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Ist Sepp Blatter noch tragbar?

Länder: Schweiz

Tags: FIFA, Fussball, Korruption

Joseph Blatter ist an diesem Freitag, den 29. Mai, in Zürich für eine weitere Amtszeit als Präsident der FIFA (Fédération Internationale de Football Association) bestätigt worden. Gleich nach seiner Wiederwahl übernahm der FIFA-Präsident die Verantwortung für den jüngsten Korruptionsskandal. Etwas überraschend kam dann doch die Ankündigung Blatters, Pläne zur Image-Aufpolierung des Fußball Weltverbandes präsentieren zu wollen.

Am Mittwoch waren insgesamt sieben hohe FIFA-Vertreter in Zürich festgenommen worden, darunter die beiden Vizepräsidenten Jeffrey Webb von den Kaimaninseln und Eugenio Figueredo aus Uruguay. Sie und 12 weitere Verdächtige werden von US-Justizbehörden unter anderem der Korruption und Geldwäsche in mehreren Fällen beschuldigt. Hierbei handelt es sich insbesondere um Schmiergeldzahlungen im Zuge der Austragung mehrerer Fußballturniere der Verbände CONMEBOL (Südamerika) und CONCACAF (Nord- und Mittelamerika) zwischen 1996 und 2015. In Hinsicht auf die Vergabe der FIFA-WM-Turniere an Russland 2018 und an Katar 2022 haben die Schweizer Justizbehörden im November 2014 ein weiteres Verfahren wegen Korruption, Betrug und Geldwäsche eröffnet.

 

 

 

Interview mit Sylvia Schenk zum Korruptions-Skandal in der FIFA. Die Juristin und ehemalige Leichtathletin ist Leiterin der Arbeitgruppe „Sport“ bei Transparency International Deutschland. Sie fordert weitere Reformen bei der FIFA und glaubt, dass eine weitere Amtszeit Joseph Blatters der FIFA schaden würde.

 

neu

ARTE Journal: Die Ermittlungen gegen ranghohe FIFA-Funktionäre in der Schweiz und in den USA offenbaren ein System von erheblicher krimineller Energie, das über Jahrzehnte funktioniert hat. Kurz vor der erwarteten Wiederwahl Joseph Blatters zum FIFA-Chef kam es nun zu den spektakulären Festnahmen in Zürich. Zufall?

Sylvia Schenk: Das ist kein Zufall. Die US-Behörden haben ja offensichtlich gewartet, bis mehrere der Beschuldigten in der Schweiz sind. Und zum anderen ist das natürlich so kurz vor der Wahl und vor dem Kongress sehr spektakulär und kann auch nochmal Auswirkungen haben auf das, was bei dem Kongress der FIFA abläuft.

Die Beschuldigten stammen aus Süd- und Mittelamerika, zwei davon aus dem Steuerparadies Cayman-Inseln. Handelt es sich dabei um regional begrenzte Machenschaften oder um ein globales System?

Sylvia Schenk: Es ist zumindest zunächst einmal auf den Kontinent beschränkt. Die Ermittlungen der US-Justiz gehen erst einmal um die Vorgänge, die sich in Nordamerika bzw. Süd- und Mittelamerika zugetragen haben. Von dort kommen auch all die Beschuldigten. Und schon seit längerem war bekannt, dass dort ermittelt wird. Viele der Personen, die jetzt verhaftet wurden bzw. beschuldigt werden, waren bereits bekannt dafür, dass es dort erhebliche Vorwürfe gibt. Es hat sicherlich auch global Vorfälle gegeben, aber ob aus diesen Ermittlungen heraus etwas festgestellt werden kann, weiß ich nicht. Es geht ja auch, soweit es um Korruption geht, um Bestechungen, die von US-Firmen vorgenommen wurden. Man muss immer sehen, dass Bestechung zwei Seiten hat. Es sind ja nicht nur die Fußballfunktionäre, sondern auch auf der anderen Seite Unternehmen - Medienunternehmen, Marketingunternehmen in diesem Fall - die da voll mit drinstecken und zum Teil ja auch schon gestanden haben. Diese Unternehmen sind wohl nicht auf dem globalen Markt tätig, also ist zumindest dieser Teil erst einmal auf diesen Kontinent beschränkt. Dass es ähnliche Fälle auf anderen Kontinenten und in Ländern geben kann, das wissen wir, das wissen wir auch von anderen Sportarten. Es wäre neu, wenn man jetzt sagen würde: "Das haben wir gar nicht ahnen können".

Die Symbolfigur Blatter hat als Person keine Glaubwürdigkeit mehr.

 

Bislang stehen Vorgänge von Korruption und Geldwäsche aus der Vergangenheit im Fokus der Ermittlungen. Es gibt aber auch Hinweise auf massive Manipulationen in Hinsicht auf die Vergabe der Fußballweltmeisterschaften in Russland 2018 und Katar 2022. Die FIFA selbst hat nach massivem öffentlichem Druck im November Anzeige in der Schweiz erstattet. Erwarten Sie weitere juristisch verwertbare Enthüllungen?

Sylvia Schenk: Ich hoffe, dass in der Schweiz noch ein bisschen mehr herausgefunden wird, das muss man jetzt abwarten. Die FIFA hat ja den gesamten Garcia-Bericht nebst allen Anlagen an die Schweizer Behörden gegeben. Auch das ist ein Fall aus der Vergangenheit, das sind Dinge, die sich 2010 und früher zugetragen haben. Man muss erkennen, dass die FIFA, wenn auch zögerlich und noch nicht vollständig, schon dabei ist, auch die Vergangenheit jetzt aufzuarbeiten. Und sie bekommt glücklicherweise jetzt auch Hilfe von Staatsanwaltschaften.

Inwieweit kann und muss man von einem System „Blatter“ sprechen?

Sylvia Schenk: Joseph Blatter ist natürlich jetzt und auch schon sehr viel länger für alle die Symbolfigur, weil sich alles, was schon seit Jahren an konkreten Vorwürfen oder an nachgewiesenen Fehlentwicklungen in der FIFA in der Öffentlichkeit ist, unter seiner Führung ereignet hat. Er ist seit 1998 FIFA-Präsident. Er muss ganz viel gewusst haben, er hat viel zu lange weggeschaut. Er hat zu spät, und auch nur sehr zögerlich, angefangen aufzuräumen. Aber er hat angefangen, das muss man ja immerhin auch mal feststellen. Aber er bleibt die Symbolfigur, und er hat auch als Person keine Glaubwürdigkeit mehr. Das zeigt sich jetzt nochmal sehr deutlich. Das war allerdings schon vor den Verhaftungen gestern der Fall. Also ist er insofern sicherlich nicht die richtige Person, um noch nach all dem, was geschehen ist, die FIFA in eine klare Zukunft zu führen. Aber man darf sich nicht nur auf die Symbolfigur „Blatter“ konzentrieren, sondern man muss auch sehen, dass es viel tiefere Ursachen gibt, die nicht nur im Fußball, sondern im Sport überhaupt resultieren. Es geht auch um die Politik in vielen Ländern, um deren Wirtschaftssystem und Unternehmen.

Die FIFA muss eine zukunftsprächtige Struktur erhalten, in der Transparenz und Kontrollmechanismen gegeben sind.

 

Die FIFA ist ein in der Schweiz eingetragener Verein und funktioniert nach Vereinsrecht, setzt aber weltweit Milliardensummen um. Müsste der Weltfußballverband nicht dringend reformiert werden?

Sylvia Schenk: Die FIFA hat sich ja schon reformiert. Sie hat durchaus ein Compliance-System eingeführt. Aber das reicht mir noch nicht. Da hätte man einige Dinge mehr machen können. Dennoch ist die FIFA in dieser Hinsicht schon weiter als viele andere Sportorganisationen. Die Frage ist ja vielmehr: wenn es um die Struktur geht, dann müsste die FIFA eigentlich ein Unternehmen sein. Dann müssten Sie aber den ganzen Fußball verändern. Zum Beispiel der DFB, der ja auch nicht ganz unerhebliche Summen umsetzt, wenn auch nicht ganz so viel wie die FIFA, müsste dann auch ein Unternehmen werden. Und dann hätten Sie ja keine freie Sportbewegung mehr, was ja wiederum niemand wirklich will. Also muss man versuchen, die letztlich demokratische Struktur der FIFA und anderer internationaler Sportverbände, die hohe finanzielle Einnahmen erzielen, in eine zukunftsträchtige Struktur zu überführen, in der Transparenz und Kontrollmechanismen gegeben sind. Da ist noch einige Arbeit zu leisten, aber das betrifft nicht allein die FIFA.  

Die nationalen Verbände haben viel zu lange zugeschaut.

 

Verbände wie der französische Fußballverband und der DFB in Deutschland haben in der Vergangenheit nur verhalten Kritik an der FIFA geübt, Strafermittler in Frankreich und Deutschland blieben weitestgehend untätig. Müsste beim Kampf gegen Korruption im Sport nicht auch hierzulande ein stärkeres Engagement an den Tag gelegt werden?

Sylvia Schenk: Das Problem ist ja, dass die UEFA, der europäische Fußballverband, eigentlich bisher keine richtige Strategie gehabt hat, keine Personalstrategie gegen Blatter. Das war ja alles halbherzig, was da gekommen ist. Auch die nationalen Verbände haben viel zu lange zugeschaut. Der DFB kennt  alle Vorgänge, die seit 10, 15 Jahren diskutiert werden. Man hat immer gedacht: "das wird schon nicht so schlimm sein" oder "man kann ja doch nichts tun". Ich hoffe, dass jetzt auf dem Kongress in Zürich endlich mal Tacheles geredet wird, dass mal Zivilcourage gezeigt wird. Es muss eine offene Auseinandersetzung, eine offene Debatte in der FIFA geführt werden. Das darf alles nicht wie bisher nur stillschweigend hingenommen werden. Selbst wenn mit Prinz Ali [Ali bin al-Hussein, Präsident des jordanischen Fußballverbands, Anm. d. Red.] ein anderer als Blatter gewählt werden sollte, braucht es eine neue Debattenkultur im Sport insgesamt, in der FIFA, aber auch in anderen Verbänden.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016