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Italien in der Sackgasse – Deutschland in der Pflicht?

Länder: Italien

Tags: Verfassungsreform, Wirtschaft

Der ehemalige UN-Chefvolkswirt Heiner Flassbeck ist zutiefst um den Fortbestand der EU besorgt. Der Ausgang des Referendums in Italien mache deutlich, dass sich die drittgrößte Volkswirtschaft der EU in einer Sackgasse befinde, aus der sie nicht alleine herausfinden könne. Italien ist seit 6 Jahren in der Rezession und hat 2.000 Milliarden Euro-Staatsschulden angehäuft. ARTE Thema hat mit Heiner Flassbeck über mögliche Wege aus der Krise gesprochen.

ARTE THEMA: Herr Flassbeck, was kommt jetzt auf Italien zu?

Heiner Flassbeck: Italien ist in einer Sackgasse. Selbst einer neuen Regierung werden die Hände gebunden bleiben. Sie wird genauso eingeschränkt handelsfähig sein wie die von Renzi. Wenn man das zu Ende denkt, ist dann der einzige Ausweg, der dem Volk irgendwann bleibt, die Revolte gegen die EU.

 

Warum gegen die EU?

Heiner Flassbeck: Der Druck aus Brüssel, immer noch mehr zu sparen, ist kontraproduktiv. Das Land kann nur durch Wachstum in der gesamten Eurozone aus dem Sumpf gezogen werden.

Schäuble und Merkel haben nur noch wenige Monate Zeit, Europa zu retten.

Heiner Flassbeck

 

Sie sehen in der aktuellen Situation Deutschland in der Pflicht.

Heiner Flassbeck: Ja, die wirtschaftsstärkste Volkwirtschaft der EU ist jetzt gefragt. Das heißt Schäuble und Merkel. Sie haben nur noch wenige Monate Zeit, Europa zu retten.

 

Was würden Sie denn heute dem deutschen Finanzminister am liebsten sagen?

Heiner Flassbeck: Ich würde sagen „Herr Schäuble, hören Sie endlich auf, von der schwarzen Null zu träumen. Nehmen Sie 100 Milliarden Euro pro Jahr vom Kapitalmarkt auf und investieren Sie. Sonst bricht Europa zusammen!“

 

Wenn Deutschland investiert, können die anderen Länder mehr nach Deutschland importieren.

Heiner Flassbeck

Wo soll Herr Schäuble denn investieren?

Heiner Flassbeck: Es gibt genug Baustellen in Deutschland: Bildung, ökologische Infrastruktur, Verkehrsinfrastruktur. Man kann das Geld auch für europäische Projekte ausgeben, umso besser. Wenn Deutschland investiert, können die anderen Länder mehr nach Deutschland importieren. Zudem werden dann in Deutschland die Löhne stärker steigen, was wiederum die Importe anregt und die italienische Wettbewerbssituation verbessert.

 

Warum soll Deutschland investieren und nicht die Privatwirtschaft?

Heiner Flassbeck: Der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi hat mit seiner Zinspolitik versucht, die privaten Investitionen zu steigern. Aber die Unternehmen weigern sich ja leider zu investieren und sich zu verschulden -  selbst bei Nullzinsen. Jetzt ist der Staat also in der Pflicht - und da denke ich natürlich an Deutschland - viel, sehr viel Geld auszugeben. Das Geld kann so günstig wie nie am Kapitalmarkt aufgenommen werden.  

 

Und warum soll Deutschland vorpreschen?

Heiner Flassbeck: Weil nur Deutschland es sich im Moment leisten kann. Wenn Deutschland konsequent jedes Jahr 100 Milliarden Euro investiert und die Löhne in Deutschland endlich wieder steigen, dann können wir den Aufschwung schaffen. Dann ist in 10 Jahren Europa gerettet.

Zuletzt geändert am 6. Dezember 2017