus mehreren Möglichkeiten. Bei uns gibt es ein Getränk namens „half en half“, das zur Hälfte  aus Sekt und zur Hälfte aus Weißwein besteht. Der berühmte Palast der Schönen Künste, der „Palais des Beaux-Art“ des Architekten Victor Horta heißt seit einigen Jahren “ in Anlehnung an die phonetische SMS-Sprache offiziell „BOZAR. Eine elegante Lösung um mehrsprachige Benennungen zu vermeiden. Seitdem gehen auch Engländer und Flamen zum BOZAR… Denn ein guter Kompromiss, das ist eine Lösung, mit der hinterher alle zufrieden sind.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016