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Im Einsatz gegen Fremdenhass

Länder: Südafrika

Tags: Fremdenhass, Einwanderung, Arbeitslosigkeit, Ausschreitungen

Arbeitslosigkeit und Neid befeuern unter vielen Südafrikanern Fremdenfeindlichkeit. Nach anhaltenden Ausschreitungen setzt die Regierung nun sogar das Militär ein, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Mehr als 30 Verdächtige wurden festgenommen. 

In der südafrikanischen Hafenstadt Durban hatte alles begonnen, vor gut drei Wochen, nachdem der König der Zulus, Goodwill Zwelithini, Ausländer in einer Rede zum Verlassen des Landes aufgefordert hatte. Die Ausländer seien an der hohen Kriminalitätsrate im Land schuld. Es folgten Straßenschlachten, Plünderungen der von Ausländern geführten Läden, Dutzende wurden regelrecht gejagt und verletzt. Mindestens sieben Menschen wurden getötet. 

 

Seither haben tausende Menschen vor allem aus Simbabwe, Malawi, Mosambik und Somalia, aber auch aus anderen afrikanischen Ländern in improvisierten Flüchtlingslagern Schutz gesucht oder sind in ihre Heimatländer geflohen. Allein in der Provinz KwaZulu-Natal an der Ostküste Südafrikas sind Hilfsorganisationen zufolge inzwischen mehr als 5.000 Ausländer in solchen Lager angekommen. Vor zwei Tagen erst erklärte der Zulu-Stammesführer Zwelithini, er sei missverstanden worden und nannte die Gewalt gegen "Brüder und Schwestern" aus Afrika "eine Schande". Der König der größten Ethnie des Vielvölkerstaates hat zwar faktisch wenig Macht, genießt aber höchstes Ansehen.

 

Südafrika Karte

 

Die Ausländer werden zu den Sündenböcken des wirtschaftlichen Frusts einiger südafrikanischer Communities.

Caroline Dumay

Den Fremdenhass befeuern Arbeitslosigkeit und Neid: auch in Südafrikas Wirtschaftsmetropole Johannesburg liegt die Arbeitslosenrate bei offiziell 25 Prozent. Gekoppelt mit Perspektivlosigkeit und einem schleppenden Wirtschaftswachstum ist das der ideale Nährboden für Wut gegen erfolgreiche afrikanische Ausländer. Und es kommen immer mehr. Bereits jetzt leben laut unserer Korrespondentin Caroline Dumay vorsichtig geschätzte fünf Millionen Ausländer in Südafrika, das sind schon zehn Prozent der Bevölkerung. "Die Ausländer werden zu den Sündenböcken des wirtschaftlichen Frusts einiger südafrikanischer Communities."

Einwanderungspolitik nicht existent

Seit dem Ende der Apartheid sieht sich Südafrika einem enormen Einwanderungsstrom aus den anderen afrikanischen Staaten ausgesetzt. Laut Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind es knapp 310 000. Für Caroline Dumay hat es seither keine wirkliche Einwanderungspolitik gegeben: "Je nach Land gab es Regelungen, zum Beispiel für die politischen Flüchtlinge aus Somalia oder der Republik Kongo. Es gab Zeiten, in denen die Leute, die ins Land kamen, überwacht wurden, aber für die Nachbarländer ist die Grenze ein Sieb. Malawi zum Beispiel, das nur ein Stück weiter weg ist, ist das ärmste Land der Welt. Südafrika ist sein einziger Arbeitsmarkt. Und aus Simbabwe, das in einer politischen und wirtschaftlichen Krise steckt, sind in den letzten zehn Jahren Millionen Menschen gekommen. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der Bevölkerung von Simbabwe in Südafrika lebt. Politische und wirtschaftliche Flüchtlinge, alle sind ins südafrikanische Eldorado geströmt. Und die Südafrikaner haben auf diese Krise hin keine Grenzkontrollen eingeführt, und auch die Leute nicht auf die Ankunft dieser ausländischen Bevölkerung vorbereitet. Heute steht die Infrastruktur in sozialen und erziehungstechnischen Aspekten vor der Explosion."

Das "letzte Mittel"

Die Armee ist wesentlich abschreckender als die Polizei.

Caroline Dumay

Um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, greift die Regierung nun den eigenen Worten zufolge zum "letzten Mittel": die Armee. Verteidigungsministerin Nosiviwe Mapisa-Nqakula entsendet die Truppen "zur Abschreckung" in das Armenviertel Alexandra in Johannesburg und in die Provinz KwaZulu-Natal. Caroline Dumay zufolge ist das auch nötig, selbst, wenn sich die Lage gerade einigermaßen beruhigt. Die Armee hat den Ruf, sehr viel strenger zu sein als die Polizei, vor allem was Plünderungen betrifft: "Sie ist daher wesentlich abschreckender."  Bei ähnlichen Unruhen waren 2008 bereits 60 Menschen getötet und mehr als 20.000 vertrieben worden, die Sicherheitskräfte sollen eine Wiederholung der Ereignisse verhindern.

Besser spät als nie?

Die Polizei soll oft tatenlos zugesehen haben, die Regierung nicht schnell genug gehandelt haben. Caroline Dumay will das aber so nicht gelten lassen: "Ich denke, die Regierung hatte keinen wirklichen Handlungsspielraum. Als der fremdenfeindliche Mob durch die Straßen gezogen ist, hätte sie die Armee nicht schicken können, sie hätte zu großen Schaden angerichtet. Die Regierung musste daher die Polizei schicken. Es ist wahr, dass sie gegen den Mob nicht viel ausrichten konnte, aber die Regierung verurteilt regelmäßig und sehr hart Verantwortliche. Da es sich oft um isolierte Taten handelt, mal zehn Leute hier, mal fünf da und das im ganzen Land, ist es nicht leicht, dem beizukommen."

Mehrheit gegen Xenophobie

Die Mehrheit der Südafrikaner schockiert die Gewalt gegen Ausländer, im Land regen sich Proteste der bislang schweigenden Mehrheit. Morgen werden bei einem Friedensmarsch in Johannesburg mehr als 30.000 Menschen erwartet. Und auch Präsident Jacob Zuma hat die ausländerfeindliche Gewalt verurteilt.

Keine langfristige Lösung in Sicht

Die Armee wird die Unruhen unter Kontrolle bringen, ist allerdings nur eine kurzfristige Lösung des Problems. Denn die Unzufriedenheit der Randalierer wird bleiben und weiter brodeln. Für eine langfristige Lösung bräuchte es mehr Wirtschaftswachstum, weniger Arbeitslosigkeit und besser bezahlte Jobs. Derzeit sieht es allerdings nicht danach aus, dass auch nur eines dieser Kriterien erfüllt werden würde.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016