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Irak: 13 Jahre Krieg

Länder: Irak

Tags: Bagdad, Bürgerkrieg, Schiiten, Sunniten

Lukas Menget, ehemaliger Auslandskorrespondent im Irak und Regisseur der Dokumentation "Bagdad, geteilte Stadt" blickt zurück auf dreizehn Jahre Chaos zwischen Euphrat und Tigris.

Die Amerikaner sind seit 2003 mit Feindseligkeit und Ablehnung seitens der irakischen Bevölkerung konfrontiert. Dabei sehen sie sich selbst als "Befreier des Landes". Warum sind sie dort nicht willkommen?

Lucas Menget: Bereits zu Beginn treffen die Amerikaner zwei Fehlentscheidungen historischen Ausmaßes: Die Auflösung der Armee und der Baath-Partei. Angeblich sollen sie von Anhängern Saddam Husseins unterwandert sein. Doch der erste Gouverneur Paul Brenner, der weder Landeskenntnis noch Erfahrung im Mittleren Orient besitzt, und seine Führungsriege  haben einen zentralen Punkt übersehen: Der gesamte irakische Verwaltungsapparat, jeder einzelne Beamte, Lehrer oder Banker, musste der Partei angehören. Das Resultat: Zehntausende Iraker, die sich gedemütigt fühlen, ohne Arbeit, ohne Ressourcen. Sie entwickeln eine rasende Wut. Vom eigenen Stolz geblendet, sehen die Amerikaner über die ersten Anzeichen des keimenden Aufstands hinweg. Erst 2004, nachdem Soldaten des privaten Sicherheitsunternehmens Blackwater getötet und ihre Körper nahe Falludscha verbrannt wurden, wird den Amerikanern klar, dass es doch komplizierter werden würde als zuvor angenommen.

 

Der Plan der Amerikaner ist zu naiv, die Rechnung geht nicht auf, im Gegenteil: Die Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten wurden immer gewaltsamer.

Warum stürzte der Irak in einen Bürgerkrieg?

Um die Mehrheit zufrieden zu stellen, wurde den Schiiten, die 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen, die gesamte Macht übertragen. Die sunnitische Minderheit, die unter Saddam Hussein die Macht inne hatte, würde sich allmählich beruhigen - so die Annahme. Der Plan der Amerikaner ist zu naiv, die Rechnung geht nicht auf, im Gegenteil: Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien wurden immer gewaltsamer. Mit dem symbolträchtigen Attentat auf die Große Moschee von Samarra, einem der heiligsten Orte der irakischen Schiiten, eskalierte der Konflikt zu einem Religionskrieg, der bis heute andauert. Amerikaner und irakische Übergangsregierung errichteten daraufhin Mauern in Bagdad, um die beiden Religionsgemeinschaften räumlich voneinander zu trennen und dadurch die Gewalt einzudämmen. Doch diese Initiative brachte den Kessel zum Überlaufen: Massaker, Attentate und nächtliche Angriffe der Viertel untereinander wurden zum Alltag.

 

Welche Rolle spielten die regionalen Mächte in diesem Konflikt?

Der Irak wurde zum zentralen Schauplatz im Kampf der Schiiten gegen die Sunniten im Mittleren Orient. Die regionalen Mächte – darunter Saudi-Arabien und Katar auf sunnitischer, der Iran auf schiitischer Seite – werden zu den heimlichen Hauptakteuren im irakischen Bürgerkrieg. Sie sehen den Konflikt als Möglichkeit der eigenen Machterweiterung. Besonders der Iran übt einen starken Einfluss aus. Schiitische Exil-Iraker, die während der Diktatur Saddam Husseins  im Iran ausgebildet wurden, finden sich nun in tragenden Positionen und sind wichtige Mittelsmänner innerhalb des irakischen Systems.

 

Wie ist es dem IS gelungen in diesem Land Fuß zu fassen?

Am Anfang steht hier die Bewegung Al-Qaida im Irak, seit 2003 Keimzelle der heftigen Rebellionen. Impulsgeber ist Abou Moussab al-Zarqaoui, der die angestaute Wut der entmachteten Sunniten zu instrumentalisieren weiß. Darüber hinaus brauchen die Amerikaner eine Feindfigur um ihre Intervention zu legitimieren. Aus al-Zarqaoui wird der irakischer Bin Laden. Damit geben sie ihm das Prestige um sich als Speerspitze im Kampf gegen die USA und die Schiiten präsentieren zu können. 2013 kommt Dynamik in die Bewegung, mit neuem Namen (Islamischer Staat) und unter Führung von Abou Bakr al-Baghdadi. Dieser nutzt den in Syrien wütenden Bürgerkrieg geschickt als Rekrutierungs- und Geldquelle. Mit gewonnener Glaubwürdigkeit und neuer Strategie geht es zurück in den Irak. Nach der Eroberung Mossuls, der zweitgrößten irakischen Stadt, ruft al-Baghdadi 2014 ein sunnitisches Kalifat im Irak und in Syrien aus.

 

Wie sieht die aktuelle Situation aus?

Das Vertrauen der irakischen Bevölkerung in die politische Klasse ist verloren.

Wir durchleben mehr als je zuvor einen Moment extremer Gewalt. Das Anfang Juli verübte Attentat in Bagdad, das bis zu 300 Menschleben kostete, zeigt, dass trotz der symbolischen Rückeroberung Falludschas – und ohne Zweifel die baldige Einnahme Mossuls – durch die irakische Armee, der IS weiterhin eine gewaltige Terrorkapazität besitzt. Darüber hinaus ist das Vertrauen der irakischen Bevölkerung in die politische Klasse verloren. Die verrufenen Politiker hätten es nicht geschafft die Sicherheit des Landes zu gewährleisten. Der einzige Ausweg wäre eine Teilung der Macht zwischen Sunniten und  Schiiten, aber dies scheint schwer bis unmöglich umsetzbar – für den Moment.

 

Zuletzt geändert am 25. August 2016