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Gestrandet im griechischen Gefängnis

Länder: Griechenland

Tags: Griechenland, Schmuggler, Flüchtlinge, Jugendgefängnis

Minderjährige Flüchtlinge werden von Menschenschmugglern instrumentalisiert und landen unschuldig in griechischen Gefängnissen.  Interview mit Marianna Economou zu ihrem Dokumentarfilm „Der steinige Weg nach Europa“. Mit der Geschichte von Jasim und Alsaleh macht die Regisseurin auf ein kaum bekanntes Problem in Griechenland aufmerksam. 


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Foto: Jugendgefängnis Volos (Griechenland)

 

 

Und irgendetwas fühlte sich falsch an daran, dass diese Jungen weitab von ihren Familien und Heimatländern als kriminell betrachtet und extrem lange in griechischen Gefängnissen festgehalten werden. Ich wollte mir unbedingt ein genaueres Bild verschaffen und sprach zunächst mit dem Lehrer, der das Buch zusammen mit den Insassen einer Jugendstrafanstalt in Zentralgriechenland erstellt hatte. Er bestätigte meine Befürchtungen und erzählte, dass Jugendliche oft in die Hände von Schleppern gerieten und dann, von allen „vergessen“, im Gefängnis landeten. Auch eine Beamtin des Justizministeriums zeigte sich besorgt angesichts dieses aktuellen, tragischen Phänomens des Menschenhandels, das inzwischen alarmierende Ausmaße annimmt.  

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Foto: Alsaleh (links) und Jasim (rechts) im griechischen Gefängnis

 

 

Warum wählten Sie Alsaleh aus Syrien und den Jasim aus dem Irak als Protagonisten? 

Marianna Economou : Im Gefängnis traf ich acht Jungen, denen Schleuserei vorgeworfen wurde. Alle waren bereit, ihre Geschichten zu erzählen. Sie fühlten sich gefangen, machtlos und unfähig, sich in einem fremden, voreingenommenen Justizsystem effektiv zu verteidigen. Nach den ersten Shootings war mir klar, dass ich mich auf ein oder zwei Darsteller konzentrieren musste. Jasim war der Jüngste der Gruppe und verdeutlichte mit seiner unschuldigen, ängstlichen Art und seiner Verwirrung die ganze Absurdität seiner Lage. 

 

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Foto: Jasim in Sorge

 

 

Er ist irakischer Jeside, und sein Vater hatte einen Schleuser bezahlt, um ihn vor den ISIS-Massakern zu retten und nach Deutschland zu bringen. Als ich ihn traf, saß er seit drei Monaten im Gefängnis und sah seinem Gerichtsverfahren vollkommen hilflos entgegen. Sein Fall war kompliziert und er wusste, dass ihm möglicherweise 25 Jahre Haft drohten. Alsaleh stammt aus dem syrischen Kobane. Sein Vater schickte ihn nach Europa, um ihn vor der Einberufung in die Armee zu bewahren. Alsaleh war offen und sehr reif für sein Alter. Als ich ihn traf, saß er bereits 14 Monate im Gefängnis und hatte Jasim unter seine Fittiche genommen.

 

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Foto: Alsaleh aus Kobane (Syrien)

 

 

Alsaleh und Jasim erschienen mir als sehr starke Figuren, die aufschlussreiche Einzelheiten über ihre angebliche Verwicklung in den Menschenhandel berichteten. Außerdem wurde das Verfahren, das ihnen unmittelbar bevorstand, den Erzählfluss und die Spannung im Film fördern. Ihre besondere Verbundenheit und die Tatsache, dass sie mit ihren Eltern in Syrien und im Irak telefonieren konnten, spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Über die Telefonate konnte ich etwa den Familienhintergrund und die Kriegszusammenhänge beleuchten.  

 

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Foto: Alsaleh kümmert sich um Jasim

 

 

Wie werden junge Flüchtlinge in griechischen Gefängnissen behandelt?

Marianna Economou : Wächter und Personal behandeln die Häftlinge generell freundlich. Hier sitzen Menschen aus verschiedensten Ländern, deren kulturellen Eigenheiten meist respektiert werden. Einige Wächter übernehmen für die jüngeren Insassen sogar eine Vaterrolle. Auch die Sozialarbeiterin als Mutterfigur ist angesichts des jungen Alters und der Verletzlichkeit der Jungen sehr wichtig. Der Unterricht ist ihre einzige Beschäftigung im Gefängnis, und der im Film gezeigte Lehrer leistet eine wichtige ehrenamtliche Arbeit. Er vermittelt den Jungen neues Selbstwertgefühl, indem er ihnen die Chance gibt, Geschichten über sich selbst und ihr Leben zu erzählen.

 

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Foto: Jasim und Alsaleh erzählen im Griechischunterricht von ihrer Flucht

 

 

Die Häftlinge, die in Griechenland weder Geld noch Familie haben, dürfen kostenlos zu Hause anrufen. Ich weiß nicht, inwieweit unsere Anwesenheit den Umgang mit den Insassen beeinflusste, hatte aber insgesamt den Eindruck, dass man sie sehr menschlich behandelte. Eine der Besonderheiten liegt darin, dass dies ein Jugendgefängnis ist, in dem die Gefangenen oft bis zu 18 Monate auf ihre Verhandlung warten müssen.  

 

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Foto: Sozialarbeiterin Maria (rechts) berät Jasim

 

 

Welche Rolle spielen die NGOs in den griechischen Gefängnissen? Kümmern sie sich speziell um Flüchtlinge?

Marianna Economou : In griechischen Gefängnissen gibt es eigentlich keine Unterstützung durch NGOs. Materielle Hilfe kommt vor allem von der Kirche. Die NGOs Arsis und Epanodos versuchen, die gesellschaftliche Integration der Flüchtlinge zu begleiten und provisorische Unterkünfte bereitzustellen.   


 

War es schwierig, in diesem Gefängnis für Minderjährige eine Drehgenehmigung zu bekommen? 

 

Marianna Economou : Mir war klar, dass es nahezu unmöglich sein würde, eine Drehgenehmigung in einem Jugendgefängnis zu bekommen. Dass ich sie schließlich erhielt, verdanke ich einerseits meiner Entschlossenheit und meiner Flexibilität und andererseits dem Glück, auf Menschen gestoßen zu sein, die meinen Film wichtig fanden, mir vertrauten und halfen. Als sie mir die Genehmigung gaben, gingen sie auch ein gewisses persönliches Risiko ein. An die Genehmigung durch den Gefängnisdirektor und das Justizministerium waren bestimmte Vorschriften geknüpft, welche die Drehorte, die im Gefängnis verbrachte Zeit und die Offenlegung der Identität der anderen Häftlinge betrafen. Mit der Zeit gewannen wir an Vertrauen, und die Beschränkungen wurden gelockert. Am Ende gab es nur noch wenige Dinge, die im Film nicht gezeigt werden durften.

 

 

 

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Foto: Alsaleh und Jasim in ihrer Gefängniszelle 

 

 

„Was kann ich denn nun machen, in Griechenland?“, fragt Jasim nach seiner Freilassung. Was tut Griechenland für minderjährige Flüchtlinge, die allein unterwegs sind?

Marianna Economou : Leider nicht viel, besonders wenn die Flüchtlinge aufgrund eines gerichtlichen Beschlusses in Griechenland bleiben müssen. Dem griechischen Staat fehlt das Geld, und die NGOs, die sich um die Freigelassenen kümmern, können nur begrenzt Unterkunft und Essen bereitstellen. Jasims Lage ist schlicht ausweglos, und viele von ihnen wollen ohnehin nicht in Griechenland bleiben. Sie werden dazu gezwungen, auch wenn sie weder Verwandte noch Geld oder Papiere haben, um reisen und  arbeiten zu können. Viele landen schließlich auf der Straße, überleben mit Straftaten oder finden einen Weg, illegal das Land zu verlassen. Wegen des großen Flüchtlingsandrangs wurde einige NGOs in letzter Zeit jedoch aktiver und unterstützen besonders Minderjährige, die in Griechenland eintreffen.

 

 

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Foto: Jasim wird zum Gericht gebracht

 

 

Wie ist es Ihnen gelungen, mit der Kamera stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein?

Marianna Economou : Nachdem ich die beiden Jungen als Protagonisten ausgewählt hatte, musste ich ihnen folgen und ihnen zeigen, wie ihr Leben verläuft. Das Wichtigste war, ihr Vertrauen zu gewinnen und eine persönliche Beziehung zu ihnen aufzubauen. Nur so konnte ich ihre privaten Momente einfangen; ihre Vorbereitung auf den Prozess, die Telefongespräche mit ihren Eltern, ihre Bekenntnisse, ihre Gefühle und das Verfahren selbst. Sie hatten seelische Wunden davongetragen, waren verängstigt und misstrauisch. Griechenland war für sie ein feindseliges, rassistisches und unfaires Land. Als ich sie im Gefängnis trag, drehte sich ihr ganzes Leben nur um das anstehende Verfahren. Das war der Aufhänger des Films und der rote Faden. Schwierig war aber die Tatsache, dass niemand wusste, wie sich ihre Story entwickeln würde. Jasim wollte verstehen, was ihm widerfahren war und welche Konsequenzen er zu tragen hatte. Alsaleh wollte ihn unterstützen und ermutigen. Die Sozialarbeiter und Lehrer spielten in seinem Alltag und für sein seelisches Gleichgewicht eine wichtige Rolle. Alle waren gespannt und besorgt, und das merkt man auch im Film. Außerdem wollte ich das Gefühl des zweifachen Eingesperrtseins vermitteln, das die Jungen und ihre Familien verspürten. Die Telefonate mit ihren Eltern zeigen das sehr drastisch und unmittelbar.

 

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Foto: Alsaleh telefoniert mit seinen Eltern in Syrien

 

 

Auch wenn ich nicht genau wusste, was sie sagten (ich erfuhr es erst später, nachdem mir die Übersetzungen vorlagen), so war mir klar, dass die Eltern von ihren Kriegserlebnissen berichteten und sich Sorgen um ihre Kinder machten. Ich wollte unbedingt zeigen, dass die Familien hinter ihren Söhnen stehen und sich um sie sorgten. Und dass sie im Krieg ebenso hilflos sind. Es war für den Erzählfluss entscheidend, auch während des Verfahrens drehen zu dürfen, um zu zeigen, wie die griechische Justiz funktioniert und wie derartige Fälle behandelt werden.

 

 

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Foto: Jasim vor Gericht

 

 

Konnten Sie als Filmemacherin den beiden Jungen Hilfe bieten?

Marianna Economou : Ich halte weiter enge Verbindung mit Alsaleh und versuche ihn mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen. Von Jasim hat sich die Spur während seiner Bewährungszeit in Athen leider verloren.

 

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Foto: Jasim sieht keine Chancen in Griechenland

 

 

 

Inwiefern wirkt die Arbeit an dem Film bei Ihnen persönlich nach? 

Marianna Economou : Die Arbeit an dem Films hat mich in vielerlei Hinsicht erschüttert. Die Erlebnisse im Gefängnis selbst zeigten mir das Leben und die menschliche Existenz auch ganz neuer Perspektive. Sehr tief war auch das Gefühl der Ungerechtigkeit angesichts der Ausnutzung unschuldiger junger Flüchtlinge durch Menschenhändler und die Unfähigkeit der griechischen Justiz, ihnen rechtmäßige Verteidigungsbedingungen zu gewähren. Meine enge Beziehung zu den beiden Flüchtlingen führte mir eine Tragödie vor Augen, die eng mit den aktuellen Migrationsfragen verbunden ist. Mir wurde auch stärker bewusst, dass kulturelle Unterschiede in den Hintergrund treten, wenn es um das menschliche Grundbedürfnis nach Freiheit und Sicherheit geht. Ich hoffe, dass durch die Veröffentlichung dieser Geschichten viele Bürger und Entscheider ihre Ideologien und Vorurteile, aber auch den politischen und institutionellen Umgang mit dem Migrationsproblem neu überdenken. Und ich will sie daran erinnern, dass man Menschen nicht wie Nummern behandelt. Denn die Liebe und Fürsorge von Müttern für ihre Kinder sind auf der ganzen Welt gleich. 

 

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Foto: Jasim und Alsaleh sprechen über ihre Zukunft 

 

 

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Zuletzt geändert am 1. Februar 2017