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Italien: Der Regenbogen wehrt sich

Länder: Italien

Tags: Queer, LGBTI, Homophobie, Fontana, Lega Nord, CSD, Regenbogen, Rainbow

Der neue italienische Familienminister Lorenzo Fontana hat sich gleich zum Beginn seiner Amtszeit homophob geäußert. In einem Interview leugnete er die Existenz von Regenbogenfamilien. Die LGBTI-Gemeinschaft ist empört.

Noch nicht eine Woche im Amt zeigt sich die neue italienische Regierung schon von ihrer hässlichsten Seite. Die rechtsextreme Lega darf als Koalitionspartner der populistischen 5Sterne-Bewegung unter anderem den Innen-, Familien- und Europaminister stellen. Und die frisch Ernannten lassen an ihren rechten Überzeugungen nicht zweifeln: Während Matteo Salvini, Innenminister und Lega-Chef, gegen Geflüchtete hetzt und sie am liebsten gleich zu Hunderttausenden aus dem Land ausweisen will, hat sich Familienminister Lorenzo Fontana eine andere Minderheit herausgepickt: Regenbogenfamilien – Familien also, die nicht der erzkonservativen Vater-Mutter-Kind-Vorstellung des Lega-Politikers entsprechen. In einem Interview am vergangenen Samstag antwortete er auf die Frage, was er für homosexuelle Elternpaare tun wolle, mit der Gegenfrage: "Existieren Regenbogenfamilien?" Auf den Einwurf des Journalisten, dass es sehr viele in Italien gebe, sagte Fontana: "Gesetzlich existieren sie derzeit nicht."

Es ist nicht das erste Mal, dass Lorenzo Fontana seine Homophobie offen zur Schau stellt. Nach Angaben des Onlinemediums queer.de bezeichnete sich der 38-Jährige Politiker als "Kreuzzügler" gegen den Christopher Street Day. Gender-Theorie und Homo-Ehe bedrohen für ihn die "natürliche Familie" und das italienische Volk. Und auch zu Frauenrechten hält er nicht mit reaktionären Meinungen zurück: Um die Geburtenrate anzukurbeln, kündigte er kürzlich an, die Zahl der Abtreibungen mit politischen Mitteln verringern zu wollen.

 

Der lange Weg zur Lebenspartnerschaft: Schon 1986 wird in Italien der erste Gesetzesentwurf zur gleichgeschlechtlichen Verpartnerung eingebracht - das Parlament lehnt ab. 2004 kommt das Thema wieder auf, doch unter Berlusconi? Keine Chance. Dennoch werden die Homosexuellenrechte mit wichtigen Rechtssprechungen gestärkt. 2014 unternimmt Ministerpräsident Matteo Renzi einen weiteren Versuch: Nach zwei Jahren und nach viel Gegenwind wird im Mai 2016 tatsächlich für das Gesetz zur homosexuellen Lebenspartnerschaft gestimmt - auf der Strecke bleibt das Adoptionsrecht, für das bis heute gekämpft wird.

 

Gabriele Piazzoni, Vorsitzender des Verbandes Arcigay für LGBT-Rechte, hält Fontanas jüngsten diskriminierenden Ausfall für gefährlich. Zwar habe die Lega schon immer gegen Homosexuelle gehetzt, wie allgemein gegen alles Andersartige, doch selten seien den Worten auch politische Taten gefolgt. Aber: "Wenn ein Minister so redet, legitimiert das Diskriminierung und Homophobie in der Gesellschaft."

Gabriele Piazzoni
©Gabriele Piazzoni

Bild: Gabriele Piazzoni, Vorsitzender von Arcigay, hofft auf starke Mobilisierung im Pride-Monat Juni.

 

Im Netz fallen die Gegenreaktionen nach Fontanas Interview laut und bunt aus: Auf Twitter drehen die Nutzer mit dem Hashtag #FontanaNonEsiste den Spieß um und sehen keinen Grund, an die Existenz Fontanas zu glauben.

"Ich habe gerade noch einen Regenbogen gesehen. Gilt das? Oder heißt das, dass ich ihn mir eingebildet habe? #regenbogenexistiertnicht #fontana #fontanaexistiertnicht"

 

Die Popsängerin Emma Marrone schließt sich mit dem Hashtag #ArrestateciTutti, "Verhaftet uns alle", und einem Foto von einer Demonstration dem Kampf für LGBTI-Rechte an.

Versehen mit dem Hashtag #noiesistiamo, "wir existieren", werden persönliche Regenbogenbilder gepostet.

"#WirExistieren und wollten, du würdest nicht existieren!"

 

Die Proteste sollen nicht digital bleiben. Der Juni, traditioneller Gaypride-Monat, bietet mit 28 Pride-Märschen und Christopher Street Days Gelegenheit zum Demonstrieren. Gabriele Piazzoni hofft auf eine starke Botschaft: "Wir müssen der Regierung klarmachen: Ihr rührt nicht unsere Rechte an!" Im Sommer werde sich dann zeigen, auf welche Politik sich die Koalitionspartner einigen. Denn im Gegensatz zur Lega hatte die 5Stelle-Bewegung im Wahlkampf noch für mehr Gleichstellung geworben und sich für das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare ausgesprochen – ein Versprechen, das den Koalitionsverhandlungen zum Opfer fiel. Dennoch könnte die Partei ein Gegengewicht darstellen, muss es in Piazzonis Augen sogar: "Die 5Stelle-Bewegung ist momentan die einzige politische Kraft, die eine Anti-LGBT-Gesetzgebung aufhalten könnte."

Zuletzt geändert am 5. Juni 2018