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Im Todestrakt wegen Blasphemie: Asia Bibi legt Berufung ein

Länder: Pakistan

Tags: asia bibi, Todesstrafe, Blasphemie

Die Zeit wird knapp für Asia Bibi. Wegen Blasphemie wurde die pakistanische Christin aus der Provinz Lahore vor vier Jahren zum Tode verurteilt. Das Hohe Gericht hat ihre Berufung gegen den Schuldspruch am 16. Oktober abgelehnt. Ihre Anwälte haben nun vor dem Obersten Gerichtshof ein letztes Mal Berufung eingelegt. Bibis Familie hofft unterdessen auf eine Begnadigung durch den Präsideten und bittet die internationale Gemeinschaft um Hilfe.

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"Retten wir Asia Bibi, dann retten wir hunderte Menschen", sagt die französische Journalistin Anne-Isabelle Tollet im Interview mit ARTE Journal.

Es war im Juni 2009. Die pakistanische Christin Asia Bibi arbeitet mit ihren muslimischen Nachbarinnen auf dem Feld. Durstig durch die Hitze nimmt sie ein Glas, um Wasser aus einem Brunnen zu trinken. Sogleich beschuldigen sie die anderen Frauen, als Nicht-Muslimin das Glas und das Wasser im Brunnen beschmutzt zu haben. Als Asia sich nicht einschüchtern lässt und sich und ihre Religion verteidigt, bezichtigen sie die Frauen beim Imman des Dorfes der Blasphemie.

Die Folge: Seit vier Jahren sitzt die pakistanische Landarbeiterin in einer Zelle im Todestrakt. Ein Gericht in Punjab hat sie 2010 zum Tod durch Erhängen verurteilt. Ihre Berufung gegen den Schuldspruch wurde am 16. Oktober vom Hohen Gericht der Stadt Lahore abgelehnt.

 

"Lasst mich nicht hängen!"

Ihr seid meine einzige Chance nicht in diesem Kerker zu sterben. Bitte lasst mich nicht hängen!

 

Mitte November hatte sich Asia Bibi an die internationale Gemeinschaft gewandt: Die französische Tageszeitung Le Figaro hat am 18. November einen Brief veröffentlicht, in dem die zum Tode Verurteilte Frankreich explizit um Hilfe bittet: "Ihr seid meine einzige Chance nicht in diesem Kerker zu sterben. Bitte lasst mich nicht hängen!"

Asias Familie hofft, den pakistanischen Präsidenten Manmoon Hussain durch den Druck der internationalen Gemeinschaft dazu zu bewegen, die Frau zu begnadigen.

 

Asia Bibi, kein Einzellfall

Allerdings drohen in dem Land, dessen Bevölkerung zu 97 Prozent aus Muslimen besteht, Extremisten jenen, die sich auf die Seite der Chrsitin stellen. Zwei Menschen mussten dafür bereits mit dem Leben bezahlen: Im Januar 2011 wurde der muslimische Gouverneur der Provinz Penjab, Salman Taseer, der sich für Asia Bibis Freilassung einsetzte von seinem Leibwächter erschossen. Drei Monate später wurde der Minister für religiöse Minderheiten, der Christ Shahbaz Bhatti, mit über 20 Schüssen getötet.

Das umstrittene Blasphemiegesetz sieht bei der Schändung des Korans lebenslange Haft, bei Beleidigung des Propheten Mohammed die Todesstrafe vor. Für eine Verurteilung reicht dabei oft aus, von jemandem bezichtigt zu werden. Dementsprechend landen regelmäßig Opfer persönlicher Rachespielchen im Todestrakt. Über 800 Menschen werden jährlich auf der Basis des Gesetzes verfolgt, die Hälfte davon sind Christen, die nicht einmal zwei Prozent der Bevölkerung darstellen. Einmal angeklagt, ziehen sich die Prozesse oft ewig hin. Die Strafen sind hart. Selbst Richter haben in Pakistan Angst, die Wut der Bevölkerung auf sich zu ziehen, wenn sie die Angeklagten freisprechen.

 

425.000 Unterschriften

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"Reißen Sie Mauern ein: Freiheit für Asia Bibi!" - Das Missionswerk Missio Aachen sammelt Unterschriften für die Abschaffung des Blasphemiegesetzes in Pakistan. 

In Frankreich kämpft die Journalistin Anne-Isabelle Tollet schon lange dafür, die internationale Aufmerksamkeit auf Asia Bibis Schicksal zu lenken. Gemeinsam mit der Verurteilten hat sie das Buch "Blasphème" geschrieben und eine Petition für deren Freilassung gestartet. Diese zählt bereits über 425.000 Unterschriften.

Auf Twitter mobilisieren sich die Nutzer ebenfalls mit Asia Bibi. Unter dem Hashtag #FreeAsiaBibi posten sie Bilder, auf denen sie ein Glas Wasser trinken. Mit dieser Aktion, die an die IceBucketChallenge erinnert, wollen sie die Unschuld von Asias "kriminellem Handeln" unterstrichen.

Auch Politiker wie Bundestagspräsident Norbert Lammert oder Paris Bürgermeisterin Anne Hidalgo haben sich für die Begnadigung der pakistanischen Chrsitin eingesetzt.

Durch die internationale Aufmerksamkeit könnte der Fall Asia Bibi zum Hoffnungsträger für in Pakistan verfolgte Christen werden. Statuiert der Staat allerdings ein Gegenexempel, wäre Asia die erste Frau, die in Pakistan wegen Blasphemie hingerichtet wird.

 
Eine wachsende Unterdrückung

Das Schicksal von Asia Bibi ist bei weitem kein Einzelfall, im Gegenteil: Die Unterdrückung Andersgläubiger nimmt immer neue Ausmaße an. Allein im Jahr 2014 wurden mindestens 10 pakistanische Christen auf Grund ihres Glaubens oder weil sie andere Glaubensrichtungen verteidigten, ermordet. Der Blasphemie beschuldigt, werden sie eingesperrt - manchmal ohne Beweise, nur weil sich jemand an ihnen rächen will - und meistens verurteilt, gefoltert und manchmal sogar in ihrer Zelle ermordet. Anwälte und diejenigen, die sich für die Rechte Andersgläubiger einsetzen, sind ebenfalls betroffen. ARTE Info hat einige Beispiele für Sie zusammengestellt: 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016