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Italien: Schreckgespenst Homo-Ehe

Länder: Italien

Tags: Homosexualität, Homoehe, Adoption, Menschenrechte

Was in allen großen europäischen Ländern inzwischen zum Alltag gehört, ist in Italien weiterhin verboten: gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Am 28. Januar hat der italienische Senat über einen Gesetzesvorschlag debattiert, der vorsieht, homosexuelle Partnerschaften nach deutschem Modell anzuerkennen. Eine Revolution im konservativen Italien, wo Kirche und Politik eng verflochten sind. Dementsprechend umstritten ist die Reform, über die der Senat nun Mitte Februar abstimmen soll. ARTE Info hat mit Italien-Korrespondent Gustav Hofer über die Debatte gesprochen.

Zehntausende demonstrierten am vergangenen Wochenenden in mehr als 100 Städten Italiens. Ihr Motto: "Italien wach auf", ihr Anliegen: ein rechtliche Grundlage, auf der gleichgeschlechtliche Paare eine Lebensgemeinschaft eingehen können, eine sogenannte "Unione Civile" (ziviler Zusammenschluss). Das hatte Regierungschef Matteo Renzi in seinem Wahlprogramm versprochen. Sein Versprechen will er nun einlösen, wenn er den Gesetzesentwurf der sozialdemokratischen Senatorin Monica Cirinna unterstützt. 

 

Expired Rights

50.000 Demonstanten gingen am 27. Juni 2015 in Milan auf die Straße um Rechte für Menschen jeglicher sexueller Orientierung einzufordern.

 

Die Diskussion ist nicht neu. Bereits seit 30 Jahren wird in parlamentarischen Kommissionen über gleichgeschlechtliche Partnerschaften diskutiert. Nun ist es das erste Mal, dass es zu einer Abstimmung kommen wird."

Gustav Hofer

Welche Rechte für Homosexuelle?

Die Reform würde homosexuellen Paaren ähnlich wie in Deutschland eine Reihe von Rechten zusprechen, unter anderem was Sozialleistungen angeht. Auch sollen Homosexuelle den Namen ihres Partners annehmen und dessen Kinder adoptieren können, wenn diese kein anderes anerkanntes Elternteil haben. Schließlich soll im Todesfall der Partner eine Rente erhalten. Konkret heißt das: Herr und Herr Rossi haben die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare, während die gemeinsamen Kinder im Garten spielen.

 

Streitthema Homo-Ehe in Deutschland

In der Bundesrepublik können homosexuelle Paare ihre Lebenspartnerschaft eintragen lassen. Beim Thema Homo-Ehe sehen die Konservativen allerdings rot. 

Konservative und Kirche schlagen Alarm

Bei dieser Vision, die heute überall in Europa Realität ist, erschrickt so manch Konservativer. Gegenwind kommt dabei nicht nur aus den Reihen der katholischen Kirche. Die "Forza Italia" von Silvia Berlusconi stellt sich quer. Und auch konservative Politiker der sozialdemokratischen Regierungspartei (PD) steuern dagegen. Ihnen geht vor allem die Adoption von den Kindern des Partners zu weit. Auch wollen sie jegliche Form von Leihmutterschaft unter Strafe stellen.

Italien ist zwar ein laizistisches Land, aber der Einfluss des Klerus ist weiter extrem hoch."

Gustav Hofer

Den Grund für die ablehnende Haltung der Politik sieht ARTE-Korrespondent und Regisseur von "Suddently Last Winter" Gustav Hofer in ihrer engen Beziehung zur Kirche. "Diese starke Bindung ist vielleicht die größte Schwäche der italienischen Politik. Sie hat Angst, sich gegen die Kirche zu stellen. Auch ist die italienische Gesellschaft sehr konservativ. Sie hat große Schwierigkeiten damit, Neues zu akzeptieren. Das spiegelt sich in der Politik wider. Die ist nicht fähig, den Bedürfnissen der Bevölkerung und der sozialen Realität Folge zu leisten. Sie ignoriert sie einfach."

 

Die Gesetzgebungen zur Homo-Ehe in Europa

Wie gehen die anderen europäischen Länder mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften um? Klicken Sie sich durch unsere interaktive Karte

Der gespaltene Volksmund

Auch die Bevölkerung ist sich uneins. Laut italienischen Medienberichten ist zwar eine Mehrheit der Bürger für eine Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Ein Großteil lehnt aber das Adoptionsrecht für Schwule und Lesben ab. Ein Grund dafür sei, dass viele falsch informiert seien, so Hofer. "Homosexuelle sollen das Recht haben, das Kind ihres Partners zu adoptieren. Es handelt sich also um eine Stiefkind-Adoption, nicht um ein allgemeines Adoptionsrecht. Die Bevölkerung denkt aber, alle Homosexuelle könnten nun frei Kinder adoptieren. Das stimmt nicht.  

Erst im Juni 2015 demonstrierten zehntausende Italiener mit Bannern "Verteidigen wir unsere Kinder" gegen die Anerkennung der homosexuellen Lebenspartnerschaft.

 

Expired Rights

"Das ist keine Familie" steht auf dem rechten T-Shirt. Es ist einer des Slogans, der die Demonstration am 20. Juni 2015 in Rom gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften dominiert. 

 

Nach außen hin will Renzi ein Italien zeigen, das die Menschenrechte achtet, das nach vorne blickt, das stark ist."

Gustav Hofer

Hat die Reform eine Chance? 

Will Renzi reüssieren, ist Feingefühl und politisches Kalkül gefragt: Der Regierungschef betonte mehrmals, das Gesetz habe Priorität. Um sicher zu gehen, dass es ihm politisch nicht das Genick bricht, ließ er es jedoch vom Senat ausarbeiten, nicht von der Regierung. 

Dennoch geht es um Renzis Glaubwürdigkeit – innerhalb Europas, aber auch seiner eigenen Partei. "Nach außen hin will er ein Italien zeigen, das die Menschenrechte achtet, das nach vorne blickt, das stark ist." Auch will Renzi auf die linken Wähler seiner sozialdemokratischen Partei zugehen. Sie hatte er mit seiner Arbeitsmarktreform vergrault, so Hofer. Er hält es für möglich, dass die Reform verabschiedet wird: "Renzi braucht eine Mehrheit für dieses Gesetz, denn er will sich als der große Reformator präsentieren."  

 

 

Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Europa

Italien ist das letzte Land in Westeuropa, das gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht rechtlich anerkennt. Erfahren Sie mehr über die rechtliche Situation in einzelnen europäischen Staaten, indem sie auf die Länder klicken.  

Zuletzt geändert am 26. Januar 2017