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Interview: "Der Gedanke geht der Tat voraus"

Länder: Deutschland

Tags: Adolf Hitler, Mein Kampf, Barbara Zehnpfennig

Das ganze Interview mit Barbara Zehnpfennig zum Nachlesen: Die Professorin für politische Theorie und Ideengeschichte, sieht in Hitlers Hetzschrift ein Beispiel dafür, wie Ideologien funktionieren und welche Sprengkraft sie haben können. Aus ihrer Feder stammt der erste ausführliche Kommentar zu Hitlers Buch: "Mein Kampf. Eine Interpretation". München 2000 

Es geht um etwas viel Allgemeineres. Es geht nicht nur um dieses eine Buch und diese eine Zeit damals, denn es gibt eine bleibende Verführbarkeit des Menschen durch solche Sinnstiftungsangebote

Barbara Zehnpfennig

ARTE Info: Mein Kampf ist ein viel verkauftes und viel zitiertes, aber letztlich doch wenig gelesenes Buch. Warum verkannten die Deutschen so lange den blutigen Ernst von Hitlers Worten?

Man hat Hitler als Person nicht ernst genommen und in der Folge dann eben auch nicht sein Buch. Ich glaube, obwohl es sehr bewegte Zeiten waren, hatte man immer noch diese  bürgerliche Denkweise:  Wenn Hitler an die Macht kommt, dann wird er sich mäßigen…  Also die Pfründe, die einen erwarten, wenn man politisch tätig wird, die werden auch ihn korrumpieren. Das war wohl die Erwartung und man hat nicht gemerkt, dass er einer von einer glühenden Mission erfüllter Mensch war.
 

ARTE Info: Auch die Geschichtswissenschaft hat nach 1945 lange einen Bogen um dieses Buch gemacht. Warum? 
Das war ein bisschen auch Überheblichkeit. Hitler, dieser ungebildete Dilettant, den musste man zwar als Diktator ernst nehmen, aber als Schriftsteller nicht. Es war eine Distanz gegenüber dem Parvenü, dessen Ergüsse man auch nicht weiter analysieren zu müssen glaubte. 
 

ARTE Info:  Aber man musste doch wahrnehmen: das ist der Mann, der seine Worte in Taten umsetzt …  
Man hat nicht unbedingt die Verbindung zwischen Wort und Tat gesehen. Man hat Hitler sehr lange für einen prinzipienlosen Opportunisten gehalten, weil man den Plan hinter seinem Tun nicht erkannt hatte. Man hätte ihn erkennen können,  in der Tat, wenn man sein Buch aufmerksam gelesen hätte.
Aber da man es nicht getan hat, hat man seine Handlungsweise eben auch nicht als Umsetzung  seiner Weltanschauung verstanden und das ist z.T. heute noch nicht einhellige Auffassung, dass Hitler in der Tat ein von seiner Weltanschauung getriebener Mensch war, der eine Programmatik abgearbeitet hat.
 

ARTE Info: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit Mein Kampf beschäftigten? 
Ich hatte schon als Kind das Problem, dass ich keine Antwort auf die mich umtreibende Frage fand:  Warum glaubte ein Volk wie das deutsche Volk, ein anderes Volk, nämlich die Juden, ausrotten zu müssen?  Ich habe darauf keine befriedigende Antwort gefunden. In meiner kindlichen Weltsicht dachte ich , dieser Mann, der maßgeblich hinter dem Judenmord stand, hat doch ein Buch geschrieben und da müsste es doch stehen, und in der Tat, dem war auch so – wenn auch der Judenmord in Mein Kampf nicht ausdrücklich als Zielvorgabe formuliert wird,  so liegt aber der Judenmord in der Konsequenz des Denkens, das in Mein Kampf entfaltet wird.
 

ARTE Info: Jede grundlegende Rede Hitlers, jede Quelle ist publiziert, welche zusätzlichen Erkenntnisse bietet die Analyse von Mein Kampf
Wenn man Hitlers Reden liest, sieht man, dass sie immer auf eine akute Situation, auf ein bestimmtes Publikum zugeschnitten sind. Sie befassen sich mit einem ausgewählten Thema. 
In Mein Kampf  bekommt man den Gesamtzusammenhang von Hitlers Denken, von Hitlers Person. Es ist wirklich ein Schlüsselwerk, wenn man den Gesamtzusammenhang verstehen will. Erstens entwickelt er in Mein Kampf seine gesamte Weltanschauung, auch wie sich langsam eine Verschwörungstheorie herausbildet. Zum anderen er klärt er seinen Fahrplan: seine innenpolitischen Fahrplan – Schritt für Schritt – ,und wenn dieser innenpolitische Fahrplan abgearbeitet ist, war das außenpolitische Programm vorgesehen, auch hier Schritt für Schritt. Und hier erkennt man eben den Plan hinter den Gedanken, dass es alles sehr systematisch war, was er gemacht hat und man erkennt warum er es gemacht hat: dass seine Politik tatsächlich nichts anderes ist als die Umsetzung seiner Weltanschauung. Mein Kampf ist grandios, wenn man den Gesamtzusammenhang begreifen will, der einem so, wenn man nur die Taten betrachtet, überhaupt nicht aufgeht. 

 

ARTE Info: Hitler hatte die völkische Literatur des 19. Jahrhunderts genau studiert, und ihr Gedankengut übernommen, was ist bei seinem Text anders und neu kombiniert?  
Hitler hat in der Tat enorm viel gelesen und zwar nicht nur völkische Literatur. Er hat eigentlich in allen möglichen Bereichen herumgelesen, er hat sich mit Geopolitik befasst, mit Geschichte, vor allem auch mit Militärgeschichte. Er hat philosophische Sachen gelesen, Nietzsche auf jeden Fall, vielleicht auch Schopenhauer, das ist nicht so  ganz klar. Er hat deutsche Literatur gelesen Massenpsychologie, Geopolitik usw.. Also das war  weit gestreut.
Das Besondere bei ihm ist, dass er - obwohl er sehr voluntaristisch damit umgeht, sich also herausnimmt, was er gebrauchen kann - trotzdem kein Flickwerk daraus geschaffen hat, sondern ein in sich stimmiges System. Das ist eine Systematisierungsleistung, die einiges an Intellekt verlangt.  Er war nicht dumm, das war eine völlige Fehleinschätzung, aber er war eben nicht gebildet und ein gebildeter Mensch geht nicht so mit Texten um. 

 

ARTE Info: Wie gelingt es ihm den Widerspruch aufzulösen, dass er Juden gleichzeitig für Marxismus und Kapitalismus verantwortlich macht?
Wenn man Verschwörungstheoretiker ist, dann kann man stark auseinanderstrebende Dinge zusammenzwingen, weil da ein fester Wille dahinter ist, alles auf einen Punkt zu reduzieren. Deshalb hat er es auch  logisch und schlüssig geschafft, so auseinanderstrebende Bewegungen wie den Kapitalismus und den Kommunismus auf einen Urheber zurückzuführen. 
Und zwar war das Argument das Folgende: Die Juden besetzen unterschiedliche Positionen in der Gesellschaft in einer scheinbaren Entzweiung,  weil sie  so ihre Gegner entzweien. Der Gegner muss sich dann zu einem der Lager bekennen. Damit wird der Feind gespalten: „Teile und herrsche“ ist das Prinzip. Das vermeintliche Prinzip der Juden ist aber „Getrennt marschieren, vereint schlagen“. Man kann so alles erklären. Ein Nichtverschwörungstheoretiker würde sagen „Die Juden sind eben pluralistisch und besetzen insofern verschiedenste ideologische Positionen.“
Ein Verschwörungstheoretiker sagt „Aber nein, das ist eine Finte, um den Gegner zu verwirren, um den Gegner zu spalten, man selber hat aber eine gemeinsame Kampfstrategie“.

 

ARTE Info: Das macht wahrscheinlich die Faszination von Hitlers Buch aus:  Für alle komplexen Probleme findet er eine Ursache. Und man muss nur diese eine Ursache bekämpfen, Hitler gibt also ein klares Rezept mit auf den Weg.
Die Faszination von  Weltanschauung  ist ja genau dies, dass man die komplexe Wirklichkeit,  die uns letzlich alle überfordert, dadurch bewältigt, dass man auf eine gemeinsame Ursache zurückgeht, die angeblich hinter allen Phänomenen steht. Das begeistert nicht nur einfache Charaktere, die einfache Lösungen wollen, sondern begeistert auch durchaus Menschen, die komplex denken, aber über diese Komplexität hinaus zu einer Grundwirklichkeit gelangen wollen. Eigentlich ist es etwas, was den  Wissenschaftler antreibt. Der will ja auch immer die Ursache hinter den Phänomenen finden. Nur  in dem Fall hat es eben eine Ideologie hervorgebracht und keine Wissenschaft.

 

ARTE Info: Wird das Buch heute noch eine Leserschaft erreichen? Es ist sperrig geschrieben, die historischen Bezüge fehlen. Das Weltbild ist verschroben. Wer tut sich das eigentlich an? 
Was den Leser zunächst mal begegnen wird, ist eine sehr schlichte oder auch schlechte Sprache, Weitschweifigkeit, historische Bezüge, die man nur versteht, wenn man etwas an historischem Wissen hat. Das sind alles Dinge, die die Lektüre auf jeden Fall erschweren. Insofern glaube ich auch nicht, dass das der große Bestseller werden wird, wenn das Buch jetzt auf den Markt kommt.

 

ARTE Info: Welche Rolle spielt dieses Buch, wenn es jetzt wieder erscheinen kann, für die rechtsextremistische Propaganda? 
Dass die Rechtsextremisten jetzt dringend auf die Veröffentlichung von Mein Kampf warten, glaube ich nicht. Erstens kann es sich sowieso jeder aus dem Internet holen, da braucht man nicht zu warten, bis es gedruckt wird. Der zweite Punkt ist, dass diese rechtsextreme Szene nicht besonders leseaffin ist. Es ist ja ein 800 Seiten Buch. Mir ist nicht bekannt, dass da viel gelesen würde in dieser Szene. Es werden lediglich einzelne Schlagworte, einzelne Zitate verwendet.

 

ARTE Info: Die Neuauflage von Mein Kampf wurde bis heute in Deutschland verhindert. Warum meinte man die Öffentlichkeit schützen zu müssen?
Warum man meinte die Bundesbürger vor diesem Buch schützen zu müssen, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Es ist auch inkonsequent, denn Hetzschriften anderer Couleur sind frei erhältlich, frei verkäuflich, wenn man Stalin, Lenin oder Trotzki liest. Es sind vor Hass triefende Schriften, die zum Klassenhass statt zum Rassenhass aufrufen. Auch die islamistische Schriften der Dschihadisten sind volksverhetzend. Das ist alles frei erhältlich. Also man hat bei diesem einen Buch von diesem Autor die große Ausnahme gemacht. Es ist eine Berührungsangst, die man wahrscheinlich psychologisch erklären kann, aber logisch eigentlich nicht. Zumal sein zweites Buch - er nannte es "Hitlers Zweites Buch", ein zu Lebzeiten unveröffentliches Manuskript - nach dem Krieg in Deutschland problemlos erscheinen konnte. Darin steht auch nicht sehr viel anderes als in Mein Kampf. Das ist völlig untergegangen, das hat eigentlich gar niemanden interessiert, als es in den 60er Jahren publiziert wurde.

 

ARTE Info: In Ländern wie Indien, Ägypten und der Türkei hat Mein Kampf  Konjunktur. Wie kommt das? 
Diese Länder haben unterschiedliche Gründe, sich für dieses Buch zu begeistern.
Ein gemeinsamer Grund ist sicherlich die Bewunderung für den großen Führer, für den starken Führer, der in der Lage war, das Land national zu einigen und zur Größe emporzuführen. Diese Länder hatten ja auch koloniale Vergangenheiten, die sie abzuschütteln versuchten. Außerdem waren innere Konflikte maßgeblich, die eine nationale Einigung behindert haben. Da war oder ist Hitler nach wie vor das große Vorbild, das es geschafft hat, ein Land zu globaler Größe emporzuheben. Das importiert nach wie vor.

 

ARTE Info: Eine Größe, die aber nach kürzester Zeit wieder in sich zusammengebrochen ist…
Dass das Ganze nach kurzer Zeit desaströs gescheitert ist, das wird verdrängt. Das ist richtig.

 

ARTE Info: In Frankreich konnte das Buch nur auf den Markt kommen, wenn ein einordnendes Vorwort ergänzt wurde. In Deutschland erscheint demnächst die umfangreiche kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte. Ist das Ihrer Meinung nach der richtige Weg? 
Es ist sicher gut, wenn mein Mein Kampf jetzt in Deutschland in kommentierter Form erscheint. Das erleichtert dem Leser bestimmt das Verständnis vieler auch historischer Anspielungen und Ähnliches. Prinzipiell aber finde ich, könnte man das Buch auch unkommentiert auf den Markt bringen. Also diese Reife sich selbst zu informieren, sich selbst ein Bild zu machen, müsste man dem deutschen Leser eigentlich zugestehen. Ich habe Verständnis dafür, dass die Opfer Hitlers und des Nationalsozialismus Berührungsängste haben und Befürchtungen haben, andererseits müsste auch ihnen daran liegen, dass man sich mit diesem Buch auseinandersetzt und sich ansieht und analysiert, warum es falsch ist, wenn man erst ansetzt bei den tatsächlich stattgefunden habenden Morden, und dann erst erkennt, dass etwas falsch ist. Dann ist es zu spät.
Man muss ja die geistige Wehrhaftigkeit schon haben bevor etwas Wirklichkeit wird. An Mein Kampf kann man beispielhaft studieren, wie Weltanschauungen funktionieren, welche Sprengkraft sie haben können. Also insofern kann man bei der Analyse von Mein Kampf etwas über Weltanschauung schlechthin erfahren, und zwar über die konkrete Situation des NS hinaus. 
Das ist eben etwas, was man am NS lernen kann, der Gedanke geht der Tat voraus. Deswegen ist das Denken unendlich wichtig  und ich verstehe auch nicht bei der heutigen Situation, bei der Bedrohung durch den  islamistischen Terror, dass man nicht an den Mentalitäten zu allererst einmal ansetzt, dass man sich immer auf die militaristische Bekämpfung oder auf die institutionelle Seite  konzentriert und dass man nicht den heftigsten Abwehrkampf in Bezug auf die geistigen Grundlagen führt. Diese sind das eigentlich Entscheidende, aber das wird immer noch als etwas betrachtet, für das man dann Zeit hat, wenn das Eigentliche erledigt ist. Aber das Eigentliche kommt dann nicht mehr, weil es dafür dann zu spät ist. 

 

ARTE Info: Was sind heute die gefährlichen, aber unterschätzten oder hierzulande zu wenig wahrgenommenen Bücher im Dschihadismus?
Auch im Dschihadismus gibt es ganz klare ideologische Vorläufer, z.B. das Werk von Sayyid Qutb ist schon sehr programmatisch. Es ist nicht so umfassend wie Mein Kampf aber es hat auch historische Bezüge: Es bezieht sich zurück auf die Quelle, auf den Koran, es hat eine spezielle Korandeutung. In Milestones findet sich auch dieses bekannte Schema:  es gab eine Zeit der Reinheit, des Guten, dann kommt die Verfallsgeschichte. Wir sind nun am Wendepunkt und wir sorgen dafür, dass wir zur ursprünglichen Reinheit zurückkehren, aber dieses Verfallsschema, das alle Ideologien haben - auch der Marxismus, der NS ebenso -  findet man also dort auch. Also das ist schon eine Schrift, die man ernst nehmen könnte. Es wäre unsere Aufgabe, sich damit auseinanderzusetzen. Aber es ist nach wie vor so: das Geistige wird für sekundär gehalten, das Geistige ist das, worum man sich kümmern kann, wenn alles andere erledigt hat. Aber es ist umgekehrt. Das Denken geht immer voraus, auch das Nichtdenken und das ist dann auch eine geistige Entscheidung.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016