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Ist Barack Obama black enough?

Länder: Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Rassismus, Barack Obama, Minderheiten

Barack Obamas Amtszeit ist bald vorbei. Zeit, Bilanz zu ziehen. Nach den jüngsten Ausschreitungen von Ferguson und Baltimore hat die Rassismusfrage brutal in der Mitte der Gesellschaft eingeschlagen. Selbst unter einem schwarzen Präsidenten ist der Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft tief verankert. Kritiker warfen Obama immer wieder vor, sich nicht genug für die Minderheiten einzusetzen. Wie erging es den Minderheiten unter Barack Obama? Eine Annäherung.

Jüngste Vorfälle von Polizeigewalt

19. April 2015: Freddy Gray stirbt im Krankenhaus in Baltimore, vermutlich an den Folgen von Polizeigewalt
August 2014: Ein weißer Polizist erschießt den unbewaffneten, schwarzen Jugendlichen Michael Brown in Ferguson, einem Vorort von St. Louis
Juli 2014: Eric Garner stirbt in New York an den Folgen eines Würgegriffs von Polizisten
Februar 2012: Der unbewaffnete schwarze Jugendliche Trayvon Martin wird in Florida von dem Hispanic George Zimmermann erschossen


 

50 Jahre Civil Rights Act, 50 Jahre keine Rassentrennung im Bus mehr. Dennoch scheint der Rassismus in den USA noch nicht der Vergangenheit anzugehören. Ferguson und Baltimore sind Namen, die vor allem durch Aufstände und Ausschreitungen in letzter Zeit im Gedächtnis geblieben sind. In beiden Städten starben schwarze Jugendliche (vermutlich) durch Polizeigewalt – ein Phänomen, das in Amerika in den letzten Jahren immer wieder für Wirbel sorgte. Der Tod Freddy Greys in der US-Ostküstenstadt Baltimore am 19. April im Krankenhaus, wirft noch immer Fragen auf. Nach der Beerdigung kam es zu brutalen Ausschreitungen, im Zuge derer 15 Polizisten verletzt wurden. Gerade in Baltimore - der Ort, der kurz nach der Ermordung Martin Luther Kings im April 1968 von heftigen Ausschreitungen erschüttert wurde, bei denen sechs Menschen starben, 700 verletzt wurden und ungefähr 1 000 Geschäfte zerstört wurden. Genau wie damals fing alles mit einer friedlichen Demonstration an und endete im Chaos.

Die Tage von Baracks Obamas Präsidentschaft sind gezählt. Historisch war sein Wahlsieg 2009. Bejubelt wurde das tolerante Amerika, das nur vierzig Jahre nach dem Mord an Martin Luther King einen schwarzen Präsidenten ins Amt wählte. Nur in Amerika schien dies möglich, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch wenn Barack Obama Stellung bezog zu den Ereignissen in Baltimore, werfen ihm Kritiker dennoch vor, nicht genug für die Minderheiten Amerikas getan zu haben. Der Congressional Black Caucus (CBC) prangert Obamas Regierung an, weil er nicht genug für die afro-amerikanische Bevölkerung in der schwächelnden Wirtschaft tut. Die Arbeitslosenrate bei Afro-Amerikanern liegt bei 15,7 Prozent. Im Vergleich: die Rate auf nationaler Ebene liegt bei 10,2 Prozent. 

 

Gefühlter Rassismus in den USA

Doch angesichts der Ausschreitungen in Baltimore und Ferguson zeigt sich, dass Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft omnipräsent ist. Auf 100.000 Bürger kommen 678 verhaftete Weiße und 4.347 verhaftete Schwarze. Im Jahr 2003 wurden bei Polizeikontrollen in New York 54 Prozent Schwarze angehalten und nur 12 Prozent Weiße. Auch die Familien der afro-amerikanischen Bevölkerung prägen rassistische Alltagsbegebenheiten. Unter schwarzen Familien mit Kindern ist ein Ritual verbreitet: The Talk. Kinder im Alter von elf oder zwölf Jahren werden auf die eventuellen Gefahren im Alltag, die sie wegen der Hautfarbe erwarten können, vorbereitet. Das Gespräch ist eine Mischung zwischen Erklärung und Warnung. Sie bläuen den Kindern beispielsweise ein, sich Polizisten gegenüber stets höflich zu verhalten, keine schnellen Bewegungen vor ihnen zu machen und nicht vor ihnen wegzurennen. 

Unter Barack Obama ist die Zahl der rassistischen Gruppen jedoch so stark angestiegen wie selten zuvor. Das Southern Poverty Law Center sammelt Infos zu sogenannten "Hate groups" auf ihrem Hatewatch blog. Gruppen, die im ganzen Land aktiv sind wie Neo-Nazis, Ableger des Ku-Klux-Klans oder rassistische Skinheads. 2008 waren es noch 149 Gruppen, 2012 erhöhte sich die Zahl um 813 Prozent auf 1 360. 2014 lag sie wieder bei 874. Doch Obama bemüht sich um Alternativen. Mit dem Programm "My Brother‘s Keeper“ will er jungen Männern aus Minderheiten bei der Zukunftsplanung helfen. 

Diese Bemühungen könnten in Zukunft Früchte tragen, denn die Zeiten, in denen die weiße Bevölkerung die Mehrheit darstellt, neigen sich dem Ende zu. Die hispanische, asiatische und schwarze Bevölkerung nimmt zu, an einigen Orten schneller als an anderen. Zwischen 2000 und 2013, haben 78 Countys, den regionalen Verwaltungsbezirken der USA, ihre weiße Mehrheit verloren, und derzeit keine ethnische Mehrheit mehr, laut dem Pew Research Center

 

Ein schwarzer Präsident für die schwarze Minderheit?

Obwohl Obama selbst rassistische Bemerkungen von seiner Großmutter mütterlicherseits über sich ergehen lassen musste, war Rassismus nie seine Herzensangelegenheit. Als erster schwarzer Präsident wollte Obama immer ein Präsident aller Amerikaner sein und nicht der Führer der schwarzen Minderheit. Die afro-amerikanische Bevölkerung sieht insbesondere nach der Polizeigewalt gegen schwarze Männer oft verzweifelt nach Washington, weil dort ja einer von ihnen sitzt. Doch Obama hielt sich in der Rassismus-Debatte lange zurück, auch gerade deshalb, weil er Wähler jeder Hautfarbe und Herkunft gleich ansprechen wollte. Der Rassismus, so sagte Obama einmal, sei tief in der Gesellschaft und Geschichte der USA verwurzelt. 

 

 

Für den Sohn eines schwarzen Kenianers und einer weißen Mutter aus Kansas, der 1961 geboren wurde, schien die Rassismusfrage nicht an erster Stelle zu kommen – vielleicht, weil er in den 1960er Jahren, als die Bürgerrechtsbewegung auf dem Höhepunkt war, noch zu jung war, um daran Teil zu haben. Bei seinem ersten Auftritt auf der nationalen Bühne 2004 beim Wahlparteitag der Demokraten in Boston war die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft zwar ein Thema, aber es ging dabei nicht um die Ungleichheit zwischen schwarz und weiß. Sondern um die Spaltung in rot und blau, konservativ republikanisch und liberal demokratisch. Dabei hat Obama in jungen Jahren als Sozialarbeiter in Chicago Gewalt, Armut, Kriminalität und Rassismus aus nächster Nähe erlebt. 

Doch der 53-Jährige setzt sich durchaus mit Rassismus auseinander, immer wieder auch ironisch. So hielt er seine Rede beim alljährlichen White House Correspondent’s Dinner mit einem Übersetzer hinter seinem Rücken. Ein Schwarzer, der den sogenannten "Angry Black Man" darstellen sollte. 

Doch auch die hispanische Minderheit wird für die politischen Parteien immer wichtiger. Bisher wählen die ethnischen Minderheiten in den USA überwiegend die Demokraten. Doch die Republikaner, mit deren Werten sich die vorwiegend katholische, hispanische Bevölkerungsgruppe identifizieren kann, machen sich auf die Jagd nach den Latino-Stimmen. Marco Rubio, der für die Republikaner bei der Präsidentschaftswahl im Herbst 2016 antreten will, hat hispanische Wurzeln.  

Auch Jeb Bush, dessen Frau mexikanische Wurzeln hat, spielt die hispanische Karte aus. So gab er 2009 bei einer Wahl auf seinem Wahlzettel an, hispanische Wurzeln zu haben. Die Epoche der Minderheitenregierung könnte in jedem Fall weitergehen – auch auf demokratischer Seite will mit Hillary Clinton ein Minderheitenmitglied kandidieren.

 

Zuletzt geändert am 21. April 2017