Interview mit Thomas Piketty

Länder: Frankreich

Tags: Wirtschaft

Thomas Piketty ist der Autor des Buches "Das Kapital im 21. Jahrhundert" und Experte in unserer Dokumentalfilmreihe "Der Kapitalismus". Im Interview beantwortet er unsere Fragen.

Denken Sie, dass Volkswirte die neuen Propheten unserer Gesellschaft sind?

Thomas Piketty: Ich betrachte mich in erster Linie als Sozialwissenschaftler und nicht als Volkwirt. Ich denke, die Grenzen zwischen den Sozialwissenschaften – Wirtschaftslehre, Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaft, Anthropologie usw. – sind fließender, als viele behaupten. Wenn Forscher die Gesellschaft voranbringen wollen, sollten sie lieber versuchen, diese künstlichen Grenzen zu überwinden, als Prophepeten zu sein.
 

Die Entscheidungsträger wollen unter keinen Umständen zugeben, dass Sie den falschen Weg eingeschlagen haben."

 

In den letzten Jahrzehnten haben Entscheidungsträger Wirtschaftslehre in eine eher faktenbasierte,  naturwissenschaftliche Ausrichtung gedrängt und ihre sozialen Aspekte vernachlässigt. Wird sich das in Zukunft ändern ?

Ja. Wenn wir im Bereich der Wirtschafts-und Sozialwissenschaften Fortschritte machen wollen, muss die Initiative von oben kommen. Aber die Entscheidungsträger wollen unter keinen Umständen zugeben, dass Sie den falschen Weg eingeschlagen haben. In Frankreich bezahlen wir dafür heute den Preis. 

 

Was kann eine Serie wie "Der Kapitalismus" zum öffentlichen Diskurs beitragen ?

Wirtschaftliche und finanzielle Fragen gehen alle etwas an, ebenso die Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie sind das Herzstück des demokratischen Diskurs. Mit einer Serie wie "Der Kapitalismus" können die Menschen sich darüber informieren und sich an der Debatte beteiligen.

 

Die Volkswirte des 19. Jahrhunderts haben oft die richtigen Fragen gestellt und ihre soziale Umgebung kritisch hinterfragt.

 

Warum vergleichen sie die Welt heute mit der von Marx?

Es gibt viele Parellelen zwischen der "ersten" finanziellen und kommerziellen Globalisierung 1870-1914 und heute. Wir mussten zum Beispiel bis Anfang des 21. Jahrhunderts warten, bis wir das Börsensystem etabliert hatten, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Die Volkswirte des 19. Jahrhunderts haben viel geleistet. Sie haben oft die richtigen Fragen gestellt und ihre soziale Umgebung kritisch hinterfragt. Dabei haben sie weit weniger Zeit mit komplexer Mathematik verschwendet als ihre Kollegen heute.

Das Interview führte Sylvie Dauvillier.

THOMAS PIKETTY
Der 43 jährige Wirtschafstwissenschaftler Thomas Piketty wurde in Clichy geboren und ist heute Vordenker im Bereich der transatlantischen Beziehungen. Nach Meinung vieler bedeutender US-Wissenschaftler  ist er derjenige, der "die Art, wie wir unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft betrachten, ändern wird". Er steht den französischen Sozialisten nah, pflegt aber einen kritischen Umgang mit der Politik von François Hollande. Thomas Piketty stellt in seinen Studien die Leistungsfähigkeit des Kapitals über die des Wachstums, die seiner Meinung nach zu immer größerer sozialer Ungerechtigkeit führt. Ist er ein Kandidat für den nächsten Wirtschafts-Nobelpreis? "Davon wage ich nicht mal zu träumen", sagt der Mann, der den Spitznamen Marx 2.0. trägt.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016