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Integration ist nicht nur eine Sache der Politik

Länder: Deutschland

Tags: Flüchtlinge, Migration, intégration

Die neue Flüchtlingswelle, die auf Europa zurollt, stellt die EU-Staaten vor große Probleme. Wir haben dazu mit Stephan Sievert gesprochen. Er arbeitet am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Das unabhängige Institut hat es sich zur Aufgabe gemacht, Analysen und Studien zu erstellen sowie Konzepte für Modelle im Umgang mit dem globalen demografischen Wandel.

 

Stephan Sievert

Stephan Sievert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

ARTE Info: Wie könnte man gelungene Integration definieren?  Sozioökonomische Teilhabe und Teilhabe an allen Rechten und Pflichten innerhalb einer aufnehmenden Gesellschaft?

Stephan Sievert: Integration ist dann gelungen, wenn die durchschnittliche wirtschaftliche und soziale Lebenslage der Migranten beim Durchschnittswert der Gesellschaft angekommen ist. Dies gilt zum Beispiel bei Bildungsabschlüssen, bei der quantitativen und qualitativen Teilhabe am Arbeitsmarkt, bei den Einkommen oder auch bei der gesellschaftlichen Teilhabe. Han Enziger, ein emigrierter Professor für Migration und Integration der Erasmus-Universität Rotterdam, bezeichnet Integration auch als das Verwischen von Grenzen.

Dazu braucht es von Seiten der Aufnahmegesellschaft neben einer rechtlichen Gleichstellung, der Förderung von Spracherwerb und Bildung und der Anerkennung von Abschlüssen auch eine Toleranz gegenüber Ungewohntem sowie den Willen zu und Respekt gegenüber Pluralität in der Gesellschaft. Migranten hingegen müssen neben der Lernbereitschaft und dem Willen zum Spracherwerb Flexibilität mitbringen, sowie die Rechtsordnung akzeptieren und kulturelle und soziale Normen respektieren.

 

Ist diese Integration angesichts der neuen enormen Welle von Migranten möglich?

Stephan Sievert: Flüchtlinge unterscheiden sich selbstverständlich von Arbeitsmigranten. Daher benötigen sie auch andere Hilfestellungen, um in unserer Gesellschaft anzukommen. Dies ist ohne Zweifel eine große Herausforderung. Doch wir haben gar keine andere Möglichkeit, als diese Herausforderung anzunehmen und zu einer bestmöglichen Integration zu verhelfen.

 

Man müsste seitens der Politik die Schutzbedürftigkeit dieser Menschen mehr herausstellen. Und klar sagen: wer schutzbedürftig ist, dem helfen wir.

Stephan Sievert

Welche Maßnahmen seitens der Politik müssten ergriffen werden, um diese Integration zu ermöglichen - und haben Sie den Eindruck, dass dies in Deutschland bzw. der EU gerade so geschieht?

Stephan Sievert: Der langfristig wichtigste Faktor bleibt das Erlernen der deutschen Sprache. Dies hat die Politik meiner Meinung nach erkannt. Wie es in anderen EU-Staaten aussieht, kann ich nicht beurteilen. Wichtig ist bei diesem Thema allerdings auch, dass Integration vor allem vor Ort in den Kommunen geschieht, die hierbei unterstützt werden müssen. Die zusätzlich bewilligten Finanzhilfen sind ein guter Schritt, doch selbst das dürfte mittelfristig nicht reichen. 

Bei der Integration ist allerdings längst nicht nur die Politik gefragt, sondern auch die Zivilgesellschaft und die Migranten selbst. Gerade bei Flüchtlingen sind alltägliche Hilfestellungen von besonderer Bedeutung. Hier gibt es in vielen deutschen Städten gute Beispiele von ehrenamtlich organisierter Hausaufgabenhilfe, Sprachkursen oder Sporttraining. Richtig ist aber auch, dass es weiterhin Bedarf an mehr Angeboten gibt, da die Flüchtlingszahlen weiter steigen.

 

Gab es, historisch gesehen, schon mal  eine solch große Migration in die EU bzw. nach Deutschland ? War man damals vorbereitet, hat man daraus Lehren gezogen in der Politik?

Stephan Sievert: Deutschland erlebte um 1990 herum ähnlich hohe Zuwanderungszahlen, vor allem durch den Anstieg der Asylbewerberzahlen aus dem zerfallenden Jugoslawien und der Aussiedler. Gesellschaft wie Politik waren damals ebenso wenig vorbereitet wie heute. Auch damals brannte ein rechtsextremistischer Hass in der Gesellschaft hoch, der zu tragischen Übergriffen führte. Die Politik reagierte damals vor allem durch Restriktionen und die Verschärfung des Asylgesetzes. Die Asylbewerberzahlen sanken jedoch - vor allem aufgrund des Abflauens der Krisen. Für die heutige Situation müssen sicherlich andere Lösungen gefunden werden, da die Krisen in den Heimatländern der Flüchtlinge vermutlich noch länger andauern werden.

 

Die Menschen, die jetzt kommen, sind oft erst einmal traumatisiert und brauchen Hilfestellungen bei viel grundlegenderen Dingen als lediglich der Jobsuche.

Stephan Sievert

Auch bei den jetzigen Migranten handelt es sich gerade nicht um Arbeitsmigranten, die Deutschland laut ökonomischer Einschätzung braucht. Ist deshalb auch die Motivation europaweit eher gering, diese Menschen in großem Umfang aufzunehmen?

Stephan Sievert: Man müsste seitens der Politik die Schutzbedürftigkeit dieser Menschen mehr herausstellen. Und klar sagen: wer schutzbedürftig ist, dem helfen wir. Rein über Zahlen zu argumentieren, das halte ich für den falschen Ansatz und wenig hilfreich. Natürlich ist es das Ziel, Migranten in den Arbeitsmarkt zu bekommen. Wenn sie zum Reichtum der Gesellschaft betragen, dann ist das gut und wünschenswert. Aber die Menschen, die jetzt kommen, sind oft erst einmal traumatisiert und brauchen Hilfestellungen bei viel grundlegenderen Dingen als lediglich der Jobsuche.

 

Ist eine funktionierende Integration der Migranten der "letzten Generation" OHNE einen koordinierten supra-nationalen, also europäischen Verteilungsmechanismus realistischer weise machbar?

Stephan Sievert: Integration findet vor allem lokal statt. Daher braucht es vor allem Finanzhilfen für die unteren Verwaltungsebenen. Die supranationale Ebene ist hier zunächst zweitrangig. Es stimmt allerdings, dass in Deutschland derzeit große Anstrengungen unternommen werden müssen, weil es eben keinen EU-weiten Verteilungsmechanismus gibt. Letzterer wäre auch deswegen wünschenswert und für die EU eigentlich unabdingbar, da sich die europäischen Staaten als Wertegemeinschaft verstehen und Solidarität betonen. Die aktuelle Flüchtlingskrise ist der Lackmustest hierfür.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016